Schicksal: Schlaganfall

Mein Mann, sein Schlaganfall und der Irrsinn danach

Wie ein Blitz im Kopf: Barbara Wentzels Ehemann erleidet 2013 einen Schlaganfall. Wie sie es geschafft hat, Job, Kinder und einen Pflegefall unter einen Hut zu bringen? Das weiß sie selbst nicht so genau.

Veröffentlicht am 15.11.2017
Zersprungene Glühbirne.

Pro Jahr erleiden ca. 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. 


Der 3. April 2013, ein normaler Familienmorgen in Hamburg. Barbara Wentzel steht mit nassen Haaren im Zimmer ihres 13-jährigen Sohnes und versucht, ihn zu wecken. Während die dreifache Mutter mit Maxi herum­albert, gibt es im Bad plötzlich einen Knall. Dort liegt Henrik, Barbara Wentzels Mann, in der Wanne, bewegungsunfähig, leerer Blick. Er versucht, etwas zu sagen, aber er kann nur noch lallen. 

Ischämischer Schlaganfall, ein Hirninfarkt, hört sie die Ärzte im Krankenhaus sagen. Welche Schäden ihr Mann davontragen wird, weiß niemand. Zum Abiball von Sohn Lukas in einem Jahr müsse er wieder fit sein, bittet sie den Chefarzt. „Totaler Quatsch. Mir war überhaupt nicht klar, was da passierte“, sagt die 52-Jährige heute. Sie macht ­damals einfach weiter, schickt die Kinder in die Schule. Normalität spielen hilft. 

Todesursache Nr. 3 in Deutschland 

Ein Schlaganfall ist in Deutschland der häufigste Grund für dauerhafte Behinderungen. 270 000 Menschen trifft es jedes Jahr, knapp 40 Prozent sterben in den ersten zwölf Monaten. Henrik überlebt. Die rechte Seite seines Gehirns ist beschädigt, deshalb nimmt er kaum wahr, was links von ihm passiert. Die komplette linke Seite, vor allem die Hand, ist stark beeinträchtigt. Und: Der Hirninfarkt hat seine Persönlichkeit verändert. Er spricht druckreif und präzise, liest Zeitung, gibt Freunden Finanz-Tipps, kennt sich aus mit Geschichte, Politik, Wirtschaft. Aber seine Gefühle sind verflacht, die Ärzte nennen es „affektive Nivellierung“.

Henrik hat keine Hemmungen mehr. Das bekommt vor allem seine Frau zu spüren, „das Miststück“, wie er sie fortan nennt. Er ist davon überzeugt, dass sie der Grund für sein Unglück ist. „Die Alte hat mir das Leben versaut. Ich muss sie weghaben, radikal weg.“ Diese Sätze muss sich „das Miststück“ nun anhören. 23 Jahre Ehe, drei Kinder, sie waren glücklich. Wer kann das schon von sich behaupten? Heute wirken all diese Jahre wie aus einem anderen Leben. 

„Ich bin der Puffer, damit habe ich mich abgefunden“, sagt Barbara Wentzel, sie sitzt in einem Hamburger Café und blinzelt in die Sonne. Die kleine Frau mit den dunklen Haaren ist Führungskraft im internationalen Marketing bei einem Konzern. Sie ist strukturiert, schnell, klug und weiß genau, wo sie einen Zaun hochziehen muss, um sich zu schützen. Gleichzeitig spürt man bei ihr etwas Verletzliches, etwas Verletztes. Anfangs war sie von den Ausbrüchen ihres Mannes schockiert, doch sie hat gelernt, damit umzugehen und seine Ausfälle für sich zu verarbeiten. Sie fühlt sich nicht mehr komplett ohnmächtig und hilflos. 

Nach der Reha holt Barbara Wentzel ihren Mann nach Hause, denn in der Nähe gibt es kein Heim für jüngere, fittere Patienten. Sie bringt es nicht übers Herz, ihn in ein Altenpflegeheim zu stecken. „Sein Humor und seine Intelligenz sind ja noch da. Was soll er mit Menschen, die sich zum Teil gar nicht mehr verständigen können?“ Henrik muss rund um die Uhr betreut werden, ständig gibt es Ärger.

