Roman „Swing Time“

Die vielen Leben der Zadie Smith

Herkunft, Hautfarbe, geplatzte Lebensträume: das sind die Themen, denen sich Erfolgsautorin Zadie Smith widmet. So auch in ihrem neuen Roman „Swing Time“, der als Hommage an Elena Ferrante daherkommt – begnadet erzählt.

Veröffentlicht am 22.09.2017
Zadie Smith auf einem Sessel sitzend.

Hellbraune Haut, Sommersprossen, Turban: Zadie Smiths Look ist einzigartig – wie ihre Geschichte. 


1. Zadie Smith – eine multiple Persönlichkeit

Sie ist noch immer nicht mit sich im Reinen. Zum Glück. Neben ihrer Leidenschaft für Literatur ist der Motor ihres Schreibens die Suche nach der eigenen Identität. 1975 wird die Tochter einer jamaikanischen Mutter und eines irischen Vaters in ein Londoner Arbeiterviertel hineingeboren. Das liefert der Autorin die beste Blaupause für all die „unmöglichen Identitäten“, die sie in ihren Romanen zum Leben erweckt: als Frau, als Schwarze, als Britin, als Schriftstellerin und Mutter.

„Wir haben alle eine komplizierte Herkunft und verworrene Lebensgeschichten. Ich habe mich nie als klar umrissene Person empfunden“, erklärt die 41-Jährige ihre multiple Persönlichkeit. „Ich bin vieles auf einmal – vielleicht rührt daher meine Vorliebe für unterschiedliche Charaktere.“ 

2. Ein Star ohne Starallüren

Sie beginnt früh zu schreiben, will Journalistin werden, bekommt aber schon als Studentin in Cambridge einen Vorschuss von 250 000 Pfund für ein 80-seitiges Manuskript, nachdem die Rechte daran auf einer Literaturauktion versteigert worden waren. Im Jahr 2000 erscheint ihr tragisch-komischer Roman „Zähne zeigen“ und macht die damals 25-Jährige über Nacht zum Weltstar.

Ein Hype, den Zadie Smith kaum ertragen kann. „Ein Albtraum für mich. Falls ich je abheben sollte, möchte ich Sie jetzt schon bitten, mir in irgendeinem stillen Hinterhof einen Kopfschuss zu verpassen.“ Die Pausen zwischen den Romanen werden länger, Zadie Smith lebt mal in Rom, mal gibt sie Kurse in Harvard. Sie ändert ihren Schreibstil, nur in einem bleibt sich die Britin treu: Alle ihre preisgekrönten Bücher wie „Von der Schönheit“ oder „London NW“ handeln von Herkunft, Hautfarbe, geplatzten Lebensträumen. Das gilt auch für ihren jüngsten Roman „Swing Time“.

3. „Swing Time“ ist ein Beste-Freundinnen-Roman

Der Entwicklungsroman, inspiriert von den Elena Ferrantes Megasellern („Meine geniale Freundin“), handelt von der Liebe zweier Mädchen zueinander und zur ­Musik – obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite steht Tracy, die von ihrer übergewichtigen Mutter zum Glitzer-Accessoire dekoriert wird; auf der an­deren die namenlose Ich-Erzählerin, Tochter einer schönen, intellektuellen Afroamerikanerin – und, wie Zadie Smith, ein Mischling, dem alles Prinzessinnenhafte fehlt.

Beide Mädchen träumen von einer Karriere als Tänzerin. Doch während Tracy über ein begnadetes Rhythmusgefühl verfügt, bleibt der Erzählerin, die besser singt als tanzt, nur, über schwarze Haut und schwarze Musik, Fred Astaire und Michael Jackson, Stepptanz und „Thriller“ zu philosophieren. Die Lebenswege beider Mädchen trennen und kreuzen sich wieder.

Elegant schwingt die Erzählung zwischen Kontinenten und Zeitebenen, Kindheit und Jetztzeit hin und her, bis die Erzählerin auf einer Reise nach Afrika auf die Wurzeln ihrer Musik, Kultur und ihrer Person stößt, zugleich aber auch erkennen muss, dass sie eine Fremde bleibt: zu weiß für Afrika. Zu schwarz für England. Zadie Smith hat auf ihrer ersten Reise nach Jamaika ähnliche Erfahrungen gemacht: „Ich war gegen alles allergisch: Es war zu heiß, ich hatte Sonnenbrand. Ich wollte nicht dahingehören.“ Als sie Jahre später zurückkehrte, „wurde mir am Ende klar, dass ich für alle hier die Weiße war“.

4. Ihre Bücher haben einen eigenen Rhythmus

„Das Autobiografischste am Buch sind die Vorlieben“, verrät die Autorin. Wie ihre Heldin verehrt sie das „American Songbook“ und Musicalfilme mit Ginger Rogers; der Titel „Swing Time“ ist angelehnt an den gleichnamigen Film von 1936. Wie die Protagonistin hat Smith die Steppszenen früher vor- und zurückgespult, nachgetanzt und davon geträumt, die singende Frau am Klavier zu sein.

