Reportage

Frauen auf der Jagd

Sie wollen nicht schießen, sie wollen den Wald verstehen: Warum immer mehr Frauen auf die Pirsch gehen und das eine sehr gute Nachricht ist.

Veröffentlicht am 21.07.2017
Zwei Personen mit Hund im Wald.


Der Wald ist nicht mehr derselbe, wenn man ihn einmal mit Karolina Hirsch durchstreift hat. Er lebt dann. Denn Durchstreifen heißt: drei Schritte vorgehen und zwei zurück. Karolina Hirsch sieht überall etwas, das man selbst übersehen hätte. Ein Büschel Haare, war da eben ein Hase? Eine Feder – der Bussard? Sie schaut in den Himmel. Eine Fichte, die verbissen wurde, muss ein Reh gewesen sein. Daneben noch eine und noch eine.

Jagdschule für Frauen

„Da kann ich die Forstwirte manchmal sogar verstehen“, sagt Karolina Hirsch zu ihrer Schülerin. Die Forstwirte beklagen sich über zu viele Rehe in den Wäldern, die zu viele Bäume beschädigen. Bärbel Jander nickt. Sie hat einen Einzelkurs in der Frauenjagdschule Hirsch in Waldkirchen bei Passau belegt, heute ist Naturkunde dran. Hege und Pflege. Jeder Baum, jeder Busch, jeder Grashalm wird analysiert. Unterricht eben. Karolina Hirsch, Mittfünfzigerin, schwarzes Haar, grüne Barbourjacke, gründete vor einem Jahr die erste Jagdschule für Frauen in Bayern. Gestern war sie mit Bärbel Jander Tontauben schießen, heute ist es kalt und neblig, das perfekte Wetter, um nicht nur Spuren, sondern vielleicht auch Tiere zu sehen.

Bärbel Jander ist eine große Frau mit kurzen Haaren, dunklen Augen, langen Wimpern. Sachbearbeiterin bei der Agentur für Arbeit in Deggendorf. Sie hat einen Teenagersohn und zwei Hunde, einen Vizsla und einen Deutsch-Drahthaar, der zwar nur noch drei Beine hat, „aber ein knallharter Jäger ist“. Um die Hunde zu beschäftigen, nahm sie vor einiger Zeit eine besondere Aufgabe an: Sie wird nachts angerufen, wenn in der Gegend ein Tier verletzt ist und erlöst werden muss. Ihre Hunde suchen das Tier und finden es, immer. Bärbel Jander ruft dann den Jäger an, damit der das Tier erschießt. So lernte sie immer mehr Jäger kennen. Und entdeckte andere Seiten an ihnen, als sie vermutet hatte. Es waren keine schießwütigen Machos, sondern sie bewegten sich mit einem Wissen durch den Wald, das ihr immer erstrebenswerter erschien, je öfter sie selbst im Wald war. So ist es ja oft: Aus der Ahnungslosigkeit entstehen Vorurteile. Doch je näher man einer Sache kommt, desto komplexer wird sie.

Das „Grüne Abitur“

Bärbel Jander möchte, im Notfall, selbst schießen können und dürfen. Und sie will ihr Revier kennenlernen. Ihre natürliche Umgebung verstehen. Dafür nimmt sie einiges auf sich: 60 Stunden Theorie, 60 Stunden Praxis und drei Prüfungen, dabei gibt es 1297 mögliche Fragen. Es geht um Jagdwaffen, Biologie der Wildarten, Jagdzeiten eines jeden Tieres, Wildhege, Naturschutz … Ganz schön viel. Das Lernen sei schon hart, seufzt Bärbel Jander, nicht umsonst heiße der Jagdschein auch das „Grüne Abitur“.

Aber auch das Schießen fiel ihr schwer. Anfangs dachte sie, sie würde keine einzige Tontaube treffen. Überhaupt, sie hatte noch nie eine Waffe in der Hand gehabt, bevor sie mit dem Jagdschein anfing. Und es sei ihr sehr bewusst, dass man mit einer geladenen Waffe jemanden umbringen könne. Karolina Hirsch sagt, die Art, wie Frauen Waffen handhaben, sei einer der Gründe, warum sie eine Jagdschule für Frauen aufgemacht habe: „Die meisten, die ich bisher erlebt habe, sind nicht so aufs Schießen aus wie die meisten Männer.“ Es gebe sogar Frauen, die bei ihr die Ausbildung machen und gar nicht schießen möchten. Andersrum gibt es Männer, die nur einen Jagdschein machen, um an eine Waffe ranzukommen, sagt wiederum Thomas Licht, Karolina Hirschs Lebensgefährte und der zweite Ausbilder.

Weibliches Interesse an der Jagd

Thomas Licht ist schon lange passionierter Jäger. Und weil ihn seine Freundin gern ab und zu mal sehen wollte, machte sie den Jagdschein. Also mehr aus der Not heraus. Doch: „Ich war sofort infiziert“, sagt sie. In ihrem Kurs aber waren fast nur Männer, spielten sich als Hilfslehrer auf und konnten sich blöde Sprüche nicht verkneifen. Und weil es ja ziemlich viel Zeit ist, die man miteinander verbringt, fragte sich Karolina Hirsch: Wie wäre es, wenn Frauen einen Jagdschein ohne Machosprüche machen könnten? Weil sie eine ist, die anpackt, war es vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung nicht weit. Abgesehen davon ist ihr Nachname ja Programm. 

Gibt es denn genügend Frauen, die sich für die Jagd interessieren? Karolina Hirsch nickt. Die Frauenquote liegt offiziell irgendwo zwischen sieben und zehn Prozent, Ende der 80er-Jahre war es noch ein Prozent. In den Kursen für die Jägerprüfung büffelt heute oft schon ein Drittel Frauen. Ihr Motiv ist seltener das Erlegen des Wildes. Manche möchten ihre Hunde beschäftigen, andere mehr über Naturschutz lernen, wieder andere möchten nur noch das Fleisch von Tieren essen, von denen sie wissen, dass sie bis zu ihrem Tod frei waren. Und das wissen sie sicher, wenn sie sie selbst erlegt haben. 

Es geht um mehr als das Töten

Thomas Licht sieht die Entwicklung gern. Er hofft darauf, dass mehr jagende Frauen das Image der Jagd aufpolieren. Denn deren Ruf ist schlecht. Schuld daran, sagt er, seien die Trophäenjäger, die sich irgendwo hinfahren lassen, aussteigen, schießen, töten, Foto machen, abfahren. „Die meisten Menschen assoziieren mit der Jagd vor allem das Töten der Tiere. Darum wird es von uns niemals ein Erlegerbild geben. Wir laufen viel öfter ohne Waffen als mit Waffen durch den Wald.“ Es ist der Einklang mit der Natur, der Karolina Hirsch und Thomas Licht an der Jagd begeistert. Die Stille. Die Habitatspflege, wie sie das waidmännisch nennen.

Sie kennen in ihrem Revier jeden Fuchsbau, sie wissen, wo sich Hase und Igel Gute Nacht sagen, wie viele Bussarde und Falken es gibt, sie kennen jede Ricke und wissen, hat sie ein Kitz oder zwei? Sie erkennen Krankheiten der Tiere an deren Verhaltensweisen und haben ihren Hund Quirin im Griff. Sie prüfen, woher der Wind kommt, wenn sie sich auf einen Hochsitz begeben. Kommt er aus der falschen Richtung und das Reh wittert sie, bevor sie es sehen, wird es nicht hervorkommen. 

Das Wichtigste: Ruhe

Apropos: „Bärbel, welche Arten zu jagen gibt es neben der Ansitzjagd?“, fragt Karolina Hirsch ihre Schülerin. Bärbel Jander lächelt. Das kann sie nun wirklich im Schlaf. „Die Treibjagd. Die Druckjagd. Allein auf der Pirsch sein. Die Fallenjagd. Und Spazierengehen und Plaudern, wie wir es jetzt tun.“ Beim Plaudern soll man wilden Tieren begegnen? „Klar“, sagt Karolina Hirsch, „kann passieren. Für die Tiere ist ein Klangteppich genauso beruhigend wie für die Menschen. Es darf nur nicht hektisch werden.“

Überhaupt sei Ruhe das Allerwichtigste im Revier, sagt Thomas Licht. „Man muss dem Wild Ruhezonen anbieten, in denen niemals geschossen wird. Wenn man schießt, sobald ein Reh den Kopf aus dem Wald streckt, muss man sich nicht wundern, wenn nie wieder ein Reh die  betritt. Die Wiese bedeutet Tod.“ Bärbel Jander wird kein Tier erschießen, während sie den Jagdschein macht, das ist nicht vorgesehen. Ihre beiden Lehrer schießen so selten wie möglich  Karolina Hirsch sagt, sie empfinde keinen Spaß dabei, auch kein Erfolgsgefühl. 

Der Schuss muss sitzen

Thomas Licht sagt, ab und zu müsse man halt ein Tier „entnehmen“. Wegen Überpopulation. Krankheit. Alter. Aber dann müsse man es richtig machen. Ein Schuss, und der müsse sitzen. Bei den kleinen Tieren reicht ein Kleinkaliber, beim Hirsch muss es ein Großkaliber sein. Denn wer mit einem zu kleinen Kaliber auf einen Hirsch losgeht, verstößt damit gegen das Jagdrecht und kann seinen Schein wieder verlieren. Es gehe sehr viel schneller, den Schein wieder loszuwerden, als ihn zu bekommen. 

Wind kommt auf, die Temperatur gefühlt unter null jetzt. „Ist ’ne raue Gegend hier“, sagt die Jagdlehrerin. Bayerischer Wald, immer ein paar Grad kälter als im restlichen Bayern. Bärbel Jander zieht ihre Jacke enger um den Körper. Auf der Wiese deutet Karolina Hirsch auf eine Mulde, umgeknickte Grashalme. Es kann nicht lang her sein, dass hier ein Reh gelegen hat, die Stelle ist noch fast warm. Nun ist es über alle Berge.

Aufnahmen aus dem Wald.

Links: Die Lehrer Karolina Hirsch und Thomas Licht mit Hund Quirin und Schülerin Bärbel Jander. Mitte: Ruhe, das Wichtigste im Revier. Rechts: Bärbel Jander auf dem Hochsitz.


Wie und wo kann man das Jagen lernen?

Wer den Jagdschein will, muss je 60 Stunden Theorie und Praxis absolviert haben und ca. 2400 Euro investieren. Derzeit bieten bundesweit etwa ein halbes Dutzend Schulen Jagdkurse für Frauen an, Infos erteilen die zuständigen Landesjagdverbände (Übersicht unter jagdverband.de).