Programmiererin Aya Jaff

Jung, weiblich, furchtlos

Die Deutsch-Irakerin Aya Jaff ist gerade mal 21 Jahre alt, aber schon ein Star in der männerdominierten Tech-Szene. Ihr Motto: Nicht lange nachdenken, einfach machen.

Veröffentlicht am 08.06.2017
Aya Jaff.

Latop und Lippenstift: So sieht der Star der deutschen Tech-Branche aus.


Ein helles Loft, weiße Regale, schwarze Schreibtische und silberne Luftballons, die beim Besuch Anfang März im Raum schweben, Überbleibsel der Eröffnungsparty, die eine Woche zuvor stattfand. Urbane Fabriketagen-Stimmung. Auf einem Plakat steht Never stop hacking.

Aya Jaff, die dunklen Haare zum Halbdutt hochgebunden, schwarzer Neoprenpullover, helle Jeans, schwarze Schuhe mit Plateau-Absatz, begrüßt einen mit neugierigen Augen und weltgewandter Professionalität. Sie drückt einem eine kalte Club-Mate-Flasche in die Hand und schlägt vor, auf den Sitzsäcken vor der Heizung Platz zu nehmen. Ihr Kollege Jan schüttelt im Vorbeigehen die Hand. Routiniert erklärt Aya Jaff: „Das ist unser CTO.“ Und auch wenn man da noch nicht weiß, was ein CTO ist (Chief Technical Officer, der Technische Direktor eines Unternehmens), weiß man auf jeden Fall schon mal: Das hier ist Aya Jaffs Reich. Der „Art Incubator“ in Nürnberg ist ihr neuer Arbeitsplatz. Eine Art Co-Working-Space für Tech-Start-ups, den die Frau gerade gemeinsam mit drei Kollegen und mithilfe von Fördermitteln der Stadt Nürnberg im ehemaligen Zollhof aufbaut.

Problemlöserin

Aya Jaff ist erst 21 Jahre alt und gilt bereits als Expertin in der männerdominierten Tech-Branche. Sie programmiert, seit sie 15 ist, hat das Online-Börsenspiel „Tradity“ mitentwickelt und zuletzt mit einem hochdotierten „Women who code“-Stipendium im Silicon Valley sieben Wochen lang zur Zukunft der Logistik geforscht. Aber von vorn.

Wie alle großen Geschichten beginnt auch die von Aya Jaff mit einem Problem. Sie ist 15 und ärgert sich in der Schule darüber, dass man über die Stunden, die ausfallen, nicht schon morgens im Bett online informiert wird. „Ist doch scheiße, hab ich gedacht, wir leben immerhin im digitalen Zeitalter“, sagt sie. Andere Menschen belassen es bei diesem Gedanken. Nicht so Aya Jaff. Wenn es diese App nicht gibt, muss sie eben jemand erfinden, denkt sie. Zum Beispiel sie selbst.

In ihrer Facebook-Timeline stößt sie auf die Werbung eines Ideenförderungsprogramms für Jugendliche. Sie meldet sich an, stellt ihre Idee vor und bekommt den Zuschlag. Als sie erfährt, dass eine App-Entwicklung nicht wie von ihr vermutet maximal 400 Euro, sondern eher um die 10 000 Euro kostet und die Förderung dafür bei Weitem nicht ausreicht, ist sie fassungslos: „Nur weil das ein einziger Dude in Nürnberg entwickeln kann, ist das so teuer? Das habe ich nicht eingesehen“, erzählt sie und lacht. Also beschließt Aya Jaff, sich das Programmieren selbst beizubringen.

Faszination: Programmieren

Ihre ältere Schwester Sham, 24, nimmt sie mit in einen Co-Working-Space in Nürnberg, hier erzählt Aya Jaff, dass sie einen Programmierclub gründen möchte. Sie findet Mitstreiter. Als sie die Grundlagen beherrscht, testet sie ihre neu gewonnenen Kenntnisse bei der Mitarbeit an „Tradity“, einem Börsenspiel, das mittlerweile von mehr als 11 000 Jugendlichen in ganz Deutschland gespielt wird. Die Stundenplan-App erscheint ihr da plötzlich nicht mehr ganz so dringend.

