Pâtisserie-Designerin Chi-Young Bang

Tausche Karriere gegen Kekse

War’s das jetzt? Das fragte sich Moderedakteurin Chi-Young Bang – und ging nach Paris. Seither bäckt sie in ihrer Pâtisserie exquisite Biscuits. Weil ein gelebter Traum erfüllender ist als ein schnurgerader Lebenslauf.

Veröffentlicht am 29.08.2016


Es ist nicht so, dass mir mein Job keinen Spaß gemacht hätte. Noch dazu war es ein Job, den alle wollten. Nach meinem Modedesign-Studium habe ich 14 Jahre beim Magazin Glamour gearbeitet, zuletzt als stellvertretende Modechefin. Doch irgendwie reichte mir das nicht. Ich wollte etwas anderes, wusste aber nicht, was das sein könnte. Freundinnen ging es ähnlich. Alles normal, dachte ich, eine Phase, die vorübergeht. Trotzdem wurde ich einen Gedanken nicht los: Ich seh mich nicht mit 50 noch Shootings organisieren mit 20-jährigen Models. Alles wiederholt sich, die Modeschauen, die Leute, der Fashion-Hype, Saison um Saison. Zu Hause hatte ich eine ganz andere Leidenschaft: die Pâtisserie. Ich habe experimentiert und gebacken und dann Freunde eingeladen, zur Tea-Time. Mit passender Deko, Blumen, hübschem Geschirr. Ich habe ein Faible für schöne Dinge, davon kann ich nie genug bekommen. Ein Ausgleich zum Job, in dem es oft laut und hektisch zugeht. Und da war dieser Traum von Paris, ich wollte schon immer dort leben. Aber mein Mann wollte das nicht. Und je älter man wird, desto weniger Mut hat man.

Und dann plötzlich die Scheidung. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Das Jahr nach der Trennung von meinem Mann - nach zehn Jahren Beziehung - war das furchtbarste meines Lebens. Ich wollte eigentlich nur noch weg und dachte: Es kann nicht schlimmer werden. Als Nächstes erkrankte eine Freundin an Krebs. Ich habe sie begleitet, stand ihr, so gut es ging, zur Seite. Kurz vor ihrem Tod sagte sie zu mir: "Lebe jeden Tag, als gäbe es kein Morgen. Du wirst es schaffen, ich glaube an dich."

Neue Stadt, neuer Job, neue Freunde


Ihr Tod und die Trennung von meinem Mann haben etwas in mir ausgelöst. Ich dachte an all die Dinge, die ich gern mal gemacht hätte - aber aus Angst, Zeit- oder Geldmangel nie umgesetzt hatte. Das Leben ist kurz. Was könnte schlimmstenfalls passieren? Ich will mir nie Vorwürfe machen müssen wie "Hätte ich doch dies und jenes bloß gemacht und was wäre geworden, wenn?".

Ich bin sicherheitsliebend und gleichzeitig ehrgeizig. Also habe ich mit meiner Chefin ein sechsmonatiges Sabbatical vereinbart, meine Wohnung in München untervermietet und in Paris selbst eine zur Untermiete genommen. Da saß ich, mit meinem Schulfranzösisch, einem tiefen Einschnitt im Leben und meinem Traum: in Paris wohnen. Ein Jahr würden meine Ersparnisse reichen, ich wollte die Stadt erobern, die Sprache lernen - und mich wiederfinden. Durch meinen früheren Job hatte ich Kontakte. Also habe ich Praktika gemacht: eines in einem Schmuckatelier, wo ich tagelang an einer Brosche gefeilt habe. Und zwei in Pâtisserien, die sich auf cake design und Haute Cuisine spezialisiert haben. Das hat mich total fasziniert, der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Auf die Pâtisserie-Schule, die neun Monate gedauert hätte, musste ich verzichten. 10 000 Euro - das war zu teuer für mich. Und was, wenn es mir am Ende nicht gefallen hätte? Doch die Arbeit in der Pâtisserie machte mir Spaß: Cremes anrühren, backen, Geschmacksnoten kombinieren, dekorieren - und essen. Die Klein-klein-Arbeit an Broschen hat mich lang nicht so befriedigt wie die an den Törtchen. Da geht es um die Kombination aus Ästhetik, Styling und Genuss. Nach einem halben Jahr war ich bereit für den großen Schnitt. Ich habe meinen alten Job gekündigt.

Mittlerweile kenne ich ein paar nette Leute in Paris. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier Freunde finden würde, ich bin dankbar dafür. Und meine langjährigen Freunde, die in der Welt verstreut leben, haben mich die ganze Zeit unterstützt, ermutigt. Ohne sie wäre das alles undenkbar gewesen.

