Interview: Plastische Chirurgie

Rockstars mit Skalpell

Diese plastischen ­Chirurgen sind echte ­Koryphäen und haben in ­ihrem Beruf einiges erlebt. Ein Gespräch über Kim Kardashian, Soja-Öl und plötzliche ­Todesfälle.

Veröffentlicht am 09.12.2017
Chirurgen-Trio.

Zusammen über 100 Jahre Berufs­erfahrung: Gerhard Sattler (links), Edgar Biemer (Mitte) und Hans-Leo Nathrath (rechts) gelten als Experten der ästhetischen Medizin.


 Schönheits-OPs boomen, das zeigt die stetig steigende Zahl der Eingriffe in Deutschland und weltweit, trotz Body Positivity- und Fat Acceptance-Bewegung. Und wie auch immer man diese Entwicklung bewertet – Fakt ist, dass Operationstechniken, Anästhesien oder auch die Implantate heute sicherer als je zuvor sind. Keine schlechte Idee, die alten Hasen der Branche mal zu fragen, wie das früher so war. Tatsächlich grenzt das, was die plastischen Chirurgen Edgar Biemer und Hans-Leo Nathrath sowie der Dermato-Chirurg Gerhard Sattler in ihrer beruflichen Laufbahn miterlebt haben, an einen OP-Krimi. Wir haben die drei Koryphäen an einen Tisch gesetzt und erzählen lassen. Ganz ungeschönt, frei von der Leber weg, sozusagen. 

Warum haben Sie sich eigentlich für die ästhetische Medizin entschieden?  
Gerhard Sattler: Als junger Mann bin ich an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Nachdem ich das überstanden hatte, wollte ich Mediziner werden. Über die Dermatologie kam ich zur Ästhetik.

Hans-Leo Nathrath: Eigentlich war ich Fotograf und wollte die Welt be­reisen, aber Medizin hat mich fasziniert, wahrscheinlich weil es in meiner Familie so viele Ärzte gibt. Ich habe ­meine Doktorarbeit in der plastischen Chirur­gie gemacht, so fing das an.

Und bei Ihnen, Herr Biemer?
Edgar Biemer: Bei mir gab es nur Kaufleute. Aber mir war schon zu Schul­zeiten klar, dass ich plastischer Chirurg werden wollte. In der Abitur-Zeitung stand in der Rubrik „Was wird in zehn Jahren sein?“, dass es keine hässlichen Mädchen mehr geben wird, weil Edgar Biemer sie alle operiert hat. Letztlich bin ich als Erstes in der Wiederher­stellungschirurgie ­gelandet und erst später in die ästhe­tische Chirurgie ­gekommen. 

Was hat sich in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert? 
Biemer: Die Hemmschwelle, sich ­operieren zu lassen, ist geringer, weil die ästhetische und plastische Chirurgie immer mehr zu einem Konsumgut werden. 

Nathrath: Man darf nicht vergessen, die Risiken sind mittlerweile geringer.

Biemer: Absolut, allein schon durch die moderne Anästhesie.

Nathrath: Die Operationszeiten sind kürzer, da neue Techniken weniger Zeit in Anspruch nehmen, das OP-Team hat sich halbiert. Ach ja, und der Begriff Beauty-Doc hat sich eingebürgert.

Hört sich so an, als seien Sie nicht gerade begeistert. 
Nathrath: Stimmt. Beauty-Docs, das sind für mich Kollegen, die sich in ­People-Magazinen mit C-Promis ablichten lassen, denen sie extrem große Brüste, Hintern und Schlauchbootlippen verpasst haben. Die Bezeichnung Schönheitschirurg finde ich genauso unpassend. Wir verstehen uns als seriöse plastische Chirurgen.

Herr Sattler, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten ästhetischen Eingriff?
Sattler: Ja, das war 1989, eine Mini-Fettabsaugung an der Innenseite des Knies. Unglücklicherweise ist die Patientin dabei kollabiert, so was passiert mal. Dennoch war ich damals total ­geschockt und dachte, ich hätte sie umgebracht. War natürlich Quatsch.

Biemer: Ich kann mich auch an einen besonderen Fall erinnern, wo ich ­richtig Panik hatte. In den 70er-Jahren wurden die Brustwarzen bei einer Brustwiederherstellung aus den Ohrläppchen oder den kleinen Schamlippen rekonstruiert. Bei meiner Patientin wollte ich die verheilte Rekonstruktion tätowieren, damit sie farblich hübscher aussieht. Da sie sowieso noch einen weiteren Eingriff bei einem Kollegen hatte, tätowierte ich zum Schluss dieser OP. Alles lief gut, bis plötzlich der Blutdruck stark abfiel. Wir haben alles versucht, aber drei Stunden nach dem Eingriff war die junge Frau tot – mit Mitte 30! Ich war fix und fertig und der festen Überzeugung, sie hätte allergisch auf die Farbe reagiert. Bei der Obduktion kam raus, dass sie ein Blutersatzmittel, das bei der OP verwendet wurde, nicht vertragen hatte. Sie war eine der Ersten, die daran starb. Kurze Zeit später wurde das Mittel verboten.

