Porträt: Isabella Rossellini

Das Glück gepachtet

Isabella Rossellini hat seit fünf Jahren eine Farm auf Long Island mit Schafen, Schweinen und Hühnern. Tiere, erzählt sie bei einem Treffen, verändern das Leben.

Veröffentlicht am 22.05.2017
Isabella Rossellini mit einem Falken.

Isabella Rossellini 1998 mit einem Falken.


„Hühner zu schlachten ist einfach“, sagt Isabella Rossellini. Diesen Killer-Satz bringt sie mit so viel Zen in der Stimme heraus wie ein meditierender Yogi sein Om. Ist aber gar nicht so gemeint, diese rustikale Raubeinigkeit. Auf ihrem Hof in Brookhaven, knapp zwei Autostunden von New York entfernt, leben 70 Hühner, allesamt alte Rassen, denen es tatsächlich nur an den Kragen geht, wenn sich eines verletzt hat. Sonst wird auf „Isabella’s Farm“ eher studiert als geschlachtet. Neben dem Federvieh tummeln sich vier Schafe, zwei Kunekuneschweine, ein paar Truthähne, Katzen, Hunde, die zum Blindenführer ausgebildet werden, und „etwa eine Million Bienen“ auf rund acht Hektar Land. 

Isabella Rossellini ist die Chefin dieser Menagerie, im Hauptberuf Schauspielerin, Model und Autorin, daneben Regisseurin und immer noch die Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. Ein Weltstar, der seit fünf Jahren einen Bio-Bauernhof betreibt. Man zieht sofort gedanklich Vergleiche zu Brigitte Bardot und Worte wie schrullig und Eskapismus fallen einem ein. Schon mit der Andeutung kann man die 64-Jährige im Handumdrehen auf die Palme bringen. Italienerin halt … 

Tiere sind ein Teil Ihres Lebens

Nein, sie sei keine Aussteigerin, erklärt sie bestimmt. Sie habe nur endlich im fortgeschrittenen Alter das Glück, alle ihre Leidenschaften ausleben zu können. Tiere sind ein Teil ihres Lebens, seit Vater Roberto ihr einst ein Buch von Konrad Lorenz schenkte und die kleine Isabella neugierig die Hunde der Familie beobachtete. Vor zehn Jahren hat sie die Faszination in professionelle Bahnen gelenkt und studiert Verhaltensbiologie, zwei Kurse fehlen ihr noch zum Master-Abschluss. Mit der Farm auf Long Island hat Isabella Rossellini quasi ein eigenes Forschungslabor eröffnet. Ihre Hennen etwa tragen farbige Bändchen, damit sie analysieren kann, ob ein bestimmtes Benehmen der Rasse oder dem Charakter geschuldet ist. „Ich behaupte mittlerweile, dass Hühner eine eigene Persönlichkeit haben“, sagt sie. Ihr Lieblingshuhn Red (wegen eines roten Bändchens um den Fuß) sei besonders neugierig und furchtlos. „Sie flattert im Haus herum, pickt in den Hundenäpfen nach Futter und hüpft sogar in den Transporter“, erzählt sie nicht ohne Stolz.

Ähnlich leidenschaftlich ist die Italienerin nur bei einem Thema: der Tatsache, dass sie nach gut 20 Jahren Pause wieder als Muse für Lancôme arbeitet. Sie ist „Happiness“- Botschafterin der Marke und soll auf Events über die Geheimnisse ihres Glücks sprechen. Eine gute Wahl: Isabella Rossellini sieht zufrieden aus, wirkt erfreulich natürlich und komplett mit sich im Reinen. Obwohl sie sich seinerzeit maßlos über Lancôme geärgert hat, als das Haus sie Mitte der 90er nach elf Jahren als internationale Markenbotschafterin durch ein jüngeres Model ersetzte, ist sie nicht nachtragend. Damals sprach sie von Altersrassismus, fühlte sich gedemütigt, heute sagt sie: „Dass ich jetzt wieder engagiert wurde, beweist, wie sehr sich die Gesellschaft verändert hat.“ Frauen nähmen ihr Leben heute in die Hand, ohne sich für die Familie oder den Haushalt aufzuopfern, und seien sich inzwischen klar darüber, dass sie selbst für ihr Glück verantwortlich sind. Außerdem säßen jetzt weibliche Führungskräfte wie Françoise Lehmann, General Manager von Lancôme, statt alter Machos in den Chefetagen. Und auch die Kundinnen verlangten – „endlich!“ – nach Werbefiguren, die wirklich was zu sagen hätten, echten role models.

Isabella Rossellini mit Ex-Partner Gary Oldman.

Isabella Rossellini mit Ex-Partner Gary Oldman 1994 in New York.


„Ich mag Männer. Sie können großartig sein.“

Frauen wie Isabella Rossellini. Sie hat zwei Kinder allein großgezogen, ihre Beziehungen und Ehen hielten nie lange. Vier Jahre war sie mit Martin Scorsese verheiratet, aus der zweiten, 24-monatigen Ehe mit Jonathan Wiedemann stammt ihre Tochter Elettra, inzwischen 33, es folgten eine kurze Affäre mit Ballettguru Mikhail Baryshnikov, längere Beziehungen zu David Lynch, der Liebe ihres Lebens, und Gary Oldman, der sie nach zwei Jahren für ein amerikanisches Model verließ. Einen Groll gegen das männliche Geschlecht hegt sie nicht. Die Frage, ob Tiere die besseren Lebenspartner sind, findet sie vollkommen absurd. „Ich mag Männer. Sie können großartig sein.“ Wie ihr Sohn Roberto, 23, den sie 1994 adoptiert hat. Seinetwegen ist sie seinerzeit von Manhattan aufs Land gezogen. „Er sollte mit dem Fahrrad zur Schule fahren, nachmittags draußen in den Wäldern spielen können, frei sein.“ Keines ihrer Kinder sollte in ihre Fußstapfen treten – und doch arbeiten sowohl Elettra als auch Roberto zumindest zeitweise als Model. „Mein Sohn probiert sich vor und hinter der Kamera aus“, erzählt sie stolz und zeigt seine neuesten Bilder auf Instagram, auf denen er einen Schuh auf dem Kopf trägt. Findet la mamma  superlustig. Und gerecht wie Mütter sind, muss sie auch noch schnell die Fotos ihrer Tochter präsentieren. Elettra Wiedemann ist mit ihrem Blog „Impatient Foodie“ erfolgreich und hat gerade ihr erstes, gleichnamiges Kochbuch mit hundert schnellen Rezepten herausgebracht (bisher nur auf Englisch). 

Gemüse wird im eigenen Garten angebaut

Essen und das Thema Ernährung nehmen in Isabellas Familie einen hohen Stellenwert ein. „Ich bin keine Vegetarierin, nur ist es mir unmöglich, meine eigenen Tiere zu essen. Mit Hühnern vom Nachbarn habe ich jedoch keine Probleme“, schmunzelt sie. Dafür sei es purer Genuss, das Gemüse aus dem eigenen Garten zu verwenden. Selbstverständlich biologisch angebaut, was dem glücklichen Zufall geschuldet ist, dass ihr Land zu einer Bruderschaft gehörte, die es brachliegen ließ. „Mein Nachbar will gerade auf ökologische Landwirtschaft umstellen. Puh. Es dauert Jahre, bis Dünger und Chemie gänzlich aus dem Boden verschwunden sind“, berichtet die Teilzeitfarmerin.

Ist sie auf Reisen oder bei Dreharbeiten, kümmern sich mehrere Angestellte um den Betrieb. Einen Teil des Landes hat sie ohnehin der Universität verpachtet, die dort mit indigenen Pflanzen experimentiert, einen anderen stellt sie der örtlichen High School zur Verfügung, die dort Gemüse züchten und ernten kann. Einen großen Teil okkupieren die eigenwillige Hühnerrassen Crested Polish, Welsumer, Cochin, Fayoumi, Campiner  und Sumatra.  Nie gehört? Isabella auch nicht, bevor sie einen Karton kleiner Küken im Internet orderte, kurz nachdem sie geschlüpft waren. „Der Zeitpunkt war wichtig für deren soziale Prägung und Bindung“, erklärt sie. Nicht alle haben Namen, Lieblingshuhn Red hört aber auch noch auf Amelia Earhart, nach der abenteuerlustigen Pilotin. Und Andy Warhol hat seinen Namen wegen des markanten weißen Schopfs. 

Ihr neuestes Werk: „Chick-Lit”

Das alles und mehr kann man in Rossellinis neuestem Werk, echter Chick-Lit, erfahren: „Meine Hühner und ich“ (Schirmer/Mosel) ist ein Mix aus Bildband, Hühnerdossier und Zeichenschule, denn zum ersten Mal hat das Multitalent auch noch als Illustratorin gearbeitet.

Das Glücksgefühl von Isabella Rossellini hat viel mit ihrer Freiheit zu tun, ihr eigenes Ding zu machen, sich auszuprobieren. Und auch die Hühner sind so etwas wie Glücksbotschafter: „Sie wollen nie wieder etwas anderes streicheln, wenn Sie einmal das Federkleid eines Huhns berührt haben“, schwärmt sie. „Sie sind weicher als jeder Hund, ja sogar weicher als Katzen.“ Es klingt, als hätte diese Frau das Paradies entdeckt. Das Leben auf dem Land habe einen großen Vorteil, findet die permanent aktive Künstlerin: Man könne sich auf seine Kreativität konzentrieren. Kein Theater, kein neues Restaurant, keine Ausstellung lenken von der eigentlichen Arbeit ab. Hier sitze sie am Schreibtisch und müsse warten, bis der Knoten platzt, die Ideen sprudeln. „Eine Farm ist aber keineswegs ein Shangri-la, sondern vor allem harte Arbeit.“ Selbst wenn man den Hühnern doch nicht eigenhändig den Hals umdreht.