Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Den inneren Affen ruhig halten

Alle meditieren. Wirklich alle. Jetzt will unser Kolumnist York Pijahn endlich auch meditieren.

Veröffentlicht am 23.09.2016
Mann auf Yogamatte


Ich liege auf dem Teppich meines Arbeitszimmers, atme ein und denke: Freude! Ich atme aus und denke: Entspannung! Ich bin ganz bekifft vor guter Laune und … „Du pennst doch nicht etwa, oder?“ Ich rolle mich zur Seite und blicke mit Milde, ich würde sogar sagen mit der leuchtenden Milde eines nepalesischen Sonnenaufgangs in das Gesicht meiner Freundin, die sich gerade am anderen Ende der Gefühlsskala befindet. Tragetaschen an ihren Handgelenken, regennasse Haare. Sie sieht aus wie jemand, der gleich eine Kneipenschlägerei beginnt. „Du hast gesagt, du müsstest arbeiten und könntest deshalb nicht einkaufen.“ – „Ich habe meditiert.“ – „Klar!“ Tür geht zu, Freundin geht weg. Ich habe vor einem Monat begonnen zu meditieren. Wa­rum nur?

Der Dalai Lama, der Peter Lustig für frustrierte Chinesen?

Mein Freundeskreis verachtet seit Jahren alles, was mit Yoga, Strohmatten und Teesorten mit verdächtig langen Namen zu tun hat. Und mit jeder Art von Meditationsmusik, in der Synthesizer-Wellenrauschen, Kolibri-Summen und das Schüttelgeräusch einer buddhistischen Keksdose vorkommt. Meiner Freundin Silke zufolge ist der Dalai Lama der Peter Lustig für frustrierte Christen, was ich zwar nicht so hätte auf den Punkt bringen können, aber immer genauso gesehen habe. Vorbei. Seit Neuestem ist Meditation das ganz große Ding.

Da ich der Letzte bin, der auf den Meditationstrend aufspringt, hänge ich mich jetzt voll rein. Mit Feuereifer. Ich würde sogar sagen: mit dem Feuereifer eines Herbststurms, der das Nadelwerk der stolzen Himalaya-Zeder durchwühlt. Arbeitszimmertür geht noch mal auf: „Lass bitte dieses Kung-Fu-Film-Gequatsche und hol die Wasserkisten hoch.“ Und während alle um mich herum aus ihrer Meditation eine Privatangelegenheit machen, hänge ich es (Zitat meine Freundin) „an die ganz große Zen-Kloster-Glocke“. Freude, Entspannung, Freude, Entspannung. Ich lasse das Vorbeiziehen wie … Also ich lasse es auf jeden Fall vorbeiziehen.

„Erwecke eine Energie, die darauf wartet, erweckt zu werden"

Um meditationsmäßig fit zu werden, gucke ich jeden Abend Anleitungsvideos auf Youtube statt wie früher Serien auf Netflix. Meinem etwas gelangweilten Vor-Meditations-Ich ist aufgefallen, dass die meisten Youtube-Gurus wie moppelige Zivildienstleistende mit Samurai-Zopf und Pluderhosen aussehen, die die Körperpflege etwas schleifen lassen. Aber sind das nicht auch Gedankenwolken, die der Wind wegpustet? In meinen Lieblingsvideos werden Lebensmottos eingeblendet, mein Favorit: „Erwecke eine Energie, die darauf wartet, erweckt zu werden.“ Spitzensatz.

Um meine Meditationserfahrung ein bisschen vorzuführen, habe ich ihn zu dem Mann gesagt, der bei uns im Büro den Kopierer heil macht und zu meiner Freundin während der Hausarbeit. Beide rea­gierten wie die edle Kobra, die in ihrem dunklen Nest vom Licht der Sonne geblendet wird. Sie wissen, was ich meine.Um mich nicht von meinem Computer abhängig zu machen und meine neue Meditationskompetenz auch außerhalb der Wohnung zu zeigen, habe ich mir einen Audio-Guide auf mein Handy geladen: einen sogenannten Full-Body-Scan, bei dem man in Gedanken seinen ganzen Körper abschreitet. Seitdem sitze ich im ICE oder stehe an der Bushaltestelle und denke tatsächlich nicht mehr an die Arbeit. Sondern an meinen großen Zeh oder meinen Po und lächle dabei offensiv mein Umfeld an.

Es lief also eigentlich alles bestens. Bis mir meine Freundin das Video eines Tibeters mailte, der sich über die Meditationsanstrengungen der Westler lustig macht. Man könne auch bei einer Tasse Kaffee meditieren, sagt Mingyur Rinpoche, der in dem Film nur dasitzt und einen direkt ansieht. Ein altersloses Gesicht, unbeschwert und, auch wenn das Wort aus der Zeit gefallen zu sein scheint, heiter. Es gehe am Ende doch nur darum, den Krach im Kopf abzuschalten, den inneren Affen ruhig zu halten. Unter die Mail hat meine Freundin, wie immer Queen of Wortwitz, zwei Wörter getippt: Entspann dich.