Rein statistisch gesehen muss bei Operationen irgendwann etwas schiefgehen. 
Nathrath: Das ist eine Sache der ­Definition. Fehler oder nicht perfekte Ergebnisse kann man meist korrigieren. Wenn man die Indikation stellt, also die medizinischen Maßnahmen bespricht, muss man sich bereits vorher fragen, ob man mit einem zweiten ­Eingriff das Ergebnis optimieren kann. Man muss den Patienten darüber aufklären, dass eine Nachoperation erforderlich sein kann. Das ist schätzungsweise bei zehn Prozent aller Nasen-OPs der Fall. 

Würden Sie Familienmitglieder operieren?
Nathrath: Natürlich, alles andere wäre unprofessionell. Im OP ist jeder für mich vorrangig Patient, den Rest blende ich aus. 

Biemer: Ich habe auch Familienmitglieder operiert, würde das aber bei manchen nicht mehr tun. Wenn das Ergebnis nur einen Hauch von der Erwartung abweicht, kriegt man das bei jedem Treffen unter die Nase gerieben. 

Wer kommt denn so in Ihre Praxen? 
Sattler: Normale Leute, die nachher völlig normal wieder rausgehen, das ist unser Anspruch.

Biemer: In den Medien wird es häufig so dargestellt, als würden sich nur ­prominente Frauen operieren lassen. Dabei ist es der ganz normale Bevölkerungsdurchschnitt, der kommt.

Nathrath: Prominente gibt’s auch. Aber keine, die sich riesengroße Brüste basteln lassen, die gehen dann zum Beauty­-Doc (lacht). Ich sage immer: Jeder Arzt kriegt die Patienten, die er verdient. Man muss Nein sagen können. 

Gibt es hierzulande Frauen, die beispielsweise wie Kim Kardashian aussehen wollen – großer Po, schmale Taille?
Sattler: Mir sind keine bekannt. Solche hyperplastischen Reformierungen der Gesäßregion bei sehr schmaler Taille würde ich nie unterstützen. Es ist eine übertriebene Form der Weiblichkeit. Dafür hat die Dame vermutlich die Taille absaugen und Eigenfett ins Gesäß transplantieren lassen. Ich möchte nicht wissen, wie das in zehn Jahren aussieht. Mit Ästhetik hat das jedenfalls nichts zu tun.

Das Chirurgen-Trio im Gespräch mit Beauty-Journalistin Marie-Luise Wenzlawski.

Drei Männer packen aus. Über die ­Geschichten staunte selbst die erfahrene Beauty-Journalistin Marie-Luise Wenzlawski. 


Wann sagen Sie Nein?
Biemer: Bei mir war mal ein circa 50-jähriger Mann, der mir Jugendfotos zeigte und sagte: So möchte ich wieder aussehen. Ein Fall für den Psychiater …

Nathrath: Zu mir kam kürzlich eine wohlhabende Chinesin, ich glaube, sie war mit jemandem in der chinesischen Regierung verwandt. Sie wog gerade mal 42 Kilo und hatte sich in Los Angeles jeweils 500-Milliliter-Implantate in die Brüste einsetzen lassen. Diese ­taten ihr natürlich weh. Auf der einen Seite stand das Implantat sogar schon ante portas, bedeutet, man konnte es durch die Haut sehen. Ich habe sie ­entfernt. Danach wollte die Patientin einen Brustaufbau mit Eigenfett. Sie sagte, dass es ihr egal sei, was es koste, ich habe geantwortet: „Da können Sie zahlen, was Sie wollen, bei Ihnen ist kein Fett!“ 

Gab es auch Methoden oder Mittel, die verheerende Folgen nach sich zogen? 
Sattler: Macrolane, eine Hyaluronsäure, die bei örtlicher Betäubung in die Brust injiziert wurde, wird nicht mehr verkauft. Das sollte damals eine Alternative zu Silikonimplantaten sein. ­Allerdings gab es diverse Probleme, ­unter anderem bei der Krebsvorsorge. Es kam zu falschen Diagnosen.

Nathrath: Ich hatte mit einer Patientin aus Moskau zu tun, der sie vor Ort erst Implantate eingesetzt hatten, diese zwei Tage später wieder entfernt und die Höhlen mit flüssigem Silikon gefüllt hatten. Einer anderen – sie kam vom selben Chirurgen – hatte man eine Art Speise-Öl eingefüllt. Das sind Verbrechen.

