Kolumne: Muss ich das?

... Nachrichten lesen

Ob Attentat, Militärputsch oder US-Wahlkampf – die Phase chronischer Horrornachrichten reißt nicht ab. Wenn man bei jedem „Pling“ seines Smartphones zusammenzuckt, muss man dann trotzdem noch Nachrichten konsumieren?

Veröffentlicht am 04.11.2016

Zeitung aufschlagen. Lohnt sich das noch?


Nichts aktiviert das Hinein-ins-Weekend-Feeling so perfekt wie ein Freitagsdinner mit Freunden. Wie neulich, als ich mich in einem Berliner Restaurant von gutem Crémant und schlechten Witzen absorbieren ließ. Meinen Schwips chauffierte ich auf dem Rad nach Hause. Die Stimmung hielt exakt bis zum Treppenhaus. Ein Blick aufs Handy und der Abend war gelaufen – sieben Push-Nachrichten machen definitiv nüchtern. Statt Wohnungstür öffnete ich erst mal die Twitter-App und scrollte mich durch das Grauen. Schießerei in München, mehrere Tote, Täter auf der Flucht, eine Stadt in Angst. Willkommen in der gruseligen Echtzeit-Realität.

So oder so ähnlich fühlt sich die Welt in letzter Zeit häufiger an. Ob Attentat, Amoklauf, Machetenattacke, Rucksackbombe, Geiselnahme oder Militärputsch – in diesem Sommer gab es eine Phase chronischer Horrornachrichten. Irgendwann zuckte ich bei jedem „Pling“, das mein Telefon absonderte, zusammen. Und war der Grund noch so banal („Ihre Zalando-Wunschgröße ist wieder verfügbar!“). Man kann natürlich versuchen, sich den schlimmen Meldungen dauerhaft zu entziehen. Etwa indem man ohne Handy ins Berliner Umland fährt und auf einen See guckt. Das ist sicher sehr schön und schön sicher, abgesehen von der Chance auf eine Wolfsrudel-Begegnung.

Für mich wäre das nichts, außer ich möchte irgendwann als wandelndes
Fragezeichen enden. Radikaler Eskapismus ist keine Lösung. Ignorieren ändert nichts daran, dass Donald Trump, wenn es richtig blöd läuft, tatsächlich ins Weiße Haus einziehen könnte und dass Syrien kaputt gebombt wird. Mir würde totaler Informationsentzug ungefähr so viel bringen wie ein Tarotkarten-Abo auf Lebenszeit. Ja, manche Details in der Berichterstattung mögen unerträglich sein. Aber wer Hintergründe und Konsequenzen permanent ausblendet, bleibt mutwillig naiv.

Gegen die große Nachrichtendepression gibt es immerhin vorbeugende Maßnahmen. Man muss nicht jedes Gerücht, das im Taumel akuter Panik durchs Netz gejagt wird, ernst nehmen (Hinweis: Überschriften mit vielen Ausrufezeichen sind wenig vertrauenswürdig). Niemand muss ständig Facebook, Snapchat und Periscope durchforsten oder eine Grillparty verlassen, um auf grellrote Bildschirmlaufbänder zu stieren. Wer es doch machen will: lieber auf deutsche Fernsehsender verzichten. Die müssen, wenn etwas nach 23 Uhr passiert, erst mal die Computer hochfahren.

Außerdem ist es doch so: Wer nichts mehr erfahren will, verpasst auch Nachrichten, die Hoffnung geben, Sinn stiften oder einfach unterhalten. Wie die fabelhafte Parteitagsrede von Michelle Obama. Und das Foto vom hosenlosen Orlando Bloom auf einem Paddleboard. Auf dem Weg ins Büro habe ich mehr Angst vor Bierbikes als vor Terroristen. Beim Joggen denke ich nicht an Amokläufer, sondern fantasiere zu Disco-Klängen von einem Leben als DJane, die Britney zum Comeback verhilft. Netflix ist fast so super zum Entspannen wie knutschen, kochen und schlafen. Sollte trotzdem alles zu viel werden, ist Urlaub klug. Den muss man dort verbringen, wo es kaum Zeitungen und mieses Netz gibt. Wahlweise also im australischen Outback oder auf Rügen.

Mein Mann und ich waren vor ein paar Monaten auf einem Ball mit Paillettenkleidern, Coverband und albernen Cocktails, als erste Eilmeldungen von einem großen Terroranschlag einliefen. Bald tanzte keiner mehr. Bis ein Bekannter sagte: Okay, entweder wir brechen die Party ab – oder wir holen Wodka. Am Ende betranken wir uns. Das half. Zumindest für den Moment.