Partnerschaft

Der Ex meines Lebens

Manche Partner sind nicht die richtigen – und bleiben doch wichtig: Wie uns Männer prägen, selbst wenn wir nicht mehr mit ihnen zusammen sind: drei Frauen erzählen.

Veröffentlicht am 29.08.2017
Ein verliebtes Pärchen.

Ex hin oder her – jede Beziehung hinterlässt nachhaltige Spuren.


Mein Lebensmensch

Für Friederike, 37, ist ihr Ex-Freund heute der engste Vertraute

Ich habe Tolga kennengelernt, da ging ich noch zur Schule, Mitte der 90er-Jahre auf einem Rave. Wir kommen aus völlig verschiedenen Familien. Seine Eltern waren als Arbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen, meine Eltern sind liberale Akademiker, nobler Hamburger Vorort. Ich fand Tolga heiß, als ich ihn tanzen sah. Mit Fliegermütze auf dem Kopf, groß, schmal gebaut. Im Morgengrauen schliefen wir in der Wohnung einer Freundin miteinander, wo wir weitergefeiert hatten. Der Sex war chaotisch, das Bett zu eng und wir zu betrunken. Mittags wachten wir auf, schliefen wieder miteinander, verkatert und ganz langsam. Ab da waren wir ein Paar.

Seine Eltern akzeptierten mich als Freundin, solange ich nicht bei ihnen zu Hause auftauchte. Also übernachtete Tolga an den Wochenenden bei mir. Meine Eltern mochten seine höfliche und herzliche Art. Nur meine Schwester kam nicht mit ihm klar. Im Streit schrie sie mich mal an, ich solle abhauen zu meinem tuckigen Freund mit den gezupften Augenbrauen. Das saß. Er zupfte sich wirklich die Augenbrauen. Tolga findet Mode spannend. Und seine Stimme hat einen leicht schrillen, melodischen Sound. Klar, bei Heteros kommt das alles auch vor. Ploppte der Gedanke mal hoch, schob ich ihn weg. Dass er auf Männer steht, ahnte er da schon, hat Tolga später erzählt. Sicher war er sich, nachdem er seinen ersten Oralverkehr hatte – mit einem Mann. Da waren wir ein paar Monate zusammen. Noch in derselben Nacht beichtete er alles am Telefon. Ich war wütend, verletzt, traurig. Aber komplett überrascht war ich nicht.

Die Trennung war keine richtige Trennung, unsere Beziehung ging allmählich in Freundschaft über. Er schrieb SMS, hielt Kontakt zu meiner Mutter – seine eigenen Eltern sprachen nach dem Coming-out nicht mehr mit ihm. Er tat mir unglaublich leid. Gleichzeitig vermisste ich ihn, den Mann, aber auch den Menschen. Über seine Männergeschichten sprachen wir anfangs nicht, dann erzählte er immer mehr, schließlich bis ins Detail. So ist Tolga: Wenn ihm jemand wichtig ist, will er alles teilen, verheimlicht nichts. Sein Vertrauen ist grenzenlos, und er ist da, wenn man ihn braucht.

Als meine erste Beziehung nach ihm schiefging, zog er abends mit mir um die Häuser, um mich vom Liebeskummer abzulenken. So war es nach jeder gescheiterten Liebesgeschichte. Wir fuhren zusammen in Urlaub. Bei der Beerdigung seines Vaters stand ich neben Tolga am Grab. Und nach der Geburt meines Sohnes war er einer der Ersten, die mich im Krankenhaus besuchten. Er ist mein engster Vertrauter und bester Freund.

Vor zwei Jahren habe ich mich vom Vater meines Sohnes getrennt. Ich habe mich gefragt, warum es mit mir und den Männern nicht klappt. Vielleicht liegt es an Tolga, dachte ich. Der schwule Über-Ex, gegen den keiner ankommt. Aber das ist wahrscheinlich Quatsch. Und was würde es schon ändern? Ihn aus meinem Leben zu streichen – das will ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Der Einflussreiche

Judith, 36, war zehn Jahre mit einem Mann glücklich. Er hat ihr eine völlig neue Sicht aufs Leben beigebracht

Manchmal sitze ich am Spielplatz, sehe meine zwei Jungs herumtoben – und muss lächeln. Weil ich an den Mann denke, mit dem ich fast zehn Jahre zusammen war. Mein Leben ist anstrengend im Moment, kleine Kinder, ein anspruchsvoller Job, finanzielle Herausforderungen. Ich möchte mit niemandem tauschen, und, damit keine Missverständnisse entstehen, ich will auch nicht mit meinem Ex-Freund das Leben führen, das ich jetzt habe. Ich bin glücklich verheiratet und habe einen Ehemann, der mich sehr liebt. Doch ich wäre nicht die Frau, die ich heute bin, wäre da nicht Alex gewesen.