Stattdessen taucht sie immer tiefer in die Welt des Programmierens ein, nimmt auf Einladung ihres Vorbilds Diana Knodel, einer der bekanntesten deutschen Programmiererinnen, an sogenannten Hackathons, also Hacker-Marathons, und Digitalkonferenzen teil: „Diana Knodel hat mich wirklich motiviert weiterzumachen“, sagt Aya Jaff. „Sie hat während ihres Studiums ein Kind bekommen und ein Unternehmen gegründet, ihr Mann unterstützt sie bei allem, sie ist glücklich und cool drauf, überall erzählt man von ihr. Das wollte ich auch.“ Je besser sie Diana Knodel kennenlernt, desto schneller merkt sie: Die ist ja auch nur so wie ich. Wenn die das schafft, kann ich das auch.

Why not?

Aya Jaffs Stimme ist angenehm sanft und freundlich, sie spricht deutlich und mit großer Zugewandtheit. Wenn man will, hat ihre Art etwas Amerikanisches,  aber nicht auf die anstrengende, sondern auf eine gute, lässige Weise. Man muss dauernd an diesen optimistischen „Can do“-Spirit denken. Und man ahnt, dass sie in ihrem jungen Leben wohl schon sehr viele Web-Tutorials und TED-Talks gesehen hat. Immer wieder lässt sie Anglizismen einfließen, und sehr oft ist das: Why not

Woher kommt dieser unbedingte Tatendrang, dieser untrügliche Glaube an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten? Genetisches Erbe, sehr viele Motivationsvideos oder einfach anerzogen? Immerhin hat auch Aya Jaffs vier Jahre ältere Schwester bereits mit Anfang 20 das Nürnberger Online-Stadtmagazin „Nipster“ gegründet. Aya und Shams Vater ist Taxifahrer, die Mutter Kassiererin.

Mitte der 90er- Jahre flohen sie aus dem Nordirak vor dem Krieg. Ihren beiden Töchtern haben sie immer gesagt: „Macht einfach, was euch Spaß macht. Auch wenn ihr eines Tages alles verliert und wieder bei null anfangen müsst, auch wenn ihr nur noch einen Koffer mit eurem Hab und Gut besitzt, könnt ihr glücklich werden. Hauptsache, ihr habt einander. Das ist es, was zählt.“ Ihren Eltern habe sie nie irgendetwas beweisen müssen, erzählt Aya. „Wenn ich interviewt werde oder etwas anderes Tolles passiert, reden wir da zu Hause kaum drüber“, sagt sie. „Die Fragen sind eher: ‚Bist du gerade glücklich, machst du etwas, das dich bewegt?‘“ 

Motivation pur

Hungrig ist Aya Jaff. Wissenshungrig, ambitioniert und bis in die tippenden Fingerspitzen motiviert. Wie so viele aus dieser jungen Generation von Zuwanderern, die – gut gebildet, bestens vernetzt, flexibler denn je – nichts zu verlieren, aber sehr viel zu gewinnen haben. Die ihre Chance in der neuen Heimat nutzen wollen und vielleicht gerade deswegen schnell dazulernen und noch schneller abliefern. So ganz anders als die „Generation Y“, die sich jetzt mit knapp 40 reihenweise in Sabbaticals verabschiedet, um herauszufinden, was sie mit ihrer zweiten Lebenshälfte eigentlich anfangen will.

