Plädoyer für die Lücke

Liebe Leerstelle

Blinde Flecken im Lebenslauf, Gesprächspausen und Tage ohne „To do“-Listen: Wieso halten wir Leerstellen heute so schwer aus? Dabei zahlt sich der Mut zur Lücke aus – weil in ihr die Freiheit wartet.

Veröffentlicht am 23.01.2017
Mund eines Kindes mit Zahnlücken.

Nicht immer einfach, aber es ist das Risiko wert: Mut zur Lücke haben.


Wenn ich an einer Kirche vorbeikomme, zünde ich manchmal eine Kerze an oder setze mich ein paar Minuten rein. Mit Gott hat das nichts zu tun, ich glaube an keinen. Aber ich glaube an Kirchen, weil sie zu den wenigen Orten gehören, wo man vor Lücken keine Angst hat. Jeden Augenblick könnte sich ein Wunder ereignen. Jeden Augenblick könnte eine Stimme zu dir sprechen und dir sagen, dass du nicht verzweifeln oder endlich verzeihen sollst, und irgendwann wird die Welt erlöst werden, obwohl alles dagegenspricht und du es selbst nicht mehr erleben wirst. Auch wenn einem das Übersinnliche nichts gibt, ist es wichtig, dass man an die Kraft der Lücke glaubt. Doch das schaffen wir meistens nicht. Die Menschen haben Angst vor der Lücke.

Lücken machen verdächtig

Sie könnte ein endloser Abgrund sein, in den man stürzt. Sie ist ein Fehler im System. Es gibt Unmengen Ratschläge dazu, wie man Lücken im Lebenslauf kaschiert – schließlich macht sich verdächtig, wer kein lückenloses Alibi hat. Ist ja auch riskant, zu wenig über den Menschen zu wissen. Er könnte sich als jemand herausstellen, der von einem ganz anderen Glück träumt als man selbst. Und wenn es ums Glück geht, will man sich nicht zu viel Unsicherheit aufladen. Wir halten es ja nicht einmal aus, wenn irgendjemand während eines Gesprächs ein paar Sekunden zu lange schweigt. Folglich gibt es im Fernsehen keine Gespräche mehr, sondern Talkshows, in denen sich lauter starke Egos ständig gegenseitig ins Wort fallen. Es ist nicht wichtig, was dabei gesagt wird, es geht nur darum, dass dieses Dauergeräusch vorherrschend ist, das an Reden erinnert. Keine Lücke, die einen dazu brächte, nachzudenken und bei sich selbst zu landen.

Das Geschäftsmodell der Internet-Giganten besteht darin, ihre Kunden detailliert zu kennen, um ihnen dann das anbieten zu können, was ihnen gefallen könnte. Wenn jemand in einem seiner Gmail-Briefe nebenbei Zähne erwähnt, wird er wochenlang mit Anzeigen von Kieferchirurgen verfolgt. Wer auf Amazon nach einem Geschenk für einen Neffen gesucht hat, bekommt exakt das, was er dann doch nicht gekauft hat, immer wieder zu sehen – der lückenlosen Überwachung möglicher Konsumwünsche soll keiner entgehen. Und wer auf Facebook kommuniziert, landet in einer dieser Filterblasen, in denen man sich einreden kann, die Welt da draußen ticke genauso wie man selbst. Es ist, als würde man den Menschen nicht mehr zutrauen, dass sie überrascht werden wollen.

Lückenlosigkeit wird überschätzt

Die energische Bekämpfung der Lücke hat sich längst der Arbeitswelt bemächtigt. Wer nicht permanent verfügbar ist, läuft Gefahr, sich einen Ruf als Minderleister einzuhandeln und nicht befördert zu werden. Die Zeiten werden härter, da draußen sind lauter Konkurrenten – und die werden sicher nicht einfach nur zum Fenster hinausstarren und tagträumen.

Für die Lückenangst der Gegenwart gibt es noch jede Menge weiterer Indizien. Da ist der Hang, das eigene Leben bis in die kleinsten Details zu optimieren, um zu einer Allround-Persönlichkeit mit gleichmäßigem Teint, funktionierendem Sozialleben und stabiler Psyche zu werden. Der Drang selbst das bisschen freie Zeit, das man für sich herausschlagen kann, aktiv zu verbringen, statt auf dem Sofa zu liegen und nichts zu tun. Da sind die irrwitzigen Ansprüche an Menschen, mit denen man sich auf Liebesgeschichten einlässt, weil man seine Energien nicht mit jemandem verschwenden will, der nicht auf allen Gebieten des Zusammenlebens vollkommen ist. Da sind diese Eltern, die ihren Kindern zusätzlich zur Schule Musik-, Ballett- und Tennisstunden verpassen, statt ihnen ihre Kindheit zu lassen. Da ist diese Angst vor dem Unsichtbar-Werden, wenn man nicht jeden Tag auf den sozialen Kanälen durchgibt, was man gerade denkt, tut, gekauft hat und fühlt – obwohl es nur sehr selten etwas anderes ist als das, was alle anderen auch denken, tun, kaufen und fühlen. Das ist ganz sicher keine lückenlose Aufzählung, aber Lückenlosigkeit wird ohnehin überschätzt. Wozu sollte sie gut sein?

Lücken machen das Leben gut

Was hat man davon, wenn man sich mit 30 oder 40 sagen kann, dass man keinen Monat seines Lebens vergeudet hat? Würde man sich mit 50 lieber an das halbe Jahr erinnern, in dem man einen Sprachkurs absolviert hat – oder an jene sechs Monate, als man verantwortungslos herumgevögelt hat und im Nachtleben versackt ist? Wird man attraktiver dadurch, dass man sich die Zahnlücke korrigieren hat lassen? Sind die Gespräche wichtiger, bei denen jeder plappert, was ihm so durch den Kopf blubbert, oder vielleicht nicht doch jene, bei denen es Schweigelücken gab, in denen die Sätze Echos werfen konnten?

Die Antwort kennen wir: Es sind die wunderbaren Lücken, die das Leben gut machen. Tage, über denen nicht „To do“ steht, sondern „Ich will“; das Desertieren vor dem, was von einem erwartet und verlangt wird, und sei es nur von einem selbst; die Nonchalance, mit der man es schafft, sich mal treiben zu lassen, blauzumachen, krankzufeiern. Man könnte hinterher nicht einmal sagen, was man getan hat; ich bin spazieren gegangen, hab im Bett herumgelegen, mich verloren – aber in Wahrheit bin ich mir nähergekommen, endlich wieder einmal. In den Lücken lockt die Freiheit, weil es in ihnen nicht so weitergeht, wie es die Regel verlangt. Plötzlich ist da etwas, was man nicht hat kommen sehen, eine hinreißende Zahnlücke im Lächeln, ein gestohlener Spätsommertag, ein vertüddeltes Wochenende, ein Geheimnis in all dem Erwartbaren. Die Lücke ist ein Ausgang, durch den man zu sich selbst findet. Der Komponist John Cage hat das erkannt, mit seinem oft verlachten Stück „4’33“. Es dauert exakt vier Minuten und 33 Sekunden, und es geschieht darin nichts – und sehr viel. Kein Musiker spielt einen Ton, und dennoch beginnt man nach einiger Zeit etwas zu hören, sich selbst, die Geräusche, die man macht, wenn man bloß dasitzt.

Du bist die Musik, sagt diese Nicht-Musik, du selbst: Du musst nur den Mut haben, in die Lücke zu gehen.