Muttertag

Mensch, Mama, ich mag dich

Als Kind hat man sie gebraucht, als Teenager manchmal verflucht, danach ging sie einem oft auf die Nerven. Mensch, Mama, stöhnt man, bis sich dann langsam ein versöhnlicher Ton durchsetzt – und Friede herrscht.

Veröffentlicht am 12.05.2017
Mutter und Tochter umarmen sich.


Manchmal sagt sie zu mir: „Ich habe vieles falsch gemacht.“ Dann sage ich: „Aber auch sehr vieles richtig.“ Ich nenne diese Dialoge Wiedergutmachungsgespräche. Das weiß sie nicht, denn sie würde sofort behaupten: „Siehst du? Wenn man etwas wiedergutmachen muss, hat man vorher etwas falsch gemacht.“ Sie würde alle Schuld auf sich nehmen, wie sie das immer tut. Das ist ein Reflex bei ihr. Kaum schwirrt ein Vorwurf durch den Raum, fängt sie ihn ein und macht ihn sich zu eigen. Und ich sitze da und denke still: Okay, von nichts kommt nichts. Schließlich war ich diejenige, die ihr jahrzehntelang wie ein Spiegel ihre Unzulänglichkeit vor Augen gehalten hat.

In solchen Momenten nehme ich sie in den Arm, spüre, wie dünn, zart, verletzlich sie ist. Ich sage dann: „Mensch, Mama, ich mag dich“, und ich weiß, das tut ihr jetzt genauso gut wie mir. Wir haben beide unsere Blessuren davongetragen und blicken nun nach 40 Jahren gleichsam erschöpft auf unser Mutter-Tochter-Waffenarsenal. Wir haben keine Lust mehr zum Kämpfen, weil wir gemerkt haben, wie schön Frieden sein kann. Sie war die erste Frau in meinem Leben. Mein Fixpunkt, mein Maßstab, mein Vorbild. Katzen haben Kratzbäume, um ihre Krallen abzuwetzen. Ich hatte meine Mutter. Zum Erwachsenwerden brauchte ich sie, aber Wachsen tut auch weh. Und diese Schmerzen übertrug ich – typisch Tochter – in ihren Verantwortungsbereich. Der Vater war mein Held, die Mutter meine Antiheldin.

Natürlich wehrte sie sich gegen diese Ungerechtigkeit – denn natürlich meinte sie es gut mit mir. Sie gab mir mehr als Zuckerbrote für die Schulpausen und Pflaster für die aufgeschürften Knie. Sie war damals jung und eigenwillig. Sie ging arbeiten, während andere Mütter zu Hause blieben. Sie machte den Mund auf, wo andere Frauen schwiegen, brach aus ihrer Ehe aus, weil sie mehr vom Leben erwartete. Das findet ein kleines Mädchen erst mal irritierend, und so spielte ich mit demonstrativem Eifer „Mutter, Kind“ mit meinen Puppen. Ich führte ihr vor Augen, wie heile Welt aussah, jedenfalls für mich.

Ich erzählte ihr auch, dass ich nach der Schule bei meiner Freundin zum Mittagessen war und dass ich es dort viel schöner fand als bei uns, weil die Mutter zu Hause war und kochte und mit am Tisch saß. Meine Mutter kochte auch, bevor sie zur Arbeit ging, und heute habe ich einen Kloß im Hals, wenn ich an den in ein Geschirrtuch eingewickelten Kochtopf denke, den sie unter ihr Federbett packte, damit ich was Warmes zum Essen hatte, wenn ich nach Hause kam. In diesem hellblauen Emailletopf steckten nicht nur Spinat mit Rührei und Kartoffelbrei, sondern auch eine Menge Liebe. Und wenn ich ganz ehrlich bin, schmeckte es sogar besser als bei meiner Freundin. Aber so ehrlich war ich meiner Mutter gegenüber nicht. Damals nicht. Da wollte ich ihr auf die Zehen steigen, bis sie „Aua“ schrie. Kinder sind Egoisten, und ich war ein ganz normales Kind.

Dass mein Vater so einfach gegen einen anderen Mann ausgetauscht wurde, empfand ich als persönliche Kränkung. Natürlich hatte sie ein schlechtes Gewissen – aber auch das untrügliche Gefühl: Ich lebe mein Leben nicht nur für meine Kinder. Heute weiß ich, dass es genau diese Haltung war, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Ich höre meine Mutter noch: „Du sollst einen ordentlichen Beruf lernen, du darfst nie von einem Mann abhängig sein, du musst dir selbst treu bleiben!“ Und dann zitierte sie gern die alte Pensionatsleiterin in den „Buddenbrooks“: „Werde glöcklich, du gutes Kind!“ Wie Stützpfeiler hat sie diese Sätze auf mein Lebensgrundstück gestellt; etwas widerborstig habe ich darauf mein Haus gebaut. Heute steht es fest, und ich bin meiner Mutter dankbar, dass sie so beharrlich war. Beharrlich auch in ihrer Unzulänglichkeit. Natürlich hat sie Fehler gemacht, aber wer sich einen steinigen Weg aussucht, stolpert eben öfter. Auch das habe ich von ihr gelernt. 

Dass sie viele meiner besten Freundinnen nicht mochte, konnte ich ihr damals nicht verzeihen. Eine davon hat irgendwann ihr Studium an den Nagel gehängt, einen Zahnarzt geheiratet und „Karriere“ als seine Sprechstundenhilfe gemacht, bevor die Ehe in Konkurs ging. Hatte meine Mutter das geahnt? Wollte sie mich vor etwas schützen? Egal, ich wollte jedenfalls nicht begreifen und stritt mich mit ihr durch die Jahre. Es gab kaum ein Problem, das wir nicht durchdekliniert hätten. Halbe Sachen mögen wir beide nicht. „Du verstehst mich nicht“, lautete mein Anti-Mama-Mantra. Oder: „Immer dreht sich alles um dich.“ Oder: „Du hast mir gar nichts zu sagen.“ 

Ich zog mir indische Wallegewänder an und dachte im ersten Uni-Semester schon ans Kinderkriegen, weil ich wusste, dass sie das nicht leiden konnte. Meine langhaarigen Freunde waren ein Gegenentwurf zu ihrem peniblen zweiten Mann, man könnte auch sagen, eine offene Provokation. Nadelstiche setzen, das war mein Programm, und sie revanchierte sich mit einem fast lapidaren: „Ruinier dir nicht dein Leben.“ Manchmal fuhr sie auch aus der Haut, wurde laut, schrie mich an. Dann hatte ich’s geschafft, der Punkt ging an mich.  

Aber irgendwann hatten wir genug, legten unsere Waffen beiseite. Es war wie eine stille Übereinkunft nach all diesen Jahren des Zwistes und der Selbstfindung. Wir waren beide älter geworden und merkten anscheinend synchron: Das hat auch sein Gutes. Da war auf einmal Versöhnlichkeit, wo vorher Unversöhnlichkeit die Tonlage bestimmt hatte. Sie zeigte mir, dass sie stolz auf mich war, und ich merkte, wie schön sich das anfühlt. Sie hat zum dritten Mal geheiratet und ich weiß: Diesmal ist es gut für sie. 

Diese Frau hat mir als Kind meinen Rucksack gepackt und dabei die richtigen Dinge reingetan. Als ich das erkannte, wusste ich, dass ich erwachsen geworden war. Keine kleingeistige kindliche Trotzhaltung, kein mahnender mütterlicher Zeigefinger mehr. Stattdessen viel Raum für Zuneigung. Ich weiß: Hier ist jemand, der mich kennt wie kein Zweiter. Der an meiner Stimme hört, wenn etwas nicht stimmt. Der noch immer die besten Trost-Brote schmieren kann, wenn mir zum Heulen ist. Der mich auffängt, wenn die Lage mal wieder haltlos scheint. Meine Mutter, eine Art Basisstation für die Dinge des Lebens, die guten wie die schlechten. Dass die Welt kein Streichelzoo ist, hat sie mir ja beizeiten beigebracht.  

Heute rufe ich sie fast täglich an.  Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich gern mit ihr rede. Ihr gern zuhöre, besonders wenn sie von früher erzählt. Das sind ganze Kinofilme, die sie vor mir abspult, während ich dasitze und völlig neue Seiten an ihr kennenlerne, nach so vielen Jahren. Sie kann witzig sein und komisch und traurig und nachdenklich. Und wenn sie mal nervt, kann ich sagen: „Mama, du nervst!“, und sie lacht nur und sagt: „Ich weiß, ich bin ganz schön anstrengend.“ 

Ich rechne die Jahre hoch, die uns zusammen bleiben. Ist sie auf Reisen mit ihrem Mann – und sie reist viel, in Länder wie Laos, Kambodscha, Vietnam –, mache ich mir Sorgen und ertappe mich dabei, wie ich sage: „Aber bitte ruft an oder schickt eine SMS, wenn ihr angekommen seid.“ Das waren ihre Worte, wenn ich früher zu einer Freundin von Kiel nach Berlin getrampt bin und sie vor lauter Angst tausend Tode gestorben ist. Verbote waren nie ihre Sache, vielleicht kann ich sie auch deshalb so freimütig lieben. 

Wenn heute jemand zu mir sagt: „Du bist wie deine Mutter“, denke ich: Na und? In solchen Momenten wünsche ich mir, sie könnte Gedanken lesen. Wir könnten uns die Wiedergutmachungsgespräche sparen.