Naturkosmetik aus Algen

Eine Frau will Meer

Wie man als Meeresbiologin plötzlich auf der Erfolgswelle schwimmt? Inez Linke stand vor dem beruflichen Aus, bis sie anfing Algen für nachhaltige Kosmetik zu züchten.

Veröffentlicht am 05.09.2017
Foto Inez Linke

Das Gesicht hinter "Ocean Basis": Gründerin Inez Linke.


Verantwortlich für ihre ungewöhnliche Karriere war, wie bei so vielen Gründern, eine berufliche Krise. Die Meeresbiologin Inez Linke musste sozusagen erst stranden, um einen neuen Kurs einzuschlagen. Heute gehört ihr die Firma Ocean Basis, die aus Algen Naturkosmetik macht. Aber der Reihe nach.

Inez Linke erzählt präzise, nüchtern, eine Naturwissenschaftlerin durch und durch. Nach Studium, Promotion, unterschiedlichen Job-Stationen in Deutsch­land und Dänemark stand sie, nachdem ihr letzter Arbeitsvertrag auslief, plötzlich ohne feste Anstellung da. Mit den zwei Kindern und ihrem Mann, einem Tiefseeforscher, lebte sie zu diesem Zeitpunkt wieder in ihrer Heimatstadt Kiel. Da sonst nichts zu tun war, veröffentlichte sie ihre früheren wissenschaftlichen Ar­beiten, ohne dafür Geld zu bekommen. ­Ausgerechnet eine vom Arbeitsamt initiierte Weiterbildung zum Thema „Neue ­Medien und Marketing“ und ein Praktikum bei einem ehemaligen Studienkollegen markierten den Wendepunkt.

Der Meeresbiologe Levent Piker hatte sich mit einem kleinen Umweltbüro in Kiel selbstständig gemacht und forschte zu Algenzucht und Aquakulturen. Sein Büro ­wurde von Inez Linkes frischem Marketingwissen regelrecht überschwemmt. Sie überlegte, was sich mit Zuchtalgen alles machen ließe. Dünger? Energie? Kosmetik? Kosmetik! Dabei war ihr wichtig, die Algen nachhaltig zu züchten, um wild lebende ­Bestände zu schonen. Zusammen mit Levent Piker und seinem Team gab sie dem Umweltbüro eine ganz neue Richtung und gründete 2001 die Firma ­Ocean Basis. Heute gehört zu dem Unternehmen neben verschiedenen Forschungsbereichen auch die von ihr entwickelte Naturkosmetikmarke Ocean Well mit drei unterschiedlichen Linien: „Basic“ für normale, „Biomarin Cellsupport“ für empfindliche und „Ocean Collagen“ für reife Haut. Alle Produkte sind hautfreundlich und enthalten reine Wirkstoffextrakte der Kieler Laminaria-Alge, die besonders schonend und in sehr hohen Konzentrationen verarbeitet wird. Bis zu 50 Prozent der Algen stecken beispielsweise in dem zellaktivierenden Meeres-Gel, dem Lin­ke’schen Lieblingsprodukt.

Verschiedene Kosmetikprodukte von Ocean Well

Inez Linkes Ocean Well-Favoriten (v. l.): „Sanfte Augencreme“, 27 Euro. „Zellaktivierendes Meeres-Gel“, 30 Euro. „Protecting ­Serum“, 48 Euro. (Über Ocean Cosmetics.)


Seit einem Jahr mache die Firma Gewinn, und das ohne Unterstützung von Banken oder Investoren, wie die 54-Jährige betont. Neben der Kosmetik verkaufen die Forscher auch ihr Algen-Know-how an die Industrie. Derzeit wird wieder investiert, man tüftelt an einem Superextrakt aus Algenpigmenten, der in zwei Jahren als erster mariner UV-Schutz-Filter auf den Markt kommen soll. 

Ja, die letzten Jahre seien ziemlich he­rausfordernd gewesen, erzählt Inez Linke. „Mein Mann war mehrere Wochen auf Expeditionen auf See. Aber wir haben gelernt, flexibel zu sein, und mit einem guten Netzwerk haben wir das hinbekommen.“ Inzwischen jobben ihre Kinder, heute 17 und 19 Jahre alt, hin und wieder in der Firma, die inzwischen 14 Mitarbeiter beschäftigt. Klar, dass Inez Linke – wie so vielen berufstätigen Müttern – wenig Zeit für sich selbst bleibt. „Ich bin ja schon froh, wenn ich ab und zu mal in Ruhe am Wasser spazieren kann.“ 

Am liebsten fährt sie dann mit ihrer Familie ins Häuschen ihrer Eltern nach Kalifornien, so heißt der Ort in der Nähe von Kiel. Direkt am Meer, ihre Tankstelle, wie sie sagt.