Ihr Studium in Cambridge ­finanzierte sich Zadie Smith tatsächlich als Jazzsängerin. Auch ihre Art zu ­schreiben ist von Rhythmus durchdrungen. Mal von der Rap-Musik ihres Bruders, der in der britischen Hip-Hop-Szene zu Hause ist, mal vom Sound klassischer Jazzsongs, mal vom Puls Bob Marleys. Schriftsteller beneiden Musiker, davon ist Zadie Smith überzeugt: „Musik ist intensiver und berührt direkter.“ Dass sie trotzdem Autorin geworden sei, liege daran, dass sich Schreiben für sie natürlich anfühlt: „Als hätte ich einen sechsten Finger.“ 

Porträt von Zadie Smith.

Eigentlich trägt Zadie Smith lieber Jogginghose und Afro. 


 5. Auch Schriftstellerinnen taugen als Mütter 

„Frauen bekommen entweder Kinder oder schreiben Bücher.“ Dieses Glaubensbekenntnis von Simone de Beauvoir hat Generationen geprägt. Auch Zadie Smith war lange überzeugt, nicht der Mutter-Typ zu sein. Heute lebt sie glücklich mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Lyriker Nick Laird, und zwei kleinen Kindern in New York. Sie unterrichtet als Dozentin und schreibe natürlich weniger, seit sie Kinder habe. Die Liebe ihrer Familie sei ihr wichtiger als der Nobelpreis.

Für sie sind Kinder aber keine Feinde des Intellekts. „Selbst wenn mich das zu einer schlechten Feministin macht.“ Zadie Smith ist gelangweilt von der Diskussion um die ewig gleichen ­Argumente, Frauen könnten nicht alles haben. Für sie ist das weniger eine Frage der Haltung als eine der natürlichen Begrenzung. „Unsere Existenz ist definiert durch Grenzen. Und diese Limits sollte man besser akzeptieren, wenn man nicht verrückt werden will.“ Es sind diese ambivalenten Gefühle, die Zadie Smith mit ihren Leserinnen teilt.

In „Swing Time“ beschreibt sie, was Kinder von ihrer Mutter erwarten: „Komplette Unterwerfung. Es ist ein Zermürbungskrieg. Was du von deiner Mutter willst, ist, dass sie ein für allemal bekennt, dass sie deine Mutter und nur deine Mutter ist und mit allen anderen Dingen des Lebens abgeschlossen hat.“ Natürlich ist das utopisch, genau wie der Wunsch, seine Kinder immer glücklich zu machen, ihr bester Freund oder Held zu sein. Erziehung fordere Abgrenzung und ein gesundes Maß an Egoismus. 

6. Jogginghosen machen sie glücklich

„Wenn man wie Nofretete aussieht, sind die Haare nicht wichtig. Sie braucht weder Make-up noch Kosmetik, weder Schmuck noch teure Kleider“, beschreibt Zadie Smith die Mutter der Erzählerin im Buch. Sie könnte auch sich selbst meinen, erklärte ihr Freund und Schriftstellerkollege Jeffrey Eugenides in der New York Times. Auch Zadie Smith benutzt nur Lippenstift und Mascara. „Ich male mir weder Finger noch Zehen an“, gesteht sie, „für mich war es in der Jugend schon Kampf genug, überhaupt ein Mädchen zu sein.“

Als Teenager war die Britin ein übergewichtiger Krauskopf, der tanzen wollte. Heute ist sie eine schöne Frau, die glamouröse Cocktailpartys gibt. Ihre Gäste: das Who’s who der Literaturszene, von Salman Rushdie über Dave Eggers, Philip Roth, Jonathan Safran Foer und Nicole Krauss bis hin zu Hollywood-Stars wie Rachel Weisz und Lena Dunham.

Trotzdem hegt Zadie Smith seit ihrer Hässliches-Entchen-Zeit ein Misstrauen gegen ihr Äußeres. „Ich habe nichts ­dagegen, mich für Fremde in Schale zu werfen“, sagt die Erzählerin im Buch. „Aber sobald ich nach Hause komme, heißt es Jogginghose, Make-up runter, wirrer Afro“, ergänzt sie.

7. Ihr Turban – ein Statement 

Meistens binde sie den Turban aus praktischen Gründen, erzählt die Autorin, wenn sie einen Bad Hair Day habe. Gleichzeitig hat er in ihrem Leben eine Bedeutung gewonnen, die weit über ein Fashion-Statement hinausgeht: Er ist Symbol für ihre Wurzeln. Verbindung zu dem Teil ihrer Identität, der geografisch am Weitesten entfernt ist und den sie sich hart erarbeiten musste. „So viele Frauen weltweit tragen eine Kopfbedeckung. Ich möchte dazugehören.“

Zudem empfindet sie ihr exotisches Aus­sehen als Gewinn für ihre Arbeit als Schriftstellerin. Der Ethno-Mix aus hellbrauner Haut, langer Nase, Sommersprossen und Turban macht die Leute neugierig. „Ich komme schnell ins Gespräch, höre mir alles an, frage nach und diskutiere, ohne jemanden korrigieren zu müssen. Dieser Austausch inspiriert mich.“ All diese Stimmen fließen in den multikulturellen Sound ihrer Bücher ein, machen ihre Figuren authentisch und modern. Man könnte auch sagen – es swingt.

Cover des Romans

Zadie Smiths neuer Entwicklungsroman "Swing Time". 


Zadie Smith, Swing Time, Kiwi

Die Geschichte über die ­ungleiche Freundschaft zweier Mädchen auf der Suche nach Identität führt den Leser in ein modernes Paralleluniversum, aus dem es schwerfällt, wieder auszusteigen. Begnadet erzählt.