Sein Tag-Nacht-Rhythmus ist völlig gestört – nachts um drei möchte er die Tageszeitung haben, um sieben den ADAC anrufen. Mal will er eine Zigarette an der Glühbirne anzünden, dann Millionen in ein neues Unternehmen investieren, oder er bestellt über Telefon-Hotlines Ringe für 10 000 Euro, eine Palette WC-Steine und eine Reise mit der „Queen Mary“. Was daran falsch sein soll, versteht er nicht. Er, der Macher, das Alphatier, lange Finanzvorstand bei einer Reederei – er wird doch wohl wissen, was er tut. 

15 verschiedene Pfleger durchlaufen in anderthalb Jahren den Haushalt der Wentzels. Die Familie ist am Limit, Barbara Wentzel funktioniert und will alles zusammenhalten. Bis ihr großer Sohn Lukas sagt: „Du kannst nicht länger mit Papi zusammenwohnen.“ Sie ist baff. Der 18-Jährige blickt mit mehr Abstand auf das Familienleben als sie. Und er hat recht.

Neustart mit Folgen

Barbara Wentzel findet eine bezahlbare Wohnung für sich und die Kinder – und eine behindertengerechte Wohnung für Henrik in der Nähe. Die gefällt ihm nicht, aber jetzt hat er wenigstens Abstand zum „Miststück“. Zwei Pfleger wechseln sich ab, sie wissen mit seinen Beschimpfungen umzugehen. Doch Barbara Wentzel quält fortan ein schlechtes Gewissen, „er verbringt die meiste Zeit allein vor dem Fernseher. Natürlich könnte ich da ­immer mehr machen“. Schließlich lernt sie: Auch ihre Bedürfnisse sind wichtig, Funktionieren ist nur bedingt eine Lösung.

Heute weiß sie gar nicht mehr, wie sie das alles geschafft hat: Job, drei Kinder, pflegebedürftiger Mann. Klar, die Freunde waren wichtig, die tägliche Meditation – und das Schreiben. Über die vergangenen vier Jahre hat sie ein Buch geschrieben. „Das war die beste Psychotherapie“, sagt sie mit weichem Akzent, sie ist in Wien geboren. Es überrascht sie selbst, was trotz der Tragik entstanden ist und wie viel Kraft in ihr steckt. Heute engagiert sie sich für ein Pilotprojekt, Pflege-WGs für Erwachsene, die fürs Altersheim zu jung sind (haus-fuer-­morgen.com). Ihre Kraft hat auch dafür gesorgt, dass Henrik – entgegen aller Prognosen – wieder gehen kann. Wenn man ihm hilft aufzustehen, kommt er mit einer Vierpunkt-Stütze ein paar Meter voran.

Die 23-jährige Klara wünscht sich, dass ihr Vater sie zum Altar begleitet. Ohne Stock. Zwar ist es längst noch nicht so weit, aber das Ziel gibt ihm eine Perspektive. Trotzdem spricht Henrik immer wieder davon, dass er so nicht mehr leben möchte. Er begreift seine Erkrankung nur zum Teil und kann mit seiner Situation keinen Frieden schließen, weil ihm die Fähigkeit fehlt zu reflektieren. „Wenn er das verstehen würde, nähme er sich wohl tatsächlich das Leben. Ich kann das nachvollziehen. Mein Leben geht weiter, das der Kinder auch, nur er bleibt sitzen.“ 

Barbara Wentzels Leben hat dann noch einmal eine Kapriole gedreht, in die andere, die schöne Richtung: Sie ist verliebt. In einen Mann, der gut mit Henrik umgehen kann und bereit ist, eine Beziehung zu dritt zu führen. Denn der Gedanke an eine Trennung kam ihr nie. „Henrik hätte das Gleiche für mich getan“, da ist sie sich sicher. Liebt sie ihn noch? Da kommen ihr die Tränen. „Natürlich“, sagt sie. Es sei nicht mehr die gleiche Liebe, sondern mütterlicher. Ihr Mann, das vierte Kind. „Er ist wie ein Spatz, so schutzbedürftig. Wenn er Dummheiten macht und wir lachen, freut er sich so.“

Da, sagt sie, ginge ihr das Herz auf.

Barbara Wentzel schrieb mit Co-Autorin Miriam Collée „Käsekuchen mit Sauerkraut“ (Piper). Genau diese Kombi, Käsekuchen mit Sauerkraut, wollte ihr Mann nach dem Schlaganfall essen.