Schauspiel-Coach Ivana Chubbuck

Die Starflüsterin

Sie verhalf Brad Pitt und Halle Berry zum Durchbruch: Ivana Chubbuck, Hollywoods gefragtesten Schauspiel-Coach. Was man von der Frau lernen kann? Ein Treffen in Berlin.

Veröffentlicht am 24.08.2017
Schauspiel-Coach Ivana Chubbuck.

Schauspiel-Coach Ivana Chubbuck.


Es ist keine Diva, die da durch die Hotel-Lobby in Berlin eilt. Eher eine Frau, die weiß, was sie will, und die es gewohnt ist, es zu bekommen. Eine Erscheinung in flachen Schuhen, die in der abgehobenen Welt, in der sie sich bewegt, Bodenhaftung verleihen. Sie hat es nicht nötig, ihre Falten zu kaschieren, wäre ja auch verrückt in ihrem Metier. Immerhin lehrt sie Hollywood-Größen, lebensecht und unverstellt rüberzukommen. Da kann man sich nicht selbst hinter einer Maske verbergen.

Strippenzieherin aus Hollywood

Ivana Chubbuck wirkt rundum geerdet. Wenn sie einen mit ihren strahlenden blauen Augen forschend und ein bisschen streng ansieht, hat man das Gefühl, sie blicke einem bis auf den Grund der Seele. Das ist sie also, die legendäre Strippenzieherin aus Hollywood. Die Starflüsterin.

Ivana Chubbuck, 64, ist Schauspiel-Coach. Einer ihrer größten Erfolge war der Oscar, den Halle Berry 2002 als erste afroamerikanische Frau für ihre Rolle im Drama „Monster’s Ball“ gewann. In ihrer Dankesrede wandte sich die Schauspielerin an ihre Lehrerin: „Ohne dich hätte ich nie herausgefunden, was für eine Rolle ich spiele. Ich liebe dich!“ Seither gilt Chubbuck als feste Größe in Hollywood. Dabei ist sie seit 37 Jahren im Geschäft und verhalf schon Brad Pitt zum Durchbruch. Sie lernte ihn zu einer Zeit kennen, als er im Hühnchenkostüm Flyer für ein Schnellrestaurant verteilte, um sich über Wasser zu halten. „Er steckte jeden Penny, den er verdiente, in den Unterricht“, erzählt die Frau, die immer noch beeindruckt ist. „Ich kenne niemanden, der so hart an sich arbeitet wie Brad.“ Bis heute coacht sie ihn.

„Die Chubbuck-Technik“

Ivana Chubbucks Schauspielschule in Los Angeles ist bis weit über Amerikas Grenzen hinaus berühmt. Die Trainerin bildet dort nach einer Methode aus, die sie selbst entwickelt hat, halb Method Acting, halb Psychotherapie. Ihr Buch „Die Chubbuck-Technik“ gilt als Schauspieler-Bibel (Alexander Verlag Berlin, erscheint im Herbst). Zum Bestseller wurde es, weil jeder darin Tipps findet, wie er andere von sich überzeugt. Gerade ist sie in Berlin, weil sie einen Workshop für deutsche Schauspieler gibt. Wer mitmacht? Geheim. Chubbuck selbst hätte wohl kein Problem damit, Namen zu nennen: Sie schert sich nicht um Understatement, was nicht heißt, dass sie den großen Auftritt liebt. Rote Teppiche meidet sie. Ihr Talent liegt im Verborgenen, dort, wo sich menschliche Abgründe auftun.

„Ich lehre, wie man mit Gefühlen in Kontakt kommt. Gerade Schmerz und Unsicherheit sind ein großartiger Antriebsmotor“, erklärt sie im Gespräch. Man dürfe sich von solchen Emotionen nicht ausbremsen lassen, sondern sollte sie nutzen, um Ziele zu erreichen. Legen sich viele dafür nicht jahrelang beim Psychoanalytiker auf die Couch? Ivana Chubbuck lacht ihr kehliges Lachen und wird dann ernst: „Es wird einfacher, wenn man sich klarmacht, dass das Werkzeuge und Farben sind, mit denen wir das Gemälde unseres Lebens erschaffen. Ich sage immer: Das Publikum liebt dich nicht dafür, dass du wegen deiner Probleme in Selbstmitleid versinkst, sondern weil du Stärke daraus ziehst.“

Persönliche Details für mehr Vertrauen

Jede Trainingseinheit beginnt damit, dass Ivana Chubbuck ihre Schüler auffordert, darüber zu sprechen, was sie gerade belastet. Nicht immer ziehen die Stars mit, räumt sie ein, „dann mache ich den ersten Schritt und gebe etwas von mir preis, um Vertrauen aufzubauen“. Tatsächlich hat sie einiges zu erzählen.

Geboren wird Ivana Chubbuck in Detroit als Tochter eines deutschen Juden, der 1935 in die USA emigrierte. Ihr Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, ist selten zu Hause, ihre Mutter bipolar – Niedergeschlagenheit, Euphorie, Gereiztheit: „Es gab bei uns keine Wärme, stattdessen wurde ich seelisch und körperlich misshandelt.“ Ivana Chubbuck sagt das ungerührt, zückt ihr Handy, zeigt Fotos von der heruntergekommenen Wohnung ihrer Eltern. 

Während sie erklärt, „sehen Sie, ich bin eine Überlebende, aber ohne diese Erfahrungen wäre ich nicht die, die ich heute bin“, versteht man, dass sie selbst vor langer Zeit verinnerlicht haben muss, was sie ihren Schülern beibringt. Wie sonst hätte aus dieser Leidensgeschichte am Ende eine Erfolgsstory werden können? Nur die raue Stimme, Folge einer lange zurückliegenden Drogensucht, erinnert an die schlimme Vergangenheit. Sie verlässt ihr Elternhaus, zieht nach Los Angeles, will Schauspielerin werden, wie so viele. Es läuft okay. Eines Tages fragt eine Kollegin, ob sie ihr bei einer Rolle helfen könne. Bald nimmt Ivana Chubbuck Geld dafür: „Irgendwann habe ich meinem Agenten gesagt, dass ich nur noch lehren möchte.“

Das Coaching ist harte Arbeit 

Das war kurz vor der Geburt ihrer Tochter, die heute 29 ist. Mit ihren berühmten Klienten arbeitet sie am liebsten bei sich zu Hause, eine kluge Strategie. Wenn Eva Mendes oder Charlize Theron an ihrer Tür klingeln, tun sie das als normale Menschen. „Sie sind ungeschminkt, tragen Schlabberpullis, der ganze Glitzer hat bei mir nichts zu suchen“, erzählt ihr Coach in Berlin. Sie führt die Stars dann in die holzgetäfelte Bibliothek ihrer Villa, die sie mit ihrem zweiten Ehemann, einem Regisseur, bewohnt, und los geht’s: „Wir lachen und weinen zusammen und spielen mit den Themen, die auf den Tisch kommen.“

Was simpel klingt, ist harte Arbeit. Das ahnt man, wenn man Ivana Chubbuck gegenübersitzt. Ihr forschender Blick, die abwartende Körperhaltung, ihre Abneigung gegen banales Geplauder – diese Frau braucht keine Worte, um einen zu fordern. Alles an ihr stachelt an, sich ins Zeug zu legen. Und man möchte sie nicht enttäuschen. Damit treibt sie die Stars an deren Grenzen und darüber hinaus.

So war es auch bei Beyoncé. Der Popstar soll schon nach fünf Minuten in Tränen ausgebrochen sein. Ivana Chubbuck lächelt und sagt dazu nur: „Beyoncé hat ihre Probleme, wie jeder andere auch.“ Sie ließ sie ihre Songs wie Monologe sprechen, so lange, bis jedes Wort mit Bedeutung aufgeladen war. Nachdem „Single Ladies“ erschienen war, jenes Lied, das Beyoncés Wandlung zur Feminismus-Ikone einläutete, rief diese ihre Lehrerin an. „Hör es dir an, es ist alles darin, was du mir beigebracht hast“, erinnert sich Ivana Chubbuck. 

Am Wichtigsten ist Selbstbewusstein

Sie hasst es, als Guru bezeichnet zu werden. Der Titel Feministin gefällt ihr besser: „Ich liebe Frauen, die Eier in der Hose haben, die ihren Einfluss genießen und nicht sofort an Männer weitergeben wollen.“ Respekt sei im Job wichtiger, als gemocht zu werden. Das ist es, was man von dieser Frau lernen kann: Statt sich an To-do-Listen zu klammern, sollte man an seinem Selbstbewusstsein arbeiten. Denn beruflich wie privat komme es weniger darauf an, was man sagt, als darauf, wie man es tut: „Unsere Körpersprache kommuniziert viel präziser.“ 

Zum Beweis lässt Ivana Chubbuck die Mundwinkel hängen, presst ihre Lippen aufeinander – und wirkt zehn Jahre älter: „Verbitterung hinterlässt Spuren.“ Dann drückt sie den Rücken durch, entspannt ihre Mimik und verbreitet am Ende doch noch ein bisschen Hollywood-Flair: „Vergessen Sie nicht: Man ist nie zu alt, um seine Träume zu verwirklichen.

Chubbuck mit Halle Berry und Kate Bosworth.

Chubbuck mit ihren Schülerinnen Halle Berry (l.) und Kate Bosworth.     


Drei Tipps aus Chubbucks legendärer 12-Schritte-Technik     

1. Auf Körpersprache achten
Man kann es nicht oft genug sagen: Aufrecht sitzen, Hände und Füße still halten, offene Körperhaltung – so überzeugt man.

2. Taten folgen lassen
Um Botschaften im Gespräch besser rüberzubringen, neue Gedankengänge mit Mini-Handlungen verbinden (Sitzposition leicht verändern, zum Wasserglas greifen). Erhöht die Aufmerksamkeit beim Gegenüber.

3. Der innere Monolog
Manche Dinge kann man nicht laut sagen, weil sie zu persönlich sind oder politisch unkorrekt oder auf eine andere Art fehl am Platz. Aber die Gedanken sind bekanntlich frei – und beeinflussen das Mienenspiel. Für Gesprächspartner ist das spannend, auch wenn sie es nicht bewusst wahrnehmen.

Beyoncé und Ivana Chubbuck.

Powerfrauen: Beyoncé ließ sich von Chubbuck zum Erfolg coachen.