Biemer: Ja, bei Brustimplantaten gab es einige Flops. Gerade das flüssige ­Silikon fing im Körper an zu wandern, stellen Sie sich das mal vor. Es gab auch Soja-Öl-Implantate. Platzte das, ver­arbeitete der Körper das Öl nicht, wie man annahm, sondern entzog dem Körper Elektrolyte und verseifte – eine explosive Mischung. Aber auch bei Männern gab es Skandale. Vor circa zehn Jahren behandelte ich drei Männer, die sich in Russland mit einem ­dubiosen Substrat den Penis dicker spritzen ließen – eine Katastrophe! Ich habe diese Patienten nachoperieren müssen. Und das endete immer in einer Penis-Amputation. 

Sie wirken ziemlich gelassen …
Biemer: Nun, ich habe sehr viel Wiederherstellungschirurgie betrieben und war der Erste, der in Deutschland Transsexuelle operiert hat. Dazu gehört eben auch die Adaption des Geschlechtsteils, als Chirurg darf man nicht zimperlich sein.

Also waren eher die Produkte Flops, nicht die operativen Techniken?
Sattler: Ja, ich erinnere mich an die ­ersten Goldfäden, die unter die Haut geschoben wurden, um sie zu straffen. Angeblich hatte Catherine Deneuve die auch, da waren alle wild drauf. Das Problem war, dass die an der Oberfläche oft wieder zum Vorschein kamen. Da hat sich viel verändert, heute werden vor allem Fäden aus Polymilch­säure verwendet. Aber ich sehe das ­Fadenlifting nach wie vor kritisch.

Unterspritzungen mit Hyaluronsäure boomen – sind die unbedenklich?
Sattler: Bei sparsamem Einsatz schon. Die Produkte sind gut stabilisiert, sie halten sich recht lange unter der Haut. Wer sich allerdings wahl- und ziellos überall im Gesicht spritzen lässt, riskiert, dass das Unterhautfett­gewebe vernarbt und ein aufgedun­senes Mondgesicht entsteht.

Wie sieht die Zukunft der ästhetischen und plastischen Chirurgie aus? 
Sattler: Die Beinverlängerung wird auch bei uns kommen, es gibt neue Methoden, die Patienten weniger einschränkt.

Biemer: Ich bin überzeugt, wir werden mehr Gewichtsreduktions-Patienten sehen, Menschen, die 60 oder sogar 80 Kilo abgenommen haben und sich dann neu modellieren lassen müssen. 

Sattler: Und weil die Bevölkerung immer älter wird, wird die Alters-Ästhetik einen höheren Stellenwert bekommen. Wer sich mit 75 noch fit fühlt, will auch so aussehen. 

Biemer: Spannend ist die Stammzellenforschung, die einiges in unserer Branche verändern könnte. Sie wird vielleicht ermöglichen, mit regeneriertem Fettgewebe die Brüste aufzubauen, das wäre das Ende von künstlichen Implantaten. So weit sind wir derzeit noch nicht, Stammzellen sind nun mal ­multipotente Zellen, die auch Karzi­nome produzieren können.

Es gibt Frauen, die eher in Botox und Filler investieren als in teure Anti-Aging-Cremes. Werden die Tiegel überflüssig?
Nathrath: Nein, dieser Sektor wird weiter blühen, dafür wird die Kosmetik­industrie schon sorgen.

Chirurgen-Trio.

Unter Kollegen: Diese Beauty-Docs wissen, wovon sie sprechen.


Biografien 

Dr. Hans-Leo Nathrath, 64, leitete die Plastische Chirurgie-Abteilung in der Münchner Arabellaklinik und ist Facharzt für allgemeine, plastische,
rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Mittlerweile führt er eine eigene Praxis in ­München. Seine Schwerpunkte sind Gesichts- und Brustoperationen.

Prof. Dr. Dr. Edgar Biemer, 77, ist emeritierter Professor und war langjähriger Leiter der plastischen Chirurgie am Klinikum rechts der Isar in München. Er ist Gründer und erster Präsident der VDÄPC (Vereinigung der ­Deutschen Ästhetisch Plastischen ­Chirurgen), wurde mehrfach ausgezeichnet und arbeitet heute in einer Praxisgemeinschaft.

Dr. Gerhard Sattler, 61, studierte Humanmedizin und spezialisierte sich in der Facharzt-Ausbildung auf Dermatologie. Er ist Ärztlicher Direktor der Rosenpark Klinik in Darmstadt und führte die Methode der Fettabsaugung in Tumeszenz-Lokalanästhesie, also großflächi­ger Betäubung ohne Vollnarkose, 1989 in Deutschland ein.