Muss ich das?

… wandern?

Der Berg ruft. Die Frage ist, ob man seinem Ruf an einem schönen Herbsttag nachgeben muss, sich in Funktionskleidung zwingt und – wie alle anderen – Höhenmeter macht?

Veröffentlicht am 25.09.2016


Kirsch-beer-mar-me-la-de ... Kirsch-beer-mar-me-la-de ... Kirsch- beer-mar-me-la-de ..., trommelt es in meinem Kopf. Bei jedem Schritt eine Silbe. Und es ist nicht klar, ob der Körper oder der Geist hier den Takt vorgibt. Überhaupt ist einiges nicht klar an diesem schönen Sonntagmorgen. Wieso habe ich mich nicht einfach wieder umgedreht, als der Wecker in aller Herrgottsfrüh geläutet hat? Noch ein kurzes Pläuschchen mit dem Kopfkissen, so lange, bis die Sonnenstrahlen einen endgültig aus der Kiste werfen. Dann verknautscht runter ins Café, kluge Zeitungskommentare lesen und später vielleicht gemütlich ins Freibad radeln. Ach, das Leben könnte so schön sein ...

Stattdessen kirschbeermarmeladisiere ich mich rauf auf diesen Berg. Die nächste Unklarheit an diesem Morgen. Es gibt Kirschen, es gibt Beeren und es gibt Marmelade. Wieso mein Hirn seit Höhenmeter 1097 aus den dreien eine sinnentleerte Kombination wie ein Frühstücks-Mantra diktiert, bleibt mir unklar.

Ich habe an diesem Morgen gemäß der grassierenden Wanderlust meinen Hedonismus in die Vorratskammer gesperrt und mich in praktische Funktionskleidung gezwängt. Sehr sportlich, sagt der Spiegel. Aber sehr unvorteilhaft, heule ich zurück. Wer heutzutage gut ausgerüstet wandern gehen will, sollte besser ein Freund von Knallfarben sein. Wie strahlend gelbe, rote, rosa oder blaue Pünktchen bewegen sich Bergbegeister- te im dritten Jahrtausend durch die Natur. Sie werfen sich aber nicht etwa in buntes Zeugs, weil sie Angst haben, irrtümlich vom Jäger abgeknallt zu werden, sondern um den anderen zu signalisieren: Du bist hier nicht allein. Dabei ist doch gerade die Einsamkeit Teil des Spiels, das uns auf die Berge treibt. Der zweite Teil hat etwas mit Freiheit zu tun.

Was genau, das erschließt sich mir gerade nicht. Die Ferse zwickt im Bergschuh und verlangt dringend nach einem Blasenpflaster, das gut verstaut im Erste-Hilfe-Kasten im Auto liegt. Die Zunge klebt am Gaumen, die Wasserflasche ist seit besagtem Höhenmeter 1097 leer. Und zur Kirschbeermarmelade in meinem Kopf hat sich „Atemlos“ von Helene Fischer dazugetaktet. Wo das herkommt? Kann ich Ihnen nicht sagen. Kaufhausmusik? Spotify-Trailer? Den mir unbekannten Text reimt sich mein Hirn selbst zusammen, rhythmisch unterlegt von meinem Schnaufen. Denken und Gehen, sagte der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard, sind zwei durchaus gleiche Begriffe. Seine Schlussfolgerung: Wer vorzüglich geht, denkt auch vorzüglich – und umgekehrt. Mit Kirschbeermarmelade und Helene Fischer im Kopf müsste ich dann ja wohl auf dem Bauch den Berg hochrobben.

Robben wär gar nicht schlecht. Zu meinen Füßen breiten sich Heidelbeeren wie ein blaugrüner Teppich aus. Dazwi- schen blitzen vorwitzig saftig rote Walderdbeeren durchs Moos und die Tannen duften besser als jeder Badeschaum. Großartig, denke ich und nehme einen tiefen Atemzug von der klaren Bergluft. Gleich bist du oben, verspricht die Wanderkarte, und tatsächlich schiebt sich in dem Moment das Gipfelkreuz über den letzten Wipfel.

Plötzlich sind die Beine erstaunlich leicht, der Blick löst sich vom Boden und berauscht sich an der Grenzenlosigkeit. Ich bin oben. Ein kleiner quietschpinker Punkt in einer Welt, die sich im 360-Grad-Panorama unter mir ausbreitet. So schön, so fulminant, so einzigartig, dass Glücksschauer meinen Körper durchrieseln. Das ist Freiheit, flüstert die Welt, Hirn und Körper danken artig.

Kirschbeermarmelade und Helene Fischer sind irgendwo auf den letzten Metern verloren gegangen.