Abnehm-Trend: Nutrigenomik

Liegt der Appetit in den Genen?

Ernährung, maßgeschneidert: Durch die „Nutrigenomik“ lässt sich die Lebensweise perfekt an die Veranlagung anpassen. Unsere Autorin hat das neue Abnehm-Programm getestet und weiß jetzt, warum ihr Äpfel und Gänsebraten einfach nicht schmecken.

Veröffentlicht am 17.03.2017
Artwork von Andreas Martini.

Liegt unser Appetit in den Genen?


Manchmal erfährt man erst nach Jahren, wa­rum man nie so richtig warm miteinander wurde. So wie die Zwiebel und ich. Auch Äpfel, Litschis, Balsamico­-Essig und Gänsebraten waren nie meine Freunde. Dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird, entnehme ich dem Ergebnis des Gentests „DNA-nutriControl“, der mein spezielles Ver­hältnis zu 900 Nahrungsmitteln unter­sucht hat.

Der Test verheißt ein „gene­tisch personalisiertes Abnehm­-Programm“ und soll dabei helfen, bis zu 2,5­-mal schneller Gewicht zu verlieren. Dafür habe ich mit Wattestäbchen gleich drei Wangenabstriche gemacht. Zur Sicher­heit, damit auch genug „Material“ zur Verfügung stehen würde – für die Labor­analyse von mehr als 50 genetischen Va­riationen, die dafür verantwortlich sind, wie mein Körper auf verschiedene Lebensmittel und die Nährstoffe darin re­agiert. Wie und ob er sie verwertet, was er ganz gezielt braucht und wie stark der Jo­Jo­-Effekt ausgeprägt ist. Auch eine Risikoanalyse wird erstellt, will heißen: meine Disposition für bestimmte Krank­heiten wie Diabetes, Alzheimer oder Rheuma.

Trenddisziplin Nutrigenomik

Diese Analyse ist im Preis von 990 Euro inbegriffen. Man kann sie weglassen, aber das reduziert die Kosten nicht. Dennoch verzichteten manche Kunden lieber darauf, erklärt mir Dr. Thomas Wendel. Wir sitzen in seinem Münchner Büro bei Medical One, einer auf Beauty und Lifestyle spezialisierten Klinikgruppe, die den Gentest anbietet. Die medizini­sche Risikoanalyse darf hierzulande nur von einem Arzt erstellt und vermittelt werden. Ebenfalls zum Angebot gehört, dass die Ergebnisse des genetischen Ernährungsprofils mit einem Spezialisten besprochen werden. „Es geht dabei vor allem um Informationen“, sagt der DNA­ Experte. Und damit um eine große Ver­heißung aus dem Gesundheitssektor: nämlich die Lebensweise perfekt an die Veranlagung anpassen zu können. „Nutrigenomik“ nennt sich die Trenddiszi­plin, die Verbindung von nutrition (Nah­rung) und genomics (Genomforschung). Zahlreiche Wissenschaftler arbeiten an der maßgeschneiderten Ernährung, die all das berücksichtigt, was die Gene an­geblich festlegen. Konzerne wie BASF und Nestlé investieren Milliarden in die Forschung.

Bislang beweisen Studien, dass diesel­be Ernährungsweise auf jeden anders wirkt. Obwohl sich Menschen beim Erb­gut fast zu 99,7 Prozent gleichen, sorgen die verbliebenen 0,3 Prozent für erhebliche Unterschiede. Nicht nur bei Haar­- und Augenfarbe, sondern auch beim Essen und dessen Verwertung. Eine Schlüsselrolle spielt etwa das FTO-Gen. Die Abkürzung steht für fat mass and obesity, also für Körperfett und Übergewicht. Es steuert Hunger und Sättigung und ist ausschlaggebend dafür, ob man einen starken Hang zu Currywurst und Schwarzwälder Kirsch hat und wie gut man ihn in Schach hält. Genvarianten entscheiden auch darüber, ob man eher von Kohlenhydraten oder Fett zunimmt und wie gut man Obst verträgt. Bei immerhin 30 Prozent der Deutschen führen Äpfel und Birnen aufgrund kleiner Veränderungen im Genom zu Blähungen. Oder das Eiweiß Apolipoprotein E (ApoE), das beim Fettstoffwechsel eine Rolle spielt. In der Variante ApoE4 treibt es den Cholesterinspiegel nach oben. Wer das weiß, könnte durch die Ernährung bewusst gegensteuern.

