Philip Siegel über Amateurpornografie

Pornos? Dreh' ich selbst!

Nirgendwo ist Amateur-Pornografie so erfolgreich wie in Deutschland. Ein Journalist hat das Phänomen erforscht – und dabei eine Menge gelernt.

Eine Frau liegt – nur mit einem Slip bekleidet – auf einem Bett und tippt in einen Laptop.

Deutschland ist im Porno-Rausch.


Deutsche Pornos, das sind heute meistens Filme von Laiendarstellern, die ihre Clips im Internet zeigen und verkaufen. Der Journalist Philip Siegel hat für sein Buch „Drei Zimmer, Küche, Porno“ (Campus) mit über 100 Männern und Frauen aus der Szene gesprochen, in der rund 50 000 aktiv sind.

Bei der Plattform mydirtyhobby sind fünf Millionen User angemeldet, um sich Amateurpornos anzusehen. Sind wir ein Volk von Voyeuren und Exhibitonisten?
Die Gratiskultur im Internet und strenge Gesetze haben professionelle Produzenten in die Enge getrieben – jetzt füllen Amateure die Lücke. Der Boom hat viel damit zu tun, dass leistungsorientierte Menschen ihre geheime Seite ausleben wollen. In einer Welt, die immer stärker reglementiert wird, ist das ein Ventil. Sex vor der Kamera ist wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene.

Und wer spielt da mit?
Ein Beispiel: Ich war bei einer Fitnesstrainerin, die in ihrer Wohnung Orgien veranstaltet. Sie lädt Männer aus dem Internet ein und überträgt den Gruppensex live ins Web. Die Leute haben ganz normale Berufe: Ingenieur, Zöllner oder Unternehmensberater. Sie haben Spaß daran, etwas auszuprobieren, das sonst nicht möglich wäre. Und ich war beeindruckt, wie zivilisiert man so etwas Unzivilisiertes machen kann.

Frauen konsumieren seltener Pornos als Männer. Welche Rolle spielen sie bei den selbst gemachten Filmen?
Bei den Darstellern sind sie eindeutig in der Mehrheit, viele sind Ein-Frau-Unternehmen, die damit ihr Geld verdienen. Es gibt sogar regelrechte Stars.

Schamgefühle sind old school?
Ja, da hat sich was gedreht. Gerade weibliche Darsteller sind stolz darauf, wenn sie viele Klicks bekommen. Im Zeitalter von Social Media kein Wunder. Wenn man sich auf Facebook mental entblößt, ist es nur folgerichtig, dass man nichts dabei findet, sich auch körperlich zu entblößen. Für die narzisstische Selbstdarstellung ist Amateurpornografie die perfekte Überhöhung.

Warum tarnen sich manche Männer dann noch mit Masken?
Sex vor der Kamera ist für sie der Kick, dafür nehmen sie Risiken in Kauf. Ein Buchhändler hat mir erzählt, dass er es toll findet zu wissen, dass ihn Menschen in erregtem Zustand sehen. Gleichzeitig hat er große Angst, von Kunden erkannt zu werden.

Und die Frauen?
Ich weiß von einer Kassiererin, die von Kollegen erkannt wurde – und souverän damit umging. Oder eine Immobilienverwalterin mit dem Hobby FKK. Sie hat einfach Lust darauf, Pornos zu drehen. Ihr ist egal, was die Leute denken.

Und keiner macht sich Gedanken, dass die Filme ewig im Internet bleiben?
Ausgerechnet ein Zuhälter sagte mir, er verstehe nicht, dass sich die Leute beim Sex filmen lassen. Sie werden immer Pornodarsteller bleiben, weil das Internet niemals vergisst. Der Mann hat recht.

Was macht den speziellen Reiz aus?
Bei der aktuellen, bezahlten Amateurpornografie ist der persönliche Kontakt sehr wichtig. Man kann die Darsteller kontaktieren und mit ihnen Sex haben für neue Clips.

Klingt nicht mehr nach Amateuren...
Man schätzt, dass 20 Prozent mittlerweile Profis sind. Auch die Grenzen zur Prostitution sind fließend.

Ziemlich ernüchternd. Welche Rolle spielen dabei noch Gefühle?
Bei allen Dreharbeiten hatte ich den Eindruck: Die Leute sind froh, dass man hier mal keine Emotionen braucht. Sex ohne Kinobesuch, Händchenhalten und ein Glas Wein. Sondern: Lass uns das jetzt einfach machen.

Sie waren bei richtig großen Orgien dabei.
Ja, in Hamburg in einem Keller. Es waren 20 Amateure und 100 Gäste da. In fünf nachgebauten Schlafzimmern wurden die ganze Nacht hindurch Clips gedreht. Ich fühlte mich wie ein Ethnologe im Urwald, der einen neuen Stamm entdeckt hat, mit eigenen Riten und Codes. Man sieht sich das an und staunt. Natürlich fand ich nicht alles toll. Aber es ist ein Stück deutsche Alltagskultur geworden, unterhalb des medialen Wahrnehmungsradars.

Was fanden Sie richtig seltsam?
Es gibt schon bizarre Praktiken, aber solange alles einvernehmlich geschieht und keine Gesetze verletzt werden, ist das doch okay. Fast komisch fand ich, dass ein Webcam-Paar von Usern gebeten wurde, Blümchensex zu zeigen. Um zu erfahren, wie das eigentlich aussieht.

Sehr beliebt sind Filme von Gang-Bangs – eine Frau hat Sex mit mehreren Männern. Was sind das für Frauen?
Ich habe durchweg sehr selbstbewusste kennengelernt, die gern die Zügel in der Hand haben und den geschützten Rahmen schätzen. Zum Beispiel eine kleine, unscheinbare Frau aus Berlin, die zu Hause mit ihrem Freund Sex vor der Kamera hat, aber auch mit mehreren Männern. Sie sagt, Pornografie gebe ihr die Möglichkeit, solche Fantasien auszuleben – im privaten Umfeld sei das nicht machbar.

Das Ganze hat was von einem neuen Extremsport.
Das stimmt, ich denke da an den Zahnarzt und den Steuerberater bei der Kellerorgie. Der Kameramann dirigierte sie ziemlich schroff, der eine kam mit Ach und Krach und war dann richtig stolz. Der Steuerberater musste leider kapitulieren. Aber ich wusste, er wird wieder einen Film drehen. Weil die Männer so oft antreten, bis es problemlos klappt. Und dann bleiben sie dabei.

Philip Siegel, 51: Der ARD-Redakteur zeigt auf der Website 3zimmerporno.de einige Handyvideos von Dreharbeiten. Verpixelt, natürlich.


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