Psychotherapie

Macht Therapie wirklich glücklich?

Ein Therapeut soll dabei helfen, die Voraussetzung für ein glückliches Leben schaffen. Aber kann er oder sie das tatsächlich? Ein Expertin erklärt, worauf man achten sollte, wenn man sich Hilfe holt.

Veröffentlicht am 11.09.2017
Eine Frau liegt auf einer Couch. Daneben sitzt ihr Therapeut.

Psychotherapeuten bieten Hilfe, wenn man alleine nicht mehr weiter weiß. 


Frau Dr. Jacob, heute heißt es immer öfter: „Ich geh zum Therapeuten.“ Ist es plötzlich angesagt, sich helfen zu lassen?
Man signalisiert damit: Ich tue etwas für mich, das gilt als modern und aufgeklärt. Das zieht sich übrigens durch alle Schichten – die Friseurin mit einer Lebenskrise geht ebenso zur Therapie wie die Anwältin mit Panikattacken. Heute werden geschätzt doppelt so ­viele Psychotherapien in Anspruch genommen wie noch vor zehn Jahren. Und vor zehn Jahren waren es doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

Weil wir gestresster sind?
Viele empfinden die multioptionale Gesellschaft als Stress. Den Druck, aus dem Leben etwas ganz Tolles machen zu müssen. Frustration und Orientierungsprobleme sind die Folge. Vielen Menschen fehlt eine Person für den intimen, nahen Austausch – eine Rolle, die inzwischen oft Psychotherapeuten übernehmen.

Klingt, als wären psychische Störungen weit verbreitet?
Depressionen und Ängste haben zugenommen, aber nicht so stark, wie man vermuten könnte. Heute geht man schneller zum Therapeuten und redet mehr über seine Probleme. Jeder weiß: Ich kann eine Therapie machen, wenn’s mir schlecht geht, und das ist einerseits positiv…

… und andererseits?
Gibt’s einen übertriebenen Hang, sich medizinisch behandeln zu lassen. Die Verantwortung für persönliche Schwierigkeiten wird manchmal etwas zu sehr ans Gesundheitssystem abge­geben. Nach dem Motto: Ich fühl mich schlecht, der Psycho-Doc soll’s richten. Eine wachsende Zielgruppe sind Jün­gere; viele haben Helikoptermütter und mussten nie Herausforderungen allein bewältigen. Sie kommen mit Themen wie: „Meine Chefin hat mich kritisiert, das find ich blöd.“

Sollten die nicht lieber zu einem Job-Coach gehen?
Manche bestimmt. Doch oft ent­wickeln diese jungen Menschen eine Angst­störung, dann sind sie beim Therapeuten besser aufgehoben. Dort geht es etwa darum, die eigene Belastungs­fähigkeit zu erhöhen. Das kann ziemlich anstrengend sein. 

Wann ist eine Psychotherapie wirklich notwendig?
Wenn ich behandlungsbedürftige ­Symptome habe, die verhindern, dass ich in meinem Alltag funktioniere. Also anhaltende Schlafstörungen, ständiges Grübeln, Verlust von Freude und Energie, Suchtmittelmissbrauch, Panikattacken. Wenn ich ab und zu schlecht schlafe und mal Angst habe, reicht das – zumindest aus gesundheitspolitischer Sicht – nicht. Jede Psychotherapie bezahlen wir schließlich mit unseren Kassenbeiträgen. Davon abgesehen sind „Durchhänger“ auch ­etwas ganz Normales.

Was ist, wenn man beispielsweise aufgrund einer schweren Kindheit Beziehungsprobleme hat?
Wenn jemand zum Beispiel massive Ängste entwickelt, wenn es intim wird, ist Therapie sehr wichtig. Aber wenn man einfach nicht den richtigen Mann findet, muss man sich schon fragen: Was bringt eine Psychotherapie? Die führt ja nicht automatisch zu einer Beziehung – oder zu einem erfüllten Leben. Dafür könnte es sinnvoller sein, zur Massage zu gehen oder zu meditieren. 

Und wenn ich nach einer Trennung oder nach dem Tod des Partners immens leide?
Das wäre absolut eine Indikation. Wer in ein tiefes Loch fällt und womöglich nach zwei, drei Monaten noch ­immer völlig verzweifelt ist und vielleicht sogar über Suizid nachdenkt, ­sollte ­unbedingt eine Therapie machen.

Porträt Gitta Jacob

Expertin auf dem Gebiet der Psychotherapie: Dr. Gitta Jacob aus Hamburg. 


Wen betreffen Depressionen und Ängste hauptsächlich?
Frauen zwischen 20 und 40, sie sind in einer Phase voller Herausforderungen – ältere sind meist stabiler. Man ver­mutet, dass sich Frauen mit ihren Gefühlen mehr auseinandersetzen oder eher davon überwältigt werden. Männer hingegen verdrängen Angst oder Verzweiflung eher mit Alkohol.

In welchen Situationen entwickeln Menschen psychische Störungen?
Bei sogenannten Rollenwechseln, wenn etwas Neues im Leben ansteht. Kennt ja jeder, dass man etwa bei ­einem neuen Job schlecht schläft. Jemand, der zu psychischen Störungen neigt, erlebt das in übersteigerter Form. 

Wie wichtig ist die Kindheit?
Je mehr und schwerer jemand traumatisiert ist, ­desto mehr und stärkere Störungen können die Folge sein. Ein Kind, das mit einer depressiven Mutter aufwächst, ist anfällig dafür, später eine Depression oder Angststörung zu entwickeln. Ein Kind, das verprügelt wurde, wird später vielleicht selbst aggressiv – oder aber sich völlig unterwerfen und sich sozusagen weiterhin verprügeln lassen. Aber es gibt auch Menschen mit normaler Kindheit, die später schwere Störungen entwickeln – und umgekehrt. 

Wie läuft eine Psychotherapie ab?
Man lernt, eigene Vorstellungen und Verhaltensweisen besser zu verstehen, und bekommt Hilfestellung beim Überwinden des Problems. Etwa gedankliche Tricks, die man in kritischen Situationen anwenden kann. Oft wird die therapeutische Beziehung zum Testfeld, wo man neue Beziehungsmuster einübt. „Nachbeelterung“ nennt sich ein Prinzip, das bei Persönlichkeitsstörungen angewandt wird.

Wie funktioniert das?
Der Therapeut füllt „Beziehungslücken“ aus der Kindheit. Er ist lieb, verständnisvoll und signalisiert: Ich bin für dich da. Das Ziel ist aber immer, dass der Patient in anderen Beziehungen lernt, Positives anzunehmen. 

Was kann Therapie nicht leisten?
Das Umsetzen, das muss man selbst machen. Die Frau mit Sozialphobie muss auf die Party gehen. Und die ­Depressive, die in ihrer Ehe emotional missbraucht wird wie früher als Kind, wird erst dann glücklich, wenn sie sich trennt und sich auf die eigenen Beine stellt. Eine Therapie ist harte Arbeit. Sie kann uns nur helfen, wenn wir unser Leben selbst in die Hand nehmen.

Wie finde ich einen Therapeuten?
Die Suche ist oft mühsam, zumal es keine zentrale Stelle gibt, wo Therapeuten aufgelistet sind. Viele haben Web­sites, oder man lässt sich vom Hausarzt jemanden empfehlen. Egal, für welche Richtung man sich entscheidet – ­Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie oder Psychoanalyse –, wichtig ist, dass man sich vom Therapeuten verstanden fühlt. Er muss einem nicht mega-­sympathisch sein, aber man sollte das Gefühl haben, der kann einem helfen, der weiß, wo man hinwill. 

Macht Psychotherapie glücklich?
Sie soll von Leid befreien und die Vo­raussetzungen dafür schaffen, dass man glücklich sein kann. Also dass man Menschen hat, die man liebt, und Dinge tut, die einen begeistern. Therapie kann uns zum Beispiel helfen, Reiseangst zu überwinden, damit wir ans Meer oder in die Berge fahren können. Aber schwimmen, bergsteigen, unser Glück genießen, das müssen – vielmehr dürfen – wir selbst.