Lyrikerin Dagmar Nick

Reden wir über die Liebe, Frau Nick

Sie gehört zu Deutschlands bedeutendsten Lyrikerinnen. Dagmar Nick, 90, über ihre Gedichte, ihre Männer – und Jogginghosen.

Lyrikerin Dagmar Nick.

Lyrikerin Dagmar Nick.


Interview: Tobias Haberl

Dagmar Nick wohnt da, wo München diskret ist: in Nymphenburg, in einer stillen Straße; am Klingelschild steht neben ihrem noch der Name ihres Mannes, obwohl der schon vor vielen Jahren gestorben ist. Sie selbst ist eine Erscheinung – weil sie so zierlich ist, so apart und fein. Dagmar Nick ist Lyrikerin, ihr Werk ist international bekannt. Sie schreibt Gedichte, Erzählungen, Hörspiele und wurde vielfach ausgezeichnet. „Jetzt, wo ich 90 bin, wollen alle ein Interview“, sagt sie, „warum denn nicht früher?“ Sie bittet ins Wohn- und Arbeitszimmer, die Regale voller Bücher, auf dem Tisch liegen Briefe und eine riesige handgeschriebene Ahnentafel, die sie für ihr letztes Buch „Eingefangene Schatten: Mein jüdisches Familienbuch“ erstellt hat. Dann beginnt sie zu erzählen, von der Liebe, von Gedichten und dem Krieg, erst nach einer Stunde wird sie, um Verzeihung bittend, unterbrechen: „Ach, jetzt habe ich Ihnen gar kein Glas Wasser angeboten.“ Hätte sie es nicht erwähnt, dem Gast wäre es nicht mal aufgefallen.

Erinnern Sie sich noch an das erste Gedicht, das Sie geschrieben haben?
Oh, das ist so lange her. Ich habe schon als Fünfjährige begonnen, Reime und kleine Verse zu schreiben. Mit 14 habe ich ganz ordentliche Sonette verfasst. Mein Vater war Komponist, meine Mutter Sängerin, bei uns drehte sich alles um Musik und die Schönheit der Sprache. In der Schule war ich schlecht, in Deutsch hatte ich eine Fünf. Aber Gedichte aufsagen, das konnte ich. Die anderen Mädchen haben „Heidi“ gelesen, ich Eichendorff, Shakespeare, Mörike.

Und dann wurden Sie plötzlich krank und mussten um ihr Leben kämpfen.
Ja, ein Jahr vor dem Abitur bekam ich Lungen- und Bauchfelltuberkulose. Pennizillin war zwar schon erfunden, aber 1943 nicht zu bekommen. In einem Alter, wo andere sich auf Bällen amüsieren, habe ich knapp sechs Jahre im Liegen zugebracht. Erst im Krankenhaus, dann in Sanatorien, am Ende zu Hause. 1944 fiel eine Bombe auf unser Haus in Berlin, sodass wir zu Verwandten nach Böhmen und später nach Bayern gingen. Ich habe das Beste daraus gemacht: den ganzen Tag gelesen und geschrieben. Mit 19 wurde mein erstes Gedicht mit dem Ti- tel „Die Flucht“ veröffentlicht ... Gedichte waren für mich immer Ventile. Sie dienten der Selbsttherapie. Wenn mich was belastet hat, habe ich es mir von der Seele geschrieben. War ich glücklich oder verliebt, hatte ich Besseres zu tun.

Wussten Sie schon immer, dass Sie Dichterin werden wollen?
Aber nein, von schönen Sätzen konnte man doch nicht leben. Für ein Gedicht in einer Anthologie hat man ein paar Mark bekommen, Geld verdient habe ich mit Hörspielen fürs Radio. Davon habe ich mir erst eine Nähmaschine und dann eine Schreibmaschine gekauft. Während der Nazi-Zeit durfte ich als Mischling zweiten Grades - meine Großmutter war Jüdin - nicht studieren, ab 1944 hätte ich nicht mal Abitur machen oder in einem Krankenhaus liegen dürfen.

Ster haben Sie einen eigenen Beruf erlernt und ausgeübt.
Nach dem Krieg habe ich Graphologie studiert und so nannte ich mich auch immer Graphologin, nicht Schriftstellerin. Wenn eine Bank eine Sekretärin einstellen wollte, habe ich die handschriftlichen Bewerbungen geprüft und gesagt: Die beiden sind schlampig, die drei unzuverlässig, aber die würde ich nehmen.

Was sagt Ihre Handschrift über Sie aus?
Dass ich harmlos bin. Eine Durch- schnittstype.

... die immerhin eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts ist.
Der große Dichter Rainer Maria Rilke hatte auch eine Handschrift, als würde er Müller oder Schmidt heißen. Wie man schreibt, verrät vieles, aber nicht alles. Ich hatte einen ganz guten Kundenkreis, Banken, Firmen, sogar die Regierung. Letztendlich wurde ich eigentlich immer von meinen Männern durchgefüttert.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen deswegen?
Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Dieses Modell wurde damals nicht infrage gestellt. Ich verliebte mich, ich sagte „Das ist der Mann meines Lebens“ und dann habe ich ihn geheiratet. Mit meinem ersten Mann war ich 13 Jahre sehr glücklich, dann ist er nach Hamburg ans Theater. Dort konnte er seine Intellektualität ausleben. Er war blitzgescheit, vielsprachig, mit mir konnte er nicht auf Augenhöhe reden. Er schwängerte eine junge Frau, wir ließen uns scheiden, blieben aber bis zu seinem Tod enge Freunde. Die Scheidung war ein einziger Witz, weil wir einen gemeinsamen Anwalt hatten und ständig Händchen hielten und schmusten.

Sie erzählen das so amüsant, dabei muss Ihre Welt zusammengebrochen sein.
Wir lebten ja schon fast zwei Jahre in verschiedenen Städten. Und was soll ich sagen, ich habe es gespürt. Wenn wir telefonierten, war da eine Leerstelle. Und als er meinte: „Dagmar, wir haben doch mal von Trennung gesprochen“, da sagte ich: „Kriegst du etwa ein Kind?“ Und er: „Ich nicht, aber jemand anderes.“ Es war ein Schock, aber umgefallen bin ich nicht, dafür waren wir zu eng verbunden.

Sie waren dreimal verheiratet. Waren die ersten beiden Männer nicht die richtigen?
Jeder war der Richtige – zu seiner Zeit. Anfang der 60er-Jahre verliebte ich mich in einen Zahnarzt aus Israel und weil mir dieses Aufeinandergehocke in Schwabing sowieso auf die Nerven ging, heiratete ich ihn und ging mit ihm nach Israel. Die große Liebe war er nicht, aber in diesem Moment hat es gepasst. Vier Jahre danach hat es nicht mehr gepasst.

Wie kam es zur Trennung?
Ich flog nach Deutschland, um meine Eltern zu besuchen, und kehrte nicht mehr zurück. Das war schändlich, ich schämte mich und schrieb ihm einen Brief. Seine Antwort war verzweifelt, aber mein Entschluss stand fest. Danach verliebte ich mich in meinen dritten Mann, einen Internisten. Mit ihm blieb ich 30 Jahre zusammen, die letzten 15 saß er im Rollstuhl. Ich pflegte ihn bis zu seinem Tod.

Klingt, als wäre er der Richtige gewesen.
Er war ein wunderbarer Mann, die Güte in Person, liebevoll, mit einer Engelsgeduld, trotzdem hatte er mich an der Kandare. Früher habe ich wegen Kleinigkeiten getobt, bei ihm nicht. Mein Vater hat mal gesagt: „Dieser Mann ist die Krone meiner Schwiegersöhne.“

Ihr Gedicht „Unart der Liebe“ beginnt so: Die Welt hebst du nicht aus den Angeln. Auch nicht mein Herz. Das klingt sehr pragmatisch.
Bezieht sich aber auf keinen meiner Männer. Als mein Mann Ende der 90er-Jahre im Sterben lag, besuchte mich ab und zu ein Freund. Er klingelte, mal kam er rein, mal winkte er mir nur zu. Manchmal haben wir ein bisschen geschmust, distanziert, aber doch. Das war mein kleiner Trost in dieser schweren Zeit. Das Gedicht geht ja noch weiter: Doch die Schattenwand, die mich umgibt, öffnest du jeden Morgen um einen Spalt, und das Licht, das hereinfällt, bist du. Ich glaube schon, dass ich verliebt war, aber ich hätte meinen Mann nie verlassen, ich woll- te für ihn da sein.

Was ist wichtiger: Treue oder Leidenschaft?
Beides, oder? Ich habe mich immer rasend schnell verliebt und war mehrmals kurz davor, mit einem Mann durchzubrennen. In der Ehe war ich treu. Trotzdem nehme ich es niemandem übel, der untreu ist, wenn er in einer Beziehung mit einem unmöglichen Partner feststeckt. Die Leidenschaft geht irgendwann vorbei, dann kommt die Treue, das gemeinsame Planen, die Rücksichtnahme, die Toleranz, das Leben zu zweit.

Reisen oder lesen?
Reisen, unbedingt. Auch der beste Roman kann keine Reise ersetzen. Man muss raus, Länder sehen, Sprachen lernen, auf keinen Fall sollte man sich im Elfenbeinturm verschanzen. Ich bereue, dass ich nicht intensiver Sprachen gelernt habe. Ich bin von Verlagen nach Italien, Spanien und Amerika eingeladen worden und habe immer abgesagt. Ich war zu ängstlich, fühlte mich nicht weltgewandt genug. Schade, aber ich bin sicher, diese Schüchternheit hat ihren Ursprung in der Nazi-Zeit. Man musste den Mund halten, sobald man das Haus verließ. Witze waren nicht erlaubt und die Wahrheit schon gar nicht.

Eines Ihrer Gedichte heißt „Tinnitus“. Die letzte Zeile lautet: Finde dich ab!
Ja, ich habe mir damals den Tinnitus vom Leib geschrieben. Ich war entschlossen, nicht mehr hinzuhören und mein Schicksal anzunehmen. In dem Moment verschwand er. Als man vor vier Jahren Krebs in meinem Darm gefunden hat, habe ich fünf Tage lang nur geschrieben. Lauter Krebs-Gedichte. Das erste beginnt mit den Worten: Mein Todfreund, wie lange leben wir schon miteinander? Ich habe mich mit dem Krebs unterhalten, Tag und Nacht, es war erschöpfend. Dann wurde ich operiert, man hat ihn rausgeschnitten und ich war erleichtert. Welche Zeit würden Sie als die glücklichste in Ihrem Leben bezeichnen?
Die Frage ist falsch gestellt. Meine fünf Leben heißt es in einem meiner Gedichte. Meine Jugend war mein erstes. Es war trotz der Nazi-Zeit heiter – weil wir als Familie zusammengeblieben waren. Mein zweites Leben war meine erste Ehe: schön, aber anstrengend. Mein drittes die Zeit in Israel, mein viertes die Ehe mit meinem dritten Mann. Wenn man die Verantwortung für einen gelähmten Menschen hat, verändert einen das. Ich bin hinter dieser Aufgabe total verschwunden, dennoch war ich glücklich, weil er trotz Lähmung sehr anregend war. Jetzt lebe ich mein fünftes Leben. Es ist von Arbeit geprägt. Ich sitze ab neun am Schreibtisch und arbeite mit kleinen Pausen oft bis zehn, halb elf abends. Zuletzt habe ich die Geschichte meiner Familie über 400 Jahre zurück- verfolgt und aufgeschrieben.

Wie schaffen Sie das in Ihrem Alter? Sie sehen fantastisch aus. Treiben Sie Sport?
Sport nie! Aber ich habe mit acht Jahren angefangen, Gymnastik zu machen, und bis heute nicht mehr aufgehört. Ich mache jeden Tag meine Übungen, zehn, zwanzig Minuten. Ich halte mein Gewicht, seitdem ich 27 bin. Und wenn ich um 19 Uhr Nachrichten schaue, fahre ich auf dem Hometrainer. Wenn ich gut drauf bin, fahre ich bergauf, wenn ich mich nicht so gut fühle, bergab.

Sie sind sehr stilsicher gekleidet, haben Sie sich für das Interview so angezogen?
Wieso? Nein, so sehe ich immer aus. Ich ziehe mich jeden Morgen ganz bewusst korrekt an.

Sie könnten auch in der Jogginghose schreiben, keiner würde es merken.
Ich besitze nicht mal eine Jogginghose!

Am 30. Mai sind Sie 90 geworden. Könnten Sie sich vorstellen, sich noch mal zu verlieben?
Natürlich. Leider sind die Männer, die infrage kommen, jenseits der 80 und dann nicht mehr so schnuckelig. Meine Mutter hat immer gesagt: „Weißt du, das einzig Schlimme am Altwerden ist, dass man sich nicht mehr verlieben kann, ohne lächerlich zu wirken.“

Die Schriftstellerin Françoise Sagan hat geschrieben: „Man weiß selten, was Glück ist, aber man weiß meistens, was Glück war.“
Wenn man jung ist, ist das so. Im Alter kann man das Glück sehr wohl schätzen. Ich bin jeden Morgen dankbar, wenn ich aufwache, den Vorhang zurückziehe und nach draußen schaue. Ich denk mir dann, das muss ein großer Geist sein, der das alles gemacht hat. Ich bin dankbar, dass ich noch lebe, dass ich zwei Beine habe, dass ich klar denken kann. Meine Augen sind zwar miserabel, aber immerhin, ich kann noch was sehen. Im Grunde bin ich ein heimlicher Optimist.


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