Partnerschaft

Warum Streit wichtiger ist als Sex

Warum Streit zu einer gesunden Liebesbeziehung gehört und manchmal sogar wichtiger ist als Sex, erklärt myself-Autor Peter Praschl. Und der Mann hat Erfahrung.

Veröffentlicht am 30.11.2017
Eine Frau brüllt ihren Mann durch ein Megafon an.

Streiten ist wichtig – und macht sogar glücklich! 


Es kann schnell gehen zwischen uns. In der einen Sekunde ist alles ganz normal, in der nächsten bricht ein Vulkan aus. Hatten wir nicht den Deal, sagt sie, dass du dich am Montag um die Kinder kümmerst? Hast du endlich bei der Hausverwaltung angerufen? Anlässe gibt es genug, neulich habe ich mal wieder  einen Streit vom Zaun gebrochen, weil sie mich gefragt hat, ob ich genervt bin. Obwohl ich ihr schon 100 Mal gesagt habe, wie sehr mich das nervt.

Wir sind ein Paar – und Paare müssen streiten. Ständig klebt man aneinander, muss Kompromisse machen, sich zusammenreißen. Immer ist da jemand, dem man das Badezimmer und die Stimmung versaut, der Freundlichkeit erwartet, wenn man gerade muffig ist, und selbst muffig ist, obwohl er behauptet, er würde einen immer noch lieben. Das muss raus, damit man nicht eingeht. Längst ist wissenschaftlich erwiesen, wie ungesund es ist, Wut zu unterdrücken. Psychologen der Universität Frankfurt am Main ließen Studenten Kundencenter-Mitarbeiter spielen. Jene, die immer freundlich blieben, bekamen einen höheren Blutdruck als diejenigen, die zurückpöbeln durften.

Streiten macht glücklich 

Das beherzigen auch wir, weswegen es bei uns nicht sonderlich manierlich zugeht. Türen werden geknallt, wunde Punkte angebohrt, und, zack, landen wir im Spiegelstadium, in dem man den anderen nachäfft – und ihn verletzt, weil man ihn schlichtweg verletzen will. Trotzdem finde ich es gut, wie wir uns zoffen, manchmal sogar schon, während ich mich mit ihr zoffe. Dann schaue ich mir die Zornesfalte über ihrem linken Auge an und bin glücklich, weil ich alles richtig gemacht habe. Das kann ich natürlich nicht sagen, weil sie dann dächte, dass ich sie und ihre unberechtigten Anliegen nicht ernst nehme. Aber genau so ist es. Mitten in der Schlacht weiß ich: So habe ich es mir immer gewünscht.

Es ist wie Sex, nur ganz anders. Zwei Menschen reißen einander die Schutzschichten vom Leib, bis sie nackt und ungeschminkt voreinander dastehen und mit blinder Leidenschaft aufeinander lossteuern, mal sehen, was dabei rumkommt. Plötzlich kommt etwas über sie, dem sie nachgeben, plötzlich gehen sie aufeinander los, bis sich alle Spannungen entladen haben, sie erschöpft voneinander lassen und sich die Frage stellen, was das denn schon wieder gewesen ist.

Geht’s noch?, zischt eine innere Stimme in mir, einen bescheuerteren Vergleich kann man kaum finden. Selbstverständlich hat diese innere Stimme recht. Es ist ja ein gewaltiger Unterschied, ob man selig oder sauer in den Schlaf sinkt. Trotzdem: In Liebesbeziehungen ist das Streiten so wichtig wie das Miteinanderschlafen. Bei beidem kommt man einander nahe. Bei beidem geht man an seelische Grenzen. Bei beidem zeigt man einander, wie man wirklich ist, wenn man sich nicht ­zurückhält.

Genauso wenig, wie ich mir vorstellen kann, mit dieser Frau, die ich nach zwölf Jahren immer noch begehrenswert finde, keinen Sex haben zu wollen, kann ich mir vorstellen, dass ich ihr nicht immer wieder tödlich auf den Geist gehe. Ich kenne mich selbst gut genug, um zu wissen, wie unerträglich ich sein kann. Was sollte ich von einer Frau halten, die mich ergeben hinnimmt? Ich will ja auch beim Sex eine, die sagt, was sie will.

Sie hat also jedes Recht der Erde, mich anzuschnauzen. Und ich die verdammte Pflicht, mir das anzuhören, statt aus dem Raum zu gehen – und zurückzuschnauzen. Wenn ich es nicht täte, wäre es, als würde ich mich im Bett regungslos unter sie legen und sie machen lassen. Ganz nett manchmal, aber auf Dauer eine Schäbigkeit. Menschen, die sich auf den Irrsinn der Liebe einlassen, müssen aus der Haut fahren und aus der Deckung gehen, sonst stirbt etwas zwischen ihnen. 

Warum „seelischer Blümchensex" nicht funktioniert

Auch Psychologen raten mittlerweile zur gefühlsgeladenen Offensivstrategie. „Ich-Botschaften sind häufig zu soft und wirken antrainiert“, sagt etwa die Hamburger Paartherapeutin Maud Winkler, „Brüllen und Heulen können auch eine Entladung sein.“ Der bekannte amerikanische Intimitätsforscher David Schnarch setzt auf Impulsivität, wenn er fragt: „Was ist an dem Satz ‚Ich denke, du spinnst!‘ besser als an dem Satz ‚Du spinnst!‘?“ Für mich ist ein Buddha-Zitat zum Wegweiser geworden: „Am Zorn festhalten ist wie Gift trinken und erwarten, dass der andere dadurch stirbt.“ 

Wir haben natürlich auch versucht, dass jeder seinen Zorn bei sich behält – und stattdessen vorsichtig und verständnisvoll nachfragt, sozusagen seelischer Blümchensex. Hat nicht wirklich funktioniert. Man wird so heilig dabei und so uninteressant. Beim Streiten dagegen wird man einander ein paar Minuten lang wieder fremd, und jeder Sexualtherapeut kann einem sagen, wie sehr das Erotische auf Fremdheit angewiesen ist.

Soll sie mich also ruhig für einen gottverdammten bockigen Scheißkerl halten. Das gibt mir die Sicherheit, in ihrem Gefühlshaushalt noch eine Rolle zu spielen. Von ihr beschimpft zu werden kommt mir vor wie eine Zärtlichkeit. Und ich schimpfe nur deswegen zurück, weil man Zärtlichkeiten erwidern soll.