Mord ist ihr Geschäft

"Ohne Distanz zu den Schicksalen hätte ich nicht arbeiten können"

Sonntagabends ermittelt halb Deutschland beim „Tatort“. Was aber, wenn verstümmelte Leichen und Psychopathen zum Job gehören? Drei Frauen für die Todesfälle Alltag sind – und ihre Lieblingskrimis.

Veröffentlicht am 08.11.2017

Rechtsmedizinerin Sybille Kraus: "Ohne Distanz zu den Schicksalen hätte ich nicht arbeiten können".


Dr. Sybille Kraus, 41

Untersucht als Rechtsmedizinerin Todesfälle

Viele Tötungsdelikte werden nie als solche erkannt. Damit sich das ändert, gebe ich Fortbildungen für Notärzte und niedergelassene Kollegen. Wir zeigen die Anzeichen nicht natürlicher Todesursachen: zum Beispiel punktförmige Einblutungen in Augenlidern und Bindehäuten, die auf Gewalteinwirkung am Hals hinweisen können, oder typische Verletzungen durch stumpfe oder scharfe Gegenstände. Wir versuchen, für verdächtige Symptome zu sensibilisieren.

Neun Jahre lang war ich mit Leidenschaft Rechtsmedizinerin. Eigentlich wollte ich Chirurgin werden. Aber damals hatte ich eine Art berufliche Sinnkrise und erfuhr schließlich, dass es den sogenannten Leichenschaudienst gibt. Ärzte untersuchen verdächtige Todesfälle in Zusammenarbeit mit der Polizei – das fand ich viel interessanter! Dafür bewarb ich mich im Münchner Institut für Rechtsmedizin und hatte Glück, denn es wurde gerade jemand mit klinischer Erfahrung gesucht. Ich hab das als Wink des Schicksals genommen – zu Recht: Es ist eine unglaublich spannende und vielseitige Arbeit. Die Autopsie ist ja nur ein Teil davon. Man untersucht auch lebende Verletzte – etwa misshandelte Kinder und Frauen – auf Zeichen von äußerer Gewalt. Und Verdächtige auf Wunden, die entstehen, wenn ein Opfer den Angreifer abwehrt. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Leichen ich obduziert habe. Viele. Im Institut werden pro Jahr bis zu 2500 Verstorbene untersucht.

Sybille Kraus hat zahllose Tote untersucht.


Anfangs war es nicht einfach. Besonders die Gerüche. Nach einigen Minuten gewöhnt man sich daran; trotzdem setzen sich die Ausdünstungen auf der Haut, in den Haaren und in der Kleidung fest, besonders bei Toten, die nicht sofort gefunden wurden. Deshalb muss man hinterher gründlich duschen. Einer der Fälle, die mir nahegegangen sind, waren die zwei kleinen Mädchen aus Krailling, die laut Gerichtsurteil von ihrem Onkel ermordet wurden. Ich untersuchte auch den Hauptverdächtigen und fand Verletzungen, die zum Tatzeitraum entstanden sein konnten. Damals war ich noch nicht Mutter, deshalb konnte ich auch diese Aufgabe professionell angehen. Diese notwendige Distanz eignet man sich automatisch an. Jede Leiche auf dem Obduktionstisch bedeutet ein Schicksal, eine Tragödie. Würde man sich emotional damit befassen, könnte man nicht weiterarbeiten. Ich habe mich also aufgespalten. Privat bin ich ein sehr emotionaler Mensch, im Beruf aber habe ich meine Empfindsamkeit quasi an der Tür zum Institut abgegeben. Wie gefühllos ich dabei war, ist mir aufgefallen, als ich einmal nachts um drei wegen eines Vergewaltigungsopfers angerufen wurde. Ich war übermüdet und checkte die Angaben der Frau rein medizinisch, sachlich und kühl. Ein Routinefall. Aber nicht für die Patientin. Erst als sie zusammenbrach, wurde mir klar, dass ich bestimmte Schwingungen gar nicht mehr wahrnahm. Ich war erschrocken, weil ich niemals auf diese Weise abstumpfen wollte.

