Cornelia Schmalz-Jacobsen

„Trotz meiner Ängste bin ich mutig“

Die FDP-Politikerin Cornelia Schmalz-Jacobsen hat in ihrem Leben immer wieder bei Null angefangen. Im Interview erzählt sie, woher sie die Kraft dafür nahm.

Veröffentlicht am 20.11.2016
Politikerin


Berlin, ein sonniger Tag. Im Garten des Literaturhauses hört man Wasser plätschern. Cornelia Schmalz-Jacobsen sitzt öfter hier. Ihre Wohnung liegt in der Nähe. Dieser Ort passt zu ihr, bürgerlich, bescheiden und gebildet, wie sie ist. Die 81-Jährige war Spitzenpolitikerin, eine der großen Führungsfiguren der FDP. Sie ist eine elegante und aufmerksame Dame, neugierig, wach, lebendig. Nachdem sie ein Kännchen Tee bestellt hat, fängt sie an zu erzählen. Und man bekommt eine Ahnung davon, wie reich und schmerzlich zugleich ein Leben sein kann.  Cornelia Schmalz-Jacobsen wuchs im Krieg auf, studierte nach dem Abitur Gesang und Sprachen, lebte in Berlin, Perugia und Rom. Sie heiratete früh, bekam drei Kinder in zwei Ehen. Eigentlich wollte sie Journalistin werden, entschied sich dann aber für die Politik. Neuanfänge ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, über das sie in ihrem Buch „Russensommer“ (C. Bertelsmann) erzählt.

Als Kind haben Sie den Krieg erlebt, haben sich in Bunkern versteckt und waren von Ihren Eltern und Geschwistern getrennt. Kein einfacher Start.  
Wenn ich mich mit Menschen meines Alters unterhalte, sind wir uns einig: Wir Kriegskinder haben einen Knall, die einen mehr, die anderen weniger. Mein Mann hat früher immer gesagt: „Cornelia, die Furcht regiert dein Leben.“ Das stimmt einerseits und dann auch wieder nicht. Es gab viele Situationen, in denen ich nächtelang wach dalag, aber ich habe mich immer durchgebissen. Trotz meiner Ängste bin ich mutig und warte nicht auf Rettung von außen, sondern nehme die Dinge selbst in die Hand.

Haben Sie ein Beispiel?
Als ich 1989 für den Bundestag kandidierte, intrigierte mein Parteikollege Jürgen Möllemann gegen mich. Seine Lügen standen sogar in der Zeitung. Ich habe eine halbe Woche gehadert, dann bin ich nach einer Sitzung zu ihm, habe ihm auf die Schulter getippt und gesagt: „Herr Möllemann, kommen Sie bitte in mein Büro.“ Dort habe ich ihn freundlich zusammengefaltet. „Ich wirke zwar liebenswürdig“, habe ich gesagt „aber unterschätzen Sie mich nicht.“ Danach war Schluss.

Ziemlich tough für eine Frau, die mal gesagt hat, sie sei ein unglaublich schüchternes Mädchen gewesen.
Stimmt, ich war geradezu stumm. Mit drei älteren Geschwistern war ich immer ein bisschen außen vor. Meine Mutter hatte wenig Zeit. Ich hatte damals das Gefühl, dass sich niemand dafür interessiert, was ich denke und mache.

Und dann kam der Krieg. In Ihrem Buch „Russensommer“ erzählen Sie, wie Sie von Ihren Eltern getrennt wurden. Die letzten Kriegswochen erlebten Sie an der Ostsee.
Ich kam im Zuge der Kinderlandverschickung zu meinem Onkel und meiner Tante. Es war ein Jahrhