Normcore

Ich bin dann mal normal

Die Dauerinszenierung des schönen Lebens in den sozialen Kanälen ist zum Wettlauf um das neueste Alleinstellungsmerkmal geworden. Unsere Autorin sehnt sich mittlerweile nach Normalität. Aber was ist überhaupt normal?

Veröffentlicht am 24.07.2017
Käsebrot.

Käsebrot, ist ein gutes Brot.


Man kennt diese Concept-Stores, die in privat anmutender Wohnatmosphäre nur Erlesenes anbieten. Da flackern von italienischen Nonnen handgegossene Duftkerzen auf Sondereditionen von Designermöbeln neben vom Starfloristen mit leichter Hand zusammengeworfenen Wiesenblumensträußen in handgetöpferter Keramik aus New York. Über Sessellehnen sind feinste, pflanzengefärbte Kaschmirdecken drapiert. Dazu gibt es eine Raumduftedition namens „Regenabend auf Asphalt“. An nichts hängt ein Preisschild, die Stücke gibt es nur auf Nachfrage gegen sehr viel Geld. Natürlich an Kenner, die den Mehrwert an ultimativem Stil zu schätzen wissen.

Es sind Läden, in denen man sich bereits unwohl fühlt, ehe ein tätowierter Adonis „Möchtest du einen Espresso, wir haben da eine besondere Sorte aus einer kleinen Rösterei in der Lombardei?“ fragt – wie ein Gastgeber, nicht wie ein Verkäufer.

Digitale Inszenierung

Okay, diese Läden kann man natürlich meiden, die Situation leider kaum noch. Irgendwie fühlt sich heute das ganze Leben so an. Immer öfter finde ich mich in bis ins Detail gestylten Räumlichkeiten wieder, nur dass es sich dabei um private Wohnungen und Einladungen handelt. Im Laufe des Abends bewundert man das Ambiente, das Essen und die Deko. Man isst nicht (Fleisch, Gluten, Zucker) und trinkt nicht (die neue Nüchternheit), schon um zu vermeiden, dass unvorteilhafte Fotos in die ewigen Google-Jagdgründe geschickt werden. Als moderner Gast ist man nun mal Teil der Inszenierung #goodlife #bestfriends #summer-4ever #blessed.

Durch die Dauerdokumentation des schöneren Lebens auf Social Media ist aus ursprünglich halbjährlichen Feiern seiner Schätze, seiner Lieben und Werte tägliche Schwerstarbeit in den Minen der Lifestyle-Industrie geworden. Das gilt nicht nur für Gegenstände, sondern auch für Meinungen, Reiseziele, Sport- und Sexspielchen. Man möchte immer etwas informierter, geschmackssicherer, weit gereister, fitter oder auch exzentrischer sein als die breite Masse. Jeder ist zum Mikro-Influencer seiner Freunde und Follower geworden, jeder ist zugleich Star und Image-Stylist seines eigenen, einmaligen Lebens. Beim Wettlauf um das neueste Alleinstellungsmerkmal muss Banales draußen bleiben. Spaß leider auch. Ach ja, und der ganze Aufwand soll natürlich absolut authentisch und total normal wirken.

Was ist eigentlich normal?

Dabei leide ich mittlerweile unter echtem Normalitätsverlust. Und damit bin ich nicht alleine. Mit Normcore gab es schon den Versuch, zu einem entspannteren Dasein zurückzukehren. Unisex-Goretexjacken, Sneakers und bequeme Hoodies sollten den Leistungsdruck mildern, Hipster der Woche werden zu müssen. Der Trend setzte sich nicht durch, denn die Unterscheidung zwischen einem avantgardistischen Normcorer und einem normalen Vorstadtbewohner war mit bloßem Auge schwer zu entdecken.

Normalität kann eben nicht künstlich übergestülpt werden, sie besteht aus vertrauten Abläufen, Verhaltensweisen, Vorlieben und wiederkehrenden Ritualen. Entweder man übernimmt eine bereits vorgefertigte Normalität – etwa mit dem Bauernhof oder dem Geschäft der Eltern –, dann hat man weniger Freiheit bei der eigenen Lebensgestaltung, dafür über Generationen gewachsene Sicherheit. Eine Identität, die nicht dauernd eines Updates bedarf. Oder man sucht und erschafft sich und seine passende Normalität eben selbst. Das ist befreiend, kann aber auch zum Zwang und Kampf um den kleinsten Distinktionsgewinn auf jedem Gebiet werden.

Was ist also normal? Für mich sind es Dinge, die mein Leben ausmachen und die ich genieße, auch wenn keiner dabei zuschaut. Milchkaffee am Morgen (ja, aus selbst gemahlenen Kaffeebohnen und mit Kuhmilch). Freiberuflich arbeiten und mir meine Zeit möglichst selbst einteilen dürfen. Dass meine Tochter und mein Sohn für immer als Subtext und Metaebene meiner Lebensgeschichte mitlaufen.

Nebensächlich: Perfekte Optik

Blumen, Bücher, Musik, Tiere. Ich liebe Yoga, aber gegen die akrobatischen Yogabloggerinnen bin ich ein Witz. Statt Marathon mag ich lange Spaziergänge durch die Stadt. Ich möchte nicht jeden Tag optimal darstellen müssen, sondern ihn einfach erleben, intensiv fühlen oder auch einfach mal vorbeigehen lassen, offen bleiben für Zufälle. Life’s what you make it,  ja, aber man muss das Leben auch einfach mal machen lassen – und mitmachen. Dann findet sich vielleicht sogar das Einhorn der modernen Dating-Szene: der normale Mann.

Die Psychologie sagt eh, dass einem am besten Dinge, Menschen und Erlebnisse im Gedächtnis bleiben, die nicht mit perfekter Optik, sondern mit starken Gefühlen verbunden sind. Man wird vergessen, was Leute anhatten – aber niemals, was man für sie gefühlt hat. Man wird vergessen, welches Essen es auf der Party gab und welche Seife auf dem Gästeklo – sich aber erinnern, wie viel Spaß man an dem Abend hatte.

Weißbrot statt Chia-Samen

Gestern habe ich etwas Verbotenes gemacht, was über Jahrhunderte total normal war: Abendbrot. BROT! Nicht CHIA-SAMEN! Meine Teenager waren geschockt, als sie sahen, was um 18 Uhr auf dem Tisch stand: Brot mit Gluten und Carbs und eins sogar mit Weizen und Kruste. Ein Klotz Weidebutter. Wurst und Käse, hart gekochte Eier, Tomatenscheiben, Lauchzwiebeln und Radieschen. Salz und Pfeffer. Okay, auch karierte Papierservietten.

Alles in mir schrie danach, ein Foto davon zu machen und auf Instagram hochzuladen, Hashtag #newnormal,  doch ich riss mich tapfer zusammen. Es hat wahnsinnig gut geschmeckt, und alle sind satt und froh ins Bett gegangen. Das mache ich jetzt öfter. Nun muss ich nur noch das selbstzufriedene Gefühl loswerden, dass ich mit meiner ernährungstechnischen Verwegenheit ganz weit vorne liege.