Die persönliche Genbibel

All das ist ein Teil des Tests, die Ergebnisse füllen ein 178 Seiten starkes „DNAnutriControl Package“, meine personalisierte Genbibel. Ich erfahre, dass ich mich eher vor Kohlenhydraten als vor Fett hüten sollte. Weil ich von Nudeln und Brot zwei- bis fünfmal schneller zunehme als der Durchschnitt. Mein Hungergefühl ist eher schwach ausgeprägt, leider gilt das auch für mein Sättigungsgefühl. Es ist wie bei einem Cockerspaniel, mir fehlt die Fressbremse. Okay, wusste ich schon. Was ich nicht wusste: Ich bin äußerlich nicht dick – aber innerlich. Das Fett lagert sich verstärkt um die Organe ab. Das ist ziemlich ungesund und deshalb gut zu wissen. Dr. Thomas Wendel hat recht: Wissen ist Macht. Vor allem, was die Interpretation des Gentests anbelangt. Er beschreibt nämlich keine Zwangsläufigkeiten, sondern Tendenzen. „Wir sprechen von Dispositionen, also Veranlagungen.“ Das heißt: Was man erfährt, sind zwar wichtige, aber nicht die einzigen Steine eines gigantischen Puzzles.

So gut sich mittlerweile die Gene identifizieren lassen, die für das Gewicht oder auch Diabetes eine Rolle spielen – schlussendlich kann man damit nur zehn Prozent des tatsächlichen Erkrankungsrisikos vorhersagen. Weil Umwelt und Verhalten, die sogenannte Epigenetik, auch noch mit am Steuer sitzen. Der Lifestyle hat den größten Einfluss, die genetische Veranlagung ist nur eine Orientierungshilfe. Mit einer gesunden, entspannten Lebensweise ist man also immer auf der richtigen Seite. Aber sie fällt uns sehr viel leichter, wenn man das Gefühl hat, sie ist individuell angepasst. Das ergab das EU-weite Forschungsprojekt „Food4Me“ zum Thema Nutrigen-Diät. Demnach motiviert es Menschen umso mehr, ihre Gewohnheiten zu ändern, je individueller und wissenschaftlicher die Empfehlungen dazu sind. So erklärt denn auch mein Gentest, wie mein ganz eigenes, ideales Verhältnis von Sport und Kalorien, von Kohlenhydrat-, Eiweiß- und Fettgehalt gestaltet sein sollte, inklusive Menüvorschlägen. Spannend: Vieles, von dem mir abgeraten wird, mag ich ohnehin nicht. Offenbar gibt es nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Lebensmitteln ein Gefühl für Matching-Points. So war mein Verhältnis zu Rosinen oder überhaupt Süßem, ebenso wie zu Bananen oder Grapefruits und auch Aufschnitt schon immer ziemlich unterkühlt.

Der Knackpunkt des Tests

Statt in Zukunft also mit immer neuen Nahrungs- und Diättrends nach dem Zufallsprinzip herumzuexperimentieren, kann dieses Konzept das Ende der Suche sein – weil es für jeden eine individuelle, optimale Ernährungsweise geben kann. Wer etwa zu Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Osteoporose neigt, könne durch engmaschige Kontrolluntersuchungen und eine angepasste Ernährung frühzeitig Ausgleich schaffen, erklärt Dr. Thomas Wendel. Bei mir geht die Wahrscheinlichkeit für diese Erkrankungen zum Glück gegen null. Ebenso wie für die genetisch indizierte Alzheimer-Erkrankung. Was hätte ich aber getan, wenn es anders gewesen wäre? Das ist einer der Knackpunkte des Tests: Er könnte zum einen Angst machen und deshalb die Motivation rauben, sich auf seine persönlichen Stärken zu fokussieren. Und es könnte zum anderen die Illusion entstehen, dass wir locker 100 Jahre alt werden, wenn wir uns nur nach unseren Genen richten.

Doch wir haben einen sehr viel kleineren Einfluss, als es uns so ein Gentest glauben macht. Weil wir nicht kontrollieren können, was wir täglich einatmen, wie Lebensmittel verarbeitet werden und wie viel Stress uns das Leben bereiten wird. Und noch immer gilt die Wirkung von Nahrung auf den Menschen als viel zu komplex, um wirklich bis ins Letzte verstanden werden zu können. Trotzdem ist so ein Test ein hilfreicher Wegweiser im riesigen Reich der Ernährung. Er trennt die eingebildeten Laktose- und Gluten-Intoleranten von den echten und hilft dabei, uns und unsere Möglichkeiten besser kennenzulernen. Vorausgesetzt, dass die Analyse von einem zertifizierten Labor durchgeführt wird und eine ausführliche Beratung mitinbegriffen ist.

Was Kohlenhydrate betrifft, bin ich nun viel zurückhaltender geworden. Ich nehme zusätzlich Zink, Selen und Folsäure, weil mein Körper das braucht, und habe endlich ein gutes Gewissen wegen meiner Obstabneigung. Abgenommen habe ich – noch – nicht. Aber das scheint mir nach dem Test endlich ein realistischer Plan zu sein.

Der Test kostet 990 Euro. In Deutschland bieten einige Institute, Ärzte und auch Apotheken ähnliche Genanalysen an, die günstiger, aber nicht so umfangreich sind. Wichtig: Das Labor muss zertifiziert sein.