Ich erinnere mich genau, wie wir uns kennengelernt haben. Beziehungsweise wie er mich kennengelernt hat, denn jeder kannte Alex. Er spielte Trompete in einer angesagten Band in St. Pauli. Ich stand hinter ihm an der Bar, als er sich umdrehte. Er sah mich an und sagte nur: „Ja, Wahnsinn!“ Danach haben wir uns drei Stunden unterhalten, über Philosophie, obwohl ich davon nichts verstand, und fremde Länder, in denen ich nie war, aber das war egal. Ich konnte kaum verstehen, was er sagte, dauernd stießen wir zusammen, als hätten sich unsere Körper längst entschieden. Schon beim nächsten Mal, als wir uns sahen, schliefen wir miteinander – und waren danach ein Paar. Die Liebe wirkte wie Wasser, wenn man dehydriert ist, einfach in jeder Form überwältigend.

Es ließ sich für mich kaum voneinander trennen, welche Eigenschaften Alex und ich in die Beziehung mit hineinbrachten. Alles floss ineinander. Erst heute kann ich sehen, dass aus einer eher ängstlichen, unscheinbaren Person eine Frau wurde, die sich traut, ihre Meinung zu sagen, egal ob sie gut ankommt oder nicht. Alex lebte in einer kleinen Wohnung und arbeitete beim Film. Er hatte die ganze Zeit, in der wir zusammen waren, nicht einen vernünftigen Job. Während ich Jura studierte und begann, in einer Kanzlei zu arbeiten, baute er Kulissen, machte Musik und malte.

Durch die Zeit mit ihm lernte ich, dass es Spaß machte, mit Putzlappen Farbe an die Wand zu klatschen, dass man in Marokko im Atlasgebirge Fahrrad fahren kann und dass man keine Unterwäsche tragen muss. Dass es immer gut ist, wenn man Wein zu Hause hat, dass Postkarten romantisch und Duftkerzen idiotisch sind. Ich lernte aber auch, Nein zu sagen und Grenzen zu überschreiten, bei deren Anblick ich früher in Panik ausgebrochen wäre. Wir trennten uns, weil wir immer weniger Gemeinsamkeiten hatten. Doch durch ihn habe ich die Lust am Abenteuer entdeckt. Ich muss nur Musik hören, damit ich sie spüre. Musik, die mir Alex damals geschenkt hat.

Der Stalker

Nadine, 35, wurde jahrelang ­belästigt – zu Hause und bei der Arbeit, per Post, per Mail und am Telefon

An die Beziehung erinnere ich mich kaum. Klar, anfangs war ich verliebt, er gab mir das Gefühl, außer mir sei ihm nichts wichtig. Wir waren viel zu Hause, zu zweit, und hatten keine gemeinsamen Freunde. Er interessierte sich hauptsächlich für seinen Job als Investmentbanker. Nach ein paar Monaten habe ich Schluss gemacht. Kurz darauf bekam ich per Post an mich adressierte Werbebriefe. Im Büro erhielt ich schlüpfrige Mails unklarer Herkunft. Ich arbeitete bei einem Fernsehsender, meine Mailadresse stand im Netz. Ich glaubte an Zufall. Dann lagen VIP-Karten für ein Formel-1-Rennen am Hockenheimring im Briefkasten inklusive der Rechnung über mehrere Tausend Euro. Es ließ sich nicht herausfinden, wer die Karten bestellt hatte. Wenig später schrieb mir mein Ex eine SMS, ob ich mich an einem Wochenende mit ihm treffen würde – es war der Termin des Rennens. Für mich war klar, dass er dahintersteckt.

Bis ich zum ersten Mal das Wort Stalker benutzte, vergingen Monate. In der Zwischenzeit rief er mich mit unterdrückter Nummer zigmal nachts an und legte auf, sobald ich ranging. Ich wechselte meine Nummer. Nachts herrschte Ruhe, dann kamen Mails, in denen ich von Fremden beleidigt oder zum Sex aufgefordert wurde. Ich googelte meinen Namen und fand ihn und meine Mailadresse in allen möglichen Foren.
Die Polizei konnte mir nicht helfen, er hat mich nie direkt bedroht. Ich wechselte meine Handynummer, danach hatten wir nur noch ein Mal Kontakt. Er rief im Büro an, ich war nicht im Raum. Eine Kollegin richtete mir seinen Anruf aus. Keine Nachricht, keine Bitte um Rückruf. Ich mailte ihm und fragte, warum er das macht. Seine Antwort: „Liebe Nadine, ich weiß nicht, was du meinst.“ Ich habe mich gefragt, ob ich mir das alles einbilde oder selbst schuld bin.

In den letzten Jahren hat es nachgelassen. Ich bin umgezogen und gebe meine Adresse nur raus, wenn es gar nicht anders geht. Als Google die Möglichkeit eingeführt hat, Einträge zu löschen, habe ich mich mit einer Anwältin durch die Suchergebnisse gearbeitet und alles entfernen lassen, was er in meinem Namen im Netz hinterlassen hatte. Heute findet man dort nichts über mich außer ein paar Infos zu meinem alten Arbeitgeber.
Hin und wieder kommen noch seltsame Mails, von denen ich annehme, sie sind von ihm. Diese Unsicherheit geht nicht weg und wird wohl für immer bleiben. Aber ich kann damit leben – nur wirklich verliebt habe ich mich seit dieser Episode nie wieder.