Slow Sex

Ein Hoch auf die Missionarsstellung

Nach erotischen Bondage-Spielchen, Kamasutra und Budapester Beinschere sehnen sich selbst die experimentierfreudigsten Liebhaber*innen nach missionarischem Slow Sex. Und das ist gut so!

Veröffentlicht am 27.12.2016
IIlustration: Mann und Frau beim Sex.

Missionarsstellung: Sex ohne Schnickschnack.


Ein Mann:

Hin und wieder bevorzuge ich beim Sex die Missionarsstellung. Jaja, ich weiß: Der Satz klingt im ersten Moment ein wenig langweilig. Aber was kann ich dafür, dass die Stellung so ein mieses Image hat? Nehmen Sie Jamie Oliver. Ein gut aussehender englischer Koch, Sie kennen ihn sicher. Man nennt ihn auch The Naked Chef. Nicht etwa, weil er seine Speisen textilfrei zubereiten würde. Er kocht nur besonders schnörkellos. Der Mann beherrscht die Basics und verwendet ausschließlich beste Zutaten. Das aber mit Sachverstand und Liebe zum Metier. Was das mit Sex und der Missionarsstellung zu tun hat? Think again ...

Sie wissen doch: Sex ist Zuneigung im Klartext. Und die Missionarsstellung ist Klartext in Steno: prägnant, präzise, eindringlich. Ohne Sperenzchen und Nebenschauplätze. Nach all den Petersburger Schlittenfahrten und SM-Abenteuern, nach gymnastisch anspruchsvollen Pirouetten und erotischen Hochleistungsmanövern sehnt sich selbst der experimentierfreudigste Mann hin und wieder nach einfach.

Es gibt so Nächte, da möchte man seiner Liebe nur zärtlich in die Augen schauen, statt sieben Muskelgruppen und drei Sex-Toys zu koordinieren, weil’s wieder ganz besonders leidenschaftlich zur Sache gehen soll. Klar: Der missionarische Slow Sex verhält sich zum Kamasutra wie eine Bootsfahrt auf dem Gardasee zu einem Speedboat-Rennen auf dem Amazonas. Aber wer hat schon immer Lust auf Tempo und Herausforderung? Wieso kann guter Sex nicht auch mal leise und beiläufig sein? Wer kennt denn die Momente nicht, in denen man selig vor Zufriedenheit nach einer Flasche Wein greift, ins Schlafzimmer kriecht und vor gegenseitiger Zuneigung kaum mehr atmen kann? Wäre das der Moment für eine wilde Budapester Beinschere, für sportiven Porno und stöhnendes Inferno? Wohl kaum. Es wäre eine Nacht wie geschaffen für zärtliche Umklammerungen, lange, fiebrige Küsse und das Gefühl, in Zeitlupe zu schweben. Einmal für Missionare – man muss sich nur trauen.

(Harald Braun)

Eine Frau:

Es gibt Tage, da kann ich mir nicht mal einen Sonnen­aufgang anschauen, ohne dar­über nachzudenken, wie ich jetzt gleich am besten regle, dass die Sonne auch ordentlich aufgeht. Weil ich es gewohnt bin, die Zügel in der Hand zu halten. Mich von morgens bis abends darum zu kümmern, dass alles läuft.

Aber neulich, auf einer Party, ist was Gutes passiert. Da hatte ich ein Glas Wein zu viel, und aus Versehen umarmte ich einen mir relativ fremden Mann. Ich war vermutlich etwas biegsamer als sonst, und da lag dieser Arm um meine Taille, und der Arm hielt mich so fest, dass ich meinte, nicht mal mehr selbst stehen zu müssen. Ich musste mich kurz zusammenreißen und dann ganz schnell raus aus der Umarmung. Sonst hätte ich mich glatt hin­gelegt. Auf den Rücken. Einfach so, unter einen fremden Mann.

Es ist nicht so, dass es mich nach fremden Männern verlangen würde. Aber manchmal, wenn ich durch meinen modernen Hoch­leistungsalltag irre, verzehre ich mich nach einem altmodischen Moment. Einem Boudoir. Einer Chaiselongue. Ich möchte mich über Kissen verteilen und zerfließen, will gar nicht wissen, was ich zu tun habe. Ich will daliegen und abwarten, was passiert. Will mich hingeben. Liebe ist kompliziert, guter Sex schlicht: eine Frau, ein Mann, ein weicher Untergrund. Sie liegt da, er obendrauf.

Gehen Sie doch mal in ein Museum, und schauen Sie sich die alten Schinken mit den Schäferstündchen an. Da sieht man Frauen, die sich von Männern auf die klassische Art lieben las­sen. Die Frauen tragen Kleider mit zig Unterröcken. Die Schnü­rungen der Kleider werden mit jeder Strähne, die sich aus den Hochsteckfrisuren löst, lockerer. Und die Männer sind Kavaliere in Uniform. Herrlich, ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.

Können Sie sich vorstellen, dass die Leute auf diesen Bildern irgendwelche Verrenkungen machen, um die Abläufe zu verbes­sern? Im Bett ist mir echt nicht danach, die Situation zu optimie­ren. Im Bett will ich mich elegant aufs Kreuz legen lassen. Dann klappt’s auch wieder mit dem Sonnenaufgang.

(Simone Buchholz)