Ein Jahr nach den Anschlägen

Paris bleibt Paris

Seit den Anschlägen auf die französische Metropole am 13. November 2015 ist nichts mehr wie zuvor. Lektorin Pauline Miel ist in Paris geboren und aufgewachsen und erzählt, wie sich ihre Stadt verändert hat.

Veröffentlicht am 10.11.2016
Pauline Miel

Lektorin Pauline Miel, 30, entdeckt jeden Tag etwas Neues in ihrer Stadt.


Manchmal beneide ich die Touristen. Ich weiß nicht, wie es ist, Paris zum ersten Mal zu sehen. Zum allerersten Mal diesen Zauber aufzusaugen, von dem alle sprechen. Ich bin hier geboren, im 15. Arrondissement, in der Nähe von Montparnasse. Jeder Fleck ist mit irgendeiner Erinnerung verbunden. Aber ich verstehe, warum die Menschen jeden Tag hierherkommen: Paris, das ist die pure Schönheit. Die Atmosphäre ist einzigartig. Ganz Frankreich konzentriert sich hier, das haben wir dem Zentralismus zu „verdanken“. Man findet alles, vor allem Dinge, von denen man nicht einmal wusste, dass man sie sucht. Auch ich entdecke jeden Tag etwas Neues. Und genau dieses Gefühl brauche ich, unbedingt.

Das einzige „Natürliche“ in Paris ist die Seine. Um hier zu leben, muss man die Stadt lieben, das Urbane, die Architektur, die Menschen. Sie machen Paris aus. Es ist nicht immer angenehm. Es ist stressig und teuer, es gibt keinen Platz und alles ist kompliziert: einen Platz im Restaurant zu reservieren, ins Museum zu gehen, überall muss man sich anstellen. Ich habe schon so viel Zeit in irgendwelchen Schlangen verloren.

Diese Stadt ist wie eine Falle. Und wenn ich Falle sage, meine ich: Rattenfalle. Sie ist wunderschön, so schön, dass es wehtut. Denn, ich brauche diese Schönheit, diese Ästhetik – jeden Tag. Ohne sie würde mir etwas fehlen. Deshalb könnte ich auch nie woanders leben. Ich habe es versucht, mit Berlin und Hamburg, aber Paris hat mich zurückgerufen, wie ein Rattenfänger eben. Wegen dieser Schönheit konnten wir es uns bisher leisten, arrogant zu sein und prätentiös. Aber genau diese Arroganz haben die Anschläge erschüttert.

Belleville in Paris.

Die Straßen von Paris sind leerer als früher. Aber die Stadt kommt wieder zurück, ganz langsam.


Die Anschläge haben uns menschlicher gemacht

Normalerweise sind sich Pariser nie einig. Über alles wird gestritten, egal ob Politik, Stadtplanung, Essen – das ist unsere Kultur. Mit dem 13. November hat sich das geändert. Plötzlich waren alle einer Meinung, weil es unsere Stadt ist, die da angegriffen wurde. In diesem Moment haben wir zum ersten Mal gespürt, dass unser Elfenbeinturm verwundbar ist. Jeder von uns kennt jemanden, der im Bataclan, im Le Carillon, im Le Petite Cambodge gestorben ist oder verletzt wurde. Danach ist die pure Traurigkeit geblieben und sie sitzt bis heute tief.

Es klingt zynisch, aber die Anschläge haben uns menschlicher gemacht. Auf einmal reden die Leute miteinander. Normalerweise lernt man in Paris nicht leicht Menschen kennen. Jeder hat seinen Kreis, seine Clique, wir brauchen sonst auch niemanden. Aber heute unterhalte ich mich häufig mit Unbekannten an der Bushaltestelle, auf der Straße, im Café. Weil wir immer noch dieses dringende Bedürfnis haben, uns auszutauschen, um zu begreifen, was da eigentlich passiert ist. Wir können uns unsere Individualität nicht mehr so gut leisten wie früher. Wir funktionieren jetzt als Kollektiv.

Seit den Anschlägen fahre ich nicht mehr mit der Metro. Zumindest versuche ich, sie zu meiden, wie jeden anderen Ort, an dem schnell ein Gedränge entstehen kann. Ich nehme das Fahrrad. Und jedes Mal, wenn ich meine Freunde im 11. Arrondissement besuche und am Le Carillon vorbeifahre, weine ich. Immer noch. Ganz kurz. Manchmal sieht man dann auf der Straßenseite gegenüber jemanden, dem es ähnlich geht. Dann lächelt man sich kurz zu und fährt weiter. Die Orte, an denen die Anschläge passiert sind, haben jetzt eine Erinnerung und ich weiß nicht, ob wir den 13. November je vergessen werden. Obwohl es in Paris schon so viele Attentate gegeben hat. Ich wurde am Tag eines Attentats geboren, das war am 17. September 1986 in der Rue de Rennes. Sieben Menschen kamen ums Leben, 55 wurden verletzt. Meine Mutter erzählt mir heute noch davon. Aber das war nicht das gleiche.

Pauline Miel in Paris.

Pauline Miel: „Wir sind zusammen gewachsen. Die Stadt und ich.“


Meine Generation war Ziel des Attentats

Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 galt den Medien und der Meinungsfreiheit. Die Geiselnahme im Supermarkt „Hyper Cacher“ zwei Tage später richtete sich gegen die jüdische Religion. Die Anschlagsserie vom 13. November aber, die sollte uns treffen, unsere Generation. Wir sind schwul, wir sind hetero, wir trinken, wir lachen, wir sind offen gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden. Das erste Mal in meinem Leben sind ich und meine Freunde das erklärte Ziel eines Attentats gewesen. Und das verändert viel.

Ich war an diesem Tag nicht in Paris, sondern in Hamburg. Als ich wiederkam, habe ich meine Stadt noch nie so leer gesehen. Keine Autos, kein Bus, keine U-Bahn, niemand auf der Straße. Als wäre ganz Paris gestorben. Drei oder vier Monate lang habe ich mir jeden Tag im Netz auf „Le Monde“ die Bilder der Opfer angesehen und ihre Geschichten gelesen. Bestimmt an die Hundert mal, immer und immer wieder. Ich wollte mich vergewissern, dass das wirklich passiert ist, dass wirklich Menschen gestorben sind, dass es nicht nur ein Albtraum war.

Manche meiner Freunde gehen bis heute nicht in Konzerte, auf Demonstrationen oder an öffentliche Orte. Ich sitze in Cafés, die in verkehrsberuhigten Zonen liegen, denn die Attentäter haben ja direkt aus dem Auto geschossen. Und wenn wir ins Kino gehen, gucken wir als erstes, wo die Notausgänge sind. All das bedeutet, dass etwas mit uns passiert ist. Wir haben das Trauma noch nicht überwunden und kämpfen mit unseren Geistern.

Ich habe nicht unbedingt Angst. Trotzdem denke ich jeden Tag, dass es wieder passieren könnte. Mit diesem Gefühl lebe ich. Die Stadt ist immer noch vergleichsweise leer. Restaurantbesitzer und Hoteliers klagen, dass die Gäste ausbleiben. Zu verdenken ist es ihnen nicht.

Paris bleibt Paris

Dass ich von Süd-Paris in den Norden gezogen bin, hat nicht direkt etwas mit den Anschlägen zu tun. Aber ich merke, wie gut mir diese radikale Veränderung gefällt. Montparnasse ist schön, aber auch lang- weilig – nur großbürgerliche Familien. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir saßen hier in den Cafés, im „La Coupole“ und im „Le Select“. Ich wollte in ein Viertel, das mehr wie ich ist – laut, bunt, wild. Belleville ist so. Édith Piaf wurde hier geboren, als es noch runter- gekommen und ein typisches Arbeiterviertel war, mit Markthallen, die heute neu belebt werden, wie La Chapelle im 18. Arrondissement gegenüber der Brasserie „L’Olive“. Hier fahren keine Autos, man kann in Ruhe mittagessen, und das auch noch günstig. Vor zwei Jahren wurde nebenan das alte Eisenbahndepot zu einem Kulturzentrum umgebaut: Im Grand Train treffen sich Hipster und Rentner, trinken Kaffee oder liegen im Liegestuhl, während sie zu Lounge-Musik auf die alten Gleise schauen. Die Halle Pajol ein paar Straßen weiter ist ebenfalls völlig neu. Der Industriebau wurde saniert und beherbergt jetzt eine Medienbibliothek, einen überdachten Garten, eine Sporthalle, Bars und Cafés – eine Pariser Oase an einem Ort, wo noch bis vor Kurzem mit Drogen gedealt wurde.

Früher hatte ich ein kleines Zimmer im Erdgeschoss mit Blick auf einen Innenhof. Ich wollte das Panorama genießen und wohne jetzt am höchsten Punkt der Stadt. Ganz in der Nähe, oberhalb des Parc de Belleville im 20. Arrondissement gibt es eine kleine Terrasse, von der aus man ganz Paris überblicken kann, noch besser als von Sacré-Cœur – und zwar ohne einem einzigen Touristen zu begegnen.

Pauline Miel und Sarah-Maria Deckert

Unsere Autorin besuchte Pauline Miel, ein Jahr nach den Anschlägen.


In Belleville leben viele Migranten, Künstler, Musiker, Akademiker. Entlang der Metro-Linie 11, an der sich das junge intellektuelle Publikum trifft, parallel zur Rue Oberkampf und zur Rue Ménil- montant. Hier pulsiert alles, deshalb ist es gerade bei Leuten um die 30 sehr beliebt. Auch weil es nicht so teuer ist wie auf der Rive-Gauche-Seite – zumindest noch nicht. Die Mieten sind bezahlbar, das Essen, das Leben. Viele meiner Freunde sind ebenfalls hierhergezogen, wir wollten Nachbarn sein.

Was sich geändert hat, ist, dass wir auf uns aufpassen. Die Angst hat uns näher zusammengebracht. Leider. Vielleicht ist das, was ich jetzt sage, ganz furchtbar, aber ich meine es so, trotz allem: Paris bleibt Paris. Es gibt hier eine Kraft und die sorgt dafür, dass unsere Gewohnheiten zurückkommen. Ganz langsam, aber sie kommen zurück. Zum Glück. Wir sind gemeinsam gewachsen. Die Stadt und ich.

*Pauline Miel ist Lektorin und lebt und arbeitet in Paris.