Und dann kam dieses Wochenende. Ich fuhr mit einer Freundin nach Deauville. Wir gingen am Strand spazieren und redeten stundenlang. Sie war es, die Dinge zusammenfügte, ich glaube an Schicksal. Ich war seit einem Jahr in Paris. Ich hatte den Schmuck, die Pâtisserie und ein Händchen fürs Styling. Da wusste ich: Das ist es! Du machst deine eigene Kollektion. Mit biscuits, die du dekorierst wie Broschen. Die Kollektion wechselt zweimal im Jahr, während der Modenschauen. Alles Weitere würde sich zeigen. 

Ich ließ mir ovale Förmchen schweißen, buk darin Mürbteig für sablés, die mit Zuckerguss in edlen Farben verziert sind. Sie sehen aus wie Broschen. Ich verkaufe sie online und über meine Kontakte. Ich kann die biscuits auch personalisieren, etwa mit Namen oder Wunschdeko. Was soll ich sagen? Es läuft! Ich freue mich wahnsinnig. Da ich nicht das zweitausendste Café in Paris eröffnen will, werde ich mich mit einem Pâtissier zusammentun. Für größere Aufträge miete ich eine Küche. Hier lebt man ja in sehr kleinen Wohnungen und legt locker 1.000 Euro für 30 Quadratmeter hin. Ja, es ist schon ein hoher Preis, den ich für meinen Traum zahle. Aber ich fühle mich wohl.

Natürlich habe ich anfangs noch gefremdelt. Aber das ist normal, denke ich. Ich habe 14 Jahre in München gelebt. Die Stadt fehlt mir nicht. Meine Familie ist ohnehin sehr weit weg. Nach 30 Jahren Deutschland sind meine Eltern wieder nach Südkorea zurückgegangen. Sie stehen hinter mir, meine Mutter sagte: "Wenn alle Stricke reißen, suchst du dir eben wieder einen festen Job!" Meine Eltern kennen das. Sie waren aus Südkorea nach Deutschland gekommen, hatten einen Lebensmittelladen und waren immer selbstständig.

Dieses Was-soll-schon-passieren-Gefühl habe ich inzwischen verinnerlicht. Davor hatte ich früher immer Angst. Aber jetzt lerne ich, damit umzugehen. Ich bin jetzt 39 - wann, wenn nicht jetzt? An manchen Tagen bin ich wie im Rausch, arbeite bis tief in die Nacht. Aber ich schlafe trotzdem nicht aus. Ich weiß, dass ich liegen bleiben könnte. Diese Tatsache ist für mich echter Luxus. 

Stattdessen überlege ich mir die nächsten Kollektionen, ich feile an der Website, versuche neue Kontakte zu knüpfen. Ich möchte es schaffen. Und trotzdem gibt es immer wieder Momente der Angst: Wird alles gut gehen? Ich kann von meinem neuen Job noch nicht leben und arbeite nebenher als Beraterin und Stylistin. Das macht Spaß, aber meine Zukunft sind ganz klar die biscuits. Freunde, die Unternehmer sind, sagen mir: Die Angst überfällt dich auch nach 20 Jahren noch.

Aber die Entscheidung, nach Paris zu ziehen, war richtig. Ich bin angekommen. Was in 20 Jahren ist? Weiß sowieso keiner. Das wäre mir früher so nicht über die Lippen gekommen. Aber wenn man einmal gesprungen ist, hat man die Gewissheit: Es geht. Und auch der alte Satz stimmt: Wenn eine Tür zufällt, öffnet sich die nächste.

Meine Freunde sagen, ich sei offener geworden und spontaner. Ich sehe die Dinge gelassener und habe Vertrauen. Irgendwie geht's weiter. Ich bin da ganz zuversichtlich. 

Die Analyse vor dem Absprung

Welche Fragen Sie sich stellen sollten:

Sie träumen von einem anderen Job, wollen raus aus der Routine? Mit diesem "War das schon alles?"-Gefühl sind Sie nicht allein. Coach Sigrid Meuselbach, 62, bestätigt: "Geradlinige Karrieren sind heute eher selten, Kurswechsel und Neustarts werden immer normaler." Bevor man jedoch einen radikalen Schnitt wagt, sollte man klären: nur ein kleiner Durchhänger oder eine echte Sinnkrise? Diese Fragen helfen, die eigenen Stärken (und Schwächen) zu erkennen:

Was kann ich gut, was eher nicht?

Was will ich erreichen - und was unbedingt vermeiden?

Was treibt mich an?

Welche Werte sind mir in meiner Arbeit wichtig?

Und: Passen meine Werte und meine Arbeit zusammen?

Möchte ich als Selbstständige arbeiten?

Erzähle ich Fremden gern, was und wo ich arbeite?

Darauf basierend hat der Organisationspsychologe Edgar H. Schein den "persönlichen Karriereanker" entwickelt, mit dem viele Coaches arbeiten. Er wird mit einem umfangreichen Fragebogen ermittelt. Einer der stärksten Faktoren dabei sind die persönlichen Werte. Sigrid Meuselbach sagt: "Je besser sie im Einklang stehen mit der Berufstätigkeit, umso zufriedener fühlen wir uns."