Ich bin ausgestiegen, weil es keine Aufstiegsmöglichkeiten gab. Und mir die Lebenden gefehlt haben. Heute bin ich Mutter, auch das hat meine Entscheidung beeinflusst. Ich habe mir vorgenommen, Anfang kommenden Jahres meine Facharztprüfung in Allgemeinmedizin abzulegen, dann möchte ich mich mit einer Praxis selbstständig machen.

Ich habe beobachtet, dass meine professionelle Distanz abgenommen hat. Ich gehe nie im Wald joggen. Schon gar nicht mit Musik im Ohr. Wenn mir jemand zu nahe kommt, wechsele ich die Straßenseite. Es gibt Gefahren. Sie sind real. Ich werde sie nie vergessen.

Lieblingskrimi: „Die Entscheidung“ von Charlotte Link (Blanvalet).

Eva Gäbl, 52

Nutzt Hightech, um alte Mordfälle aufzuklären

Einer ihrer wichtigsten Fälle sei der Mord an Kornelia S. gewesen, sagt Eva Gäbl, der habe sie lange beschäftigt. Die 26-jährige Verkäuferin wurde 1985 tot in ihrer Wohnung aufgefunden, nackt und blutüberströmt. Ein Duschunfall? Die Verletzungen erzählten etwas anderes. Und dann war da diese Spur einer Handfläche an der Wand, die niemandem aus dem Umfeld der Toten zugeordnet werden konnte. Nach 25 Jahren nahm die Soko „Altfälle“ die Ermittlungen wieder auf – und wurde fündig. Der Handabdruck des Täters war mittlerweile wegen eines anderen Delikts gespeichert. Auch die DNA stimmte überein. „Er hat sofort gestanden“, sagt Eva Gäbl.

Kommissarin Eva Gäbl, hier im Archiv der Altfälle bei der Münchner Kripo.


Die Kommissarin sitzt in einem kleinen Büro voller Akten im dritten Stock des Münchner Polizeipräsidiums, ihr Labor ist im Nebenzimmer. Dort steht ein teilverglaster Schrank, in dem transparente, spitz zulaufende Plastiktüten hängen, prall gefüllt mit wasserklarem Ethanol – reinem Alkohol. In einer Tüte schwimmt die Sohle eines Turnschuhs, in einer anderen ein Schnürsenkel. Wem gehörten sie? Einem Opfer oder Täter?

Eva Gäbl sagt dazu nichts, denn die Ermittlungen haben gerade erst begonnen. Außerdem hält sich die Kommissarin sowieso lieber zurück, sie lächelt, wirkt angenehm diskret. Seit zehn Jahren ist die 52-Jährige bei der Soko „Altfälle“, zurzeit arbeitet sie allein an etwa 200 Fällen. Zwei Drittel hat sie durch, immerhin 25 wurden gelöst – dank neuer Datenbanken und DNA-Analysetools. Eins davon bedient Eva Gäbl in ihrem Labor. Es nennt sich „Münchner Waschverfahren“ und ist bundesweit einzigartig. „Man setzt es ein, wenn andere Spurensicherungsverfahren keinen Erfolg haben“, sagt die Kommissarin.

Das Prozedere ist immer gleich. Ein Kollege aus der Mordkommission meldet sich bei ihr, wenn ihm die Gegenwart Zeit für die Geheimnisse aus der Vergangenheit lässt. Eva Gäbl fordert dann die entsprechenden Beweismittel in der Asservatenkammer an. Die Asservate – im aktuellen Fall also die Sohle und die Schnürsenkel des Turnschuhs – werden in Ethanol ausgewaschen und ausgebürstet. Der Abrieb sinkt im Ethanol nach unten, in die Spitze der Plastiktüte. Er sieht aus wie unscheinbare Krümelchen. Wenn alles gut geht, findet die Spurensicherung darin Erbmaterial, das den oder die Täter überführt. So kann die Akte viele Jahre nach dem Verbrechen geschlossen werden. Endgültig.

„Ein gutes Gefühl“, sagt Eva Gäbl. Eine Art Befriedigung, die für sie in keinem anderen Beruf denkbar sei: „Ich wollte immer zur Polizei. Schon mit zwölf habe ich Krimis gelesen, Verbrechen haben mich fasziniert.“ Lange Zeit hat sie in der Vermisstenstelle gearbeitet, bis sie Lust auf etwas Neues hatte: auf die Soko „Altfälle“. Hier will sie weitermachen, „bis ich die 200 Fälle abgearbeitet habe“, sagt Eva Gäbl und lacht. Sie meint es sehr ernst.

Eva Gäbl liebt Krimis von Jo Nesbø, besonders „Durst“ (Ullstein).

Lydia Benecke, 34

Kümmert sich als Kriminalpsychologin in Köln um „harte Fälle“

Lydia Benecke, Expertin für Pädophile, Vergewaltiger, Mörder – und erfolgreiche Autorin.


Eine ungewöhnliche Berufswahl. Wie kamen Sie dazu?
Ich bin in einem Problemviertel aufgewachsen. Es gab Sexualstraftaten, Drogenkriminalität, und ich erinnere mich an einen Pyromanen, der regelmäßig das Nachbarhaus angezündet hat. So eine Umgebung prägt. Ich bin nicht straffällig geworden, aber das Thema hat mich immer fasziniert. Deshalb habe ich Psychologie studiert und mich auf Psychopathologie und Forensik spezialisiert, also die Untersuchung und Therapie krimineller Handlungen.

Sie arbeiten mit Pädophilen, Vergewaltigern und Mördern. Ist das nicht schwierig als Frau?
Nein, das ist nicht ungewöhnlich, ich habe viele Kolleginnen. Es funktioniert, weil die Männer uns weniger als Frauen wahrnehmen, sondern als Berufsgruppe. Wir sind die Experten, die wissen, was mit ihnen los ist, die ihnen manchmal helfen können, und in dieser Funktion werden wir akzeptiert.

Wie arbeiten Sie?
Einzeln und in Gruppen. Wie in einer klassischen Psychotherapie behandeln wir die Kindheit,
die Jugend, das Verhältnis zu den Eltern, zur Umwelt, zu Lebenspartnern. Im Kern stehen aber das bewusste Wahrnehmen und Regulieren von Gefühlen und Bedürfnissen, die Übernahme der Opferperspektive und – ganz wichtig – die Korrektur von Gedankenverzerrungen, die zur Rechtfertigung der eigenen Taten genutzt wurden. Solche Therapien dauern mehrere Jahre und sind oft sehr unangenehme Erfahrungen für die Täter, weil sie mit sich selbst konfrontiert werden. Sie können sich nicht länger belügen. 

Was bewirkt das?
Dass die Täter Verantwortung übernehmen, ist ein erster Schritt. Sie lernen, mit übersteigerter Aggression und sexuellen Wünschen umzugehen, die nicht ausgelebt werden dürfen. Man kann Triebe nicht heilen, nur beherrschen. Vor allem ist es wichtig, dass sie Risikosituationen erkennen und Auslöser meiden. Gefängnistherapeuten wird oft vorgeworfen, sich von Gewalttätern manipulieren zu lassen. Die Männer würden entlassen und erneut straffällig werden. Gravierende Fehleinschätzungen sind wirklich selten. Es gibt wissenschaftlich erforschte Risikofaktoren, mit denen sich Rückfallwahrscheinlichkeiten bestimmen lassen. Nicht jeder Täter ist erfolgreich behandelbar.

Welche nicht?
Ein sehr hohes Rückfallrisiko hätte zum Beispiel ein Täter mit ausgeprägten sexuellen Tötungsfantasien sadistischer Natur, die er bereits ausgelebt hat. Er hätte kaum Chancen, jemals rauszukommen.

Wurden Sie schon manipuliert?
Manche versuchen das, ja, vor allem dissozial-narzisstische Persönlichkeiten – klassische Psychopathen: „Kennen Sie das nicht auch? Seien Sie ehrlich: Waren Sie nie in einer ähnlichen Situation?“ Sie versuchen, von sich selbst abzulenken und Macht über andere auszuüben, indem sie persönliche Grenzen überschreiten. Als Therapeutin sage ich dann: „Es geht nicht um mich, es geht um Ihre Gedanken und Gefühle.“ Ich muss mich abgrenzen. Immer wieder. Das ist eine Herausforderung.

Lydia Beneckes Krimi-Tipp: „Das Tal der Angst“ von Arthur Conan Doyle (Fischer Tb). Ihr eigenes Buch „Psychopathinnen“ erscheint im Januar bei Lübbe.