Sézane-Gründerin Morgane Sézalory

Pariser Klick

Mit ihrem Onlineshop Sézane begeistert Morgane Sézalory Frauen auf der ganzen Welt. Wie sie das macht? Mit jeder Menge Pariser Lässigkeit.

Veröffentlicht am 11.09.2017
Ganzkörperbild von Megan Sézalory

Mit einem kleinen Online-Shop für Vintage-Mode fing es an, heute trägt ­Morgane Sézalorys Firma Sézane französischen Chic in die Welt.


Der Ruf der Pariserin, jenes sagenumwobene Je ne sais quois, ist, wie man weiß, eine grandios inszenierte Show. Was nichts daran ändert, dass man manchmal, in einem schwachen Moment, wirklich nur un petit peu, auch gerne eines dieser sinnlich-lässigen Überwesen wäre. Wie Morgane Sézalory, die auf ihre Art genauso perfekt scheint wie so viele Parisiennes – mit dem Unterschied, dass sie einem nicht das Modell „Kindfrau“ mit Schmollmund verkauft. Es würde ohnehin nicht zu der erfolgreichen Unternehmerin passen, die sie ist. Noch vor ein paar Jahren kannte außerhalb Frankreichs kein Mensch ihre Modefirma Sézane.

Inzwischen gilt das 2013 gegründete Unternehmen als Inbegriff eines unkomplizierten Chics, den nicht nur die Französinnen, sondern auch Engländerinnen, Holländerinnen, Deutsche und Amerikanerinnen lieben. Wenn viermal im Jahr die neue Kollektion online geht, sind Kleider, Seidenblusen, Hosen, Schuhe und Taschen innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Anfangs legte Morgane Sé­zalory nicht nach – wie auch, als One-­Woman-Show, die sich um alles, von den Entwürfen bis zur Pressearbeit, allein kümmerte? ­Heute hat sie einen Geschäftspartner, 50 Angestellte und 300 000 Kundinnen weltweit. Alle vier bis sechs Wochen wird der Online-Shop aufgestockt, um kurz darauf wieder ausverkauft zu sein.

Bezahlbare Exklusivität als Geheimrezept 

Die Beliebtheit des Labels kann man auf zwei Arten erklären: Künstliche Verknappung schafft im Kapitalismus Begehrlichkeiten. Und: „Die Frauen merken, dass hinter Sézane jemand steht, der Menschen mag. Außerdem gebe ich mein Bestes“, sagt Morgane Sézalory. Ihre Sachen, die die 32-Jährige werbetauglich regelmäßig auf Fotos trägt, sind tatsächlich von außergewöhnlich hoher Qualität. Zwei Drittel der Kol­lektion werden in Europa gefertigt: in Manufakturen, die auch für Chloé und Lanvin arbeiten. Dass ein Paar Ledersandalen bei Sézane am Ende nur 150 statt 450 Euro kostet, hängt mit dem Geschäftsmodell zusammen: Der Verkauf läuft fast exklusiv über den Online-Store statt über Boutiquen. Kaufhäuser werden nicht beliefert – keine Vertriebskosten, keine überteuerten Preise.

Trifft man Morgane Sézalory, wirkt sie auf den ersten Blick hübsch, auf den zweiten klug und auf den dritten unglaublich nett. Sie schwärmt vom Feel-good-Faktor ihrer Mode, von Kleidung, die bequem ist und die zum Leben berufstätiger Frauen passt – Frauen, die wie sie selbst trotz forderndem Job und kleinen Kindern gut angezogen sein wollen. Das Reden über Zahlen überlässt sie grundsätzlich ihrem Geschäftspartner, als wäre sie bloß Kreative statt Unternehmerin. Dabei verkaufte sie schon als 18-Jährige in großem Stil Vintage-Kleidung im Internet.

Concept-Store Sézane von außen

Der Pariser Concept-Store von Sézane. Ein zweiter soll im September in New York eröffnen, in der Elizabeth Street in Manhattan.


Die virtuelle Welt real erleben

175 000 Menschen folgen ihr inzwischen auf Instagram, wo sie regelmäßig Einblick in ihre Arbeit gibt, aber eben auch in das Leben mit ihrem Mann Thibault und den beiden niedlichen Töchtern Nina, fast 3, und Olivia, 1 Jahr alt: Strandbilder vom Urlaub in der Normandie, Fotos der lichtdurchfluteten Pariser Altbauwohnung, in der gut erhaltene Flohmarktfunde neben „Beetle“-Stühlen von Gubi und Lampen der iranischen Designerin India Mah­davi stehen. Dazwischen Kissen, Kunst und Wohnaccessoires von Sézane, denn Sézalory verkauft längst auch Bettwäsche, Keramik und Papeterie. Alles ist sorgsam aufeinander abgestimmt und wirkt gleichzeitig so unangestrengt, wie man es von den Pariserinnen eben kennt.

Immerhin gibt Morgane Sézalory zu, einiges dafür zu tun: „Ich arbeite extrem viel, halte die Augen ständig offen. Alles ist Inspiration – Farben, Augenblicke, Bilder, Gefühle, alte Stoffe.“ Manchmal auch andere Labels. Gerade erst tat sie sich mit dem hippen Indie-Magazin ­Holiday zusammen, für das sie strandtaugliche T-Shirts, Sweatshirts und Bademode entwarf. Die limitierten Teile waren, logisch, nach zwei Tagen weg. Nicht wenige gingen direkt nach New York, wo es ab September einen Sézane-Concept-Store geben wird. Ziemlich sicher wird auch dieser Laden ein Erfolg, wie das Vorbild in Paris, das 2015 eröffnete. „Wirtschaftlich betrachtet hätten wir diesen Store nicht gebraucht“, sagt die Unternehmerin über die 400 Qua­dratmeter in der Pariser Rue Saint-­Fiacre. Aber als die alten Nachbarn auszogen, dachte sie sich: Warum nicht einen Ort erschaffen, an dem die Kundin die Welt von Sézane nicht bloß virtuell, sondern ganz real erleben kann?

Hin und wieder trifft man sie hier und kann gar nicht anders, als diese Frau und alles, was sie verkauft, très jolie zu finden und sich zu denken: Vielleicht könnte man ja doch ein bisschen Pariserin sein, denn diese Lässigkeit ist nur bedingt eine Frage von Lebensart, Zeit und Geld, sondern vor allem eine der Motivation. Man müsste sich dafür Morgane Sézalorys Lebensmotto zu eigen machen, das sie sich von Samuel Beckett abgeschaut hat – jenem Schriftsteller, der Paris liebte wie keine zweite Stadt: „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Concept-Store Sézane von innen

Über 400 Quadratmeter misst der Concept-Store in der Rue Saint-Fiacre und bietet damit jede Menge Platz für besondere Stücke mit französischem Flair.