Aber Aya Jaffs Motivation beruht sicher nicht nur auf ihrer eigenen Biografie, am liebsten lässt sie sich von anderen Lebensgeschichten inspirieren, wie der von Bill Gates oder Benjamin Franklin.„Ich liebe Autodidakten. Wenn Menschen sich alles selbst beibringen und an ihren Aufgaben wachsen“, sagt sie. Dass noch so viele Frauen vor dem Thema Programmieren zurückscheuen, findet Aya Jaff schade. „Die interessieren sich ganz selbstverständlich für Sprachen, für Spanisch oder Englisch, aber Programmiersprachen sind doch auch Sprachen!“ Dabei geht es um viel mehr als das: Bei Start-up-Events seien generell nur 10 bis 20 Prozent Frauen vertreten, erzählt sie. Jedes Start-up hat heute in irgendeiner Form mit digitaler Technik zu tun. „Wenn man sich da als Frau ausklinkt und sagt ‚Das kann ich nicht‘, hebelt man sich auch zunehmend aus der Gesellschaft aus.“

Frauen denken anders

Sie wünscht sich mehr Frauen in Unternehmen, weil die mitunter an andere Sachen denken als ihre männlichen Kollegen. „Klingt banal, aber: Es hat zum Beispiel ewig gedauert, bis es für das iPhone eine Menstruations-App gab. Und die weibliche Stimme wird von Siri schlechter erkannt, weil sie nur von Männern getestet wurde.“ Auf der Damentoilette eine Schachtel Tampons zu entdecken – auch das sei so ein Moment, in dem man wisse: Es ist eine Frau im Office!, lacht Aya Jaff. Männer machen sich über so etwas natürlich keine Gedanken.

Letzten Endes sei die Begeisterung von Frauen für Technik auch eine ästhetische Frage, glaubt sie. Als sie für ihre Programmierclubs gezielt nach Teilnehmerinnen suchte, musste sie diese mit der Aussicht auf selbst entworfenen Schmuck aus dem 3D-Drucker locken. „Klingt oberflächlich, aber ich bin ja genauso. Ich habe erst durch amerikanische Websites so richtig Lust bekommen zu coden,  weil da alles sehr viel cooler und stylisher aussah.“ Aya Jaff selbst ging es nie um das Programmieren an sich. Es war nur Mittel zum Zweck, Instrument zur Selbstermächtigung: „Wie bei allem besteht der Trick sich zu motivieren darin, dass man weiß, wofür man etwas lernt.“

Zukunftspläne

Nach dem Abitur schrieb sie sich für ein Wirtschaftsinformatik-Studium in Nürnberg ein. Ein Stipendium ermöglichte ihr einen Forschungsaufenthalt im Silicon Valley. Dirk Ahlborn, CEO des kalifornischen Unternehmens Hyperloop, das Menschen mit mehr als 1000 km/h durch Unterdruckröhren befördern will, bot ihr sogar gleich im Anschluss einen Job an. Doch Aya Jaff legte das verlockende Angebot vorerst auf Eis. Sie will in Nürnberg das Studienfach wechseln, von Wirtschaftsinformatik zu Wirtschaftswissenschaften und Sinologie, sowie nebenbei den „Art Incubator“ weiter aufbauen.

Außerdem schreibt sie gerade an einem Buch über Börsengrundlagen. „Fürs Programmieren sind mittlerweile genug coole Bücher vorhanden. Aber über Börsen-Basics gibt’s nichts, was man mit Spaß liest“, erzählt sie. Wieder die Jaff ’sche Schlussfolgerung: „Dann mach ich das eben, why not?“

Hat sie einen großen Lebens traum, eine Idealvorstellung von sich in 20 Jahren? „Nein, ich denke generell nicht sehr oft über die Zukunft nach. Was mich jetzt interessiert, das mache ich jetzt. Bisher waren das Computer und Apps. Aber wenn mir nun das Bücherschreiben Spaß macht, verfolge ich vielleicht das weiter. Oder ich werde eines Tages Traderin an der Börse“, sagt sie. „Mal sehen, wohin mich das Leben noch führt.“ Aya Jaffs Leichtigkeit und ihr Optimismus färben ab. Eine Stunde lang mit ihr zu reden ist wie eine geistige Reinigung. Man geht danach auf die Straße und fragt sich eine ganze Weile lang nur noch eins: Wovor eigentlich Angst haben im Leben?