Reise-Reportage

Newcomer Görlitz

Die östlichste Stadt Deutschlands ist ganz großes Kino. Als beliebte Filmkulisse beeindruckt Görlitz mit historischen Fassaden und Bauten, zeigt sich aber gleichzeitig von seiner modernen Seite.

Veröffentlicht am 27.11.2017
Bild aus Görlitz.

Das „Kaufhaus Görlitz" im Jugendstil.


Von Paris bis New York – Görlitz hat schon so viele Metropolen gespielt, hier wurden „Der Vorleser“, „Inglourious Basterds“ und „Goethe!“ gedreht. In Wes Andersons Tragikomödie „The Grand Budapest Hotel“ schob die Stadt unter dem Namen Nebelsbad ihre imposante Architektur in nahezu jedes Bild. Ralph Fiennes, Jeff Goldblum, Tilda Swinton und Owen Wilson brachten den Glamour nach „Görliwood“, verschwanden wieder und hinterließen: eine Stadt als Filmkulisse. 

Ich parke ein paar Straßen entfernt vom Altstadthotel „Emmerich“. Das Kopfsteinpflaster ist leer gefegt, die Fassaden makellos, in den Fenstern kein Licht. Ein Blick auf die Uhr: halb zehn abends. Gehen die Görlitzer so früh schlafen? Oder hat jemand den Strom abgedreht? Ich trage meinen Rollkoffer, damit er nicht übers Pflaster rattert. Aus Rücksicht. Und aus Ehrfurcht vor der Schönheit dieser angestrahlten sandfarbenen Häuserwände aus Renaissance, Barock, Gründerzeit, Jugendstil. Ich schaue mich um und berühre ungläubig die Mauern: Ist das wirklich alles echt? 

Glück im Unglück

„Unsere Stadt ist wie ein zu großer Mantel“, sagt Eva Wittig vom Tourismusbüro am nächsten Morgen. Zu viele Wohnungen, zu wenig Menschen. Die meisten zieht es in den Westen, immer noch. Dabei profitierte die östlichste Stadt Deutschlands im Zweiten Weltkrieg gerade von ihrer Randlage. Die Alliierten flogen ihre Angriffe nur bis Dresden, die Rote Armee sprengte alle Brücken über die Neiße, die Görlitz von ihrer polnischen Schwesterstadt Zgorze­lec (sprich: Skorscheletz) trennt.

Görlitz blieb von größeren Zerstörungen verschont und hat deshalb heute eine der am besten erhaltenen Altstädte Mitteleuropas. Die DDR-Führung wollte Mitte der Achtzigerjahre die teils verfallenen Gebäude abreißen und kostengünstige Plattenbauten hochziehen. Dann ging das Geld aus, die Wende kam und mit ihr die Sanierungswelle. Zudem steckt ein mysteriöser Mäzen seit 1995 jedes Jahr eine halbe Million Euro in die Pflege der Bauwerke – er spendet das Geld direkt der Stadt, bleibt aber anonym. Görlitz hat einfach immer wieder Glück.

Nahe der Frauenkirche will der Oberlausitzer Unternehmer Winfried Stöcker mit dem „Kaufhaus Görlitz“ ein Statussymbol wiederbeleben. Die kirchenhohe Eingangshalle mit Marmorsäulen, die goldverzierte Glaskuppel, riesige Kronleuchter – nach ein paar Minuten schmerzt der Nacken vom Hochschauen. Das Jugendstil-Kaufhaus von 1913, vor sieben Jahren endgültig geschlossen, war Hauptdrehort für „The Grand Budapest Hotel“.

Jetzt soll, nach langem Dornröschenschlaf, ein prachtvolles Warenhaus mit Kundschaft aus Polen und ganz Europa entstehen, inklusive Champagner-Bar und Kinderland. „Das schönste Kaufhaus Deutschlands“, sagt Projektleiter Jürgen Friedel. Und schiebt hinterher: Rendite sei nicht das Hauptziel. In den Ecken türmt sich der Bauschutt, es knirscht unter den Sohlen, als wir vorsichtig die freitragenden Treppen hinabsteigen. Die Eröffnung ist gerade auf Herbst nächsten Jahres verschoben worden. Immerhin: Ende April wird hier der „Euro Fashion Award“ an junge Modemacher verliehen, in der Jury sitzen unter anderem zwei Chefdesigner von H & M und Vivienne Westwood.

Neue Visionen

In der 55 000-Einwohner-Stadt entsteht auch sonst erfrischend Lebendiges, junge Unternehmer nutzen die Prachtbauten als Spielfläche für ihre Konzepte. Etwa Clemens Kießlings Pop-up-Store „Carlo:Eco“ in der Jakobstraße: Der Politikstudent aus Dresden suchte ein bezahlbares Lager für seine vegan produzierte Mode, die er über seinen Online-Shop verkauft. „Ich hatte diese Stadt gar nicht auf dem Radar“, gesteht er.

Jetzt präsentiert er T-Shirts und Hosen unter vier Meter hohen, verzierten Decken, von den Wänden blättert der Putz, seine Kasse steht auf einem roh gemauerten Backsteintresen. „Ich mag hier die Subkultur jenseits der Kulissenstadt.“ Gemeinsam mit seiner Freundin und einem anderen jungen Paar lebt er in der 270 Quadratmeter großen Wohnung über dem Laden, saniert alles selbst. Der Eigentümer, ein Journalist aus München, lässt ihn hier gratis wohnen und arbeiten, Kießling zahlt nur die Nebenkosten.

Nancy Scholz vom „Café Herzstück“ in der Weberstraße hat mit Görlitz ähnlich gute Erfahrungen gemacht. Sie serviert uns Fair-Trade-Kaffee und eine köstliche Kürbistarte mit Gewürzblüten, ihre Armreife klimpern, als sie sich neben mir in einen Vintage-Sessel fallen lässt. „Ich habe nicht mit so einem Erfolg gerechnet“, sagt die 27-Jährige und lässt den Blick durch ihr kleines, voll besetztes Lokal wandern.

Was als Nähcafé begann, ist inzwischen Treffpunkt für junge Familien, Studenten und Künstler. Ihr Konzept, in der kleinen Küche re­gionale Produkte zu verwenden und die Landwirtschaft im Umland zu unterstützen, ging auf. Viele ihrer Gäste kennt sie von Sessions in der „Rabryka“, einem Kulturzentrum auf dem Gelände der ehemaligen „Energiefabrik zu Görlitz“ an der Bautzener Straße.

Die stillgelegte Hefefabrik und Kornbrennerei mit ihren Fabrikschloten und Silos ist heute Spielplatz der Jugendkultur. Hier treffen sich Kreative aus Görlitz und Zgorzelec zu Poetry Slams, Urban Gardening, Festen – und zur gemeinsamen aktiven Stadtentwicklung. Sie wollen Görlitz schenken, was die Stadt neben ihren traumschönen Fassaden aus der Vergangenheit vor allem braucht: Neuanfänge, lebendige Impulse, schräge Perspektiven.

Dazu passt auch ein Film, der im Herbst ausgestrahlt wird: Die ARD hat in Görlitz gerade „Wolfsland“ abgedreht. Der Krimi mit Götz Schubert und Yvonne Catterfeld greift das Grenzstadt-Flair auf, die Nähe zu Polen und Tschechien, das Leben im Umbruch. Da darf Görlitz endlich mal eine Charakterrolle spielen. Nämlich sich selbst.

Genial: Hier braut sich was zusammen

Collage aus Bildern von Görlitz.


  1. In der denkmalgeschützten Landskron-Brauerei sprudelt seit 1869 regionales Bier aus den Kesseln.
  2. Vegetarische Burger im „Café Herzstück".
  3. Historische Fassaden und das Jugendstil-„Kaufhaus Görlitz“ begeistern Hollywood-Regisseure.
  4. Das „Café Herzstück“ steht für bewussten Genuss. 

Prächtig: Kulturjuwelen

Collage aus Bildern von Görlitz.


  1. Die Jugendstil-Synagoge in der Otto-Müller-Straße wird, wie vieles hier, gerade restauriert
  2. Im „Café Gloria“ am Marktplatz feierte schon Jeff Goldblum, heute singen hier Independent-Künstler aus aller Welt.
  3. Direkt an der Neiße, jenseits der Fußgängerbrücke, beginnt Polen.
  4. In Christian Weises charmantem Hotel „Emmerich“ wird zum Frühstück sanfter Jazz gespielt. 

Monumental: Aus Stein gemeißelt

Der Nikolaifriedhof in Görlitz.

Nur was für Gruftis? Stimmt nicht! Der Nikolaifriedhof in Görlitz.


Der protestantische Nikolaifriedhof entführt auf eine Zeitreise quer durch die Stilepochen der letzten 500 Jahre. Ein stiller Kraftort mitten in der Stadt.

Hinfahren!

  1. Anreise: Deutschlands östlichste Stadt ist am besten mit dem Auto zu erreichen, rund hundert Kilometer sind es von Dresden aus.
  2. Übernachten: Christian Weises Boutiquehotel „Emmerich“ am Marktplatz ist eine perfekte Mischung aus altem Glanz und neuem Design. Im Traditionshaus „Börse“ neben dem Rathaus stieg u. a. Kate Winslet ab. 
  3. Essen & Trinken: Das „Destille“ in der Nikolaistraße ist ein historisches Wirtshaus mit jungem Chef, hier gibt es schlesische Spezialitäten und leichte mediterrane Küche. Rote-Bete-Suppe aus Kaffeetassen, Blini mit Speck: Wer es deftig mag, überquert die Fußgängerbrücke nach Polen und kehrt in einem der Mini-Gasthäuser direkt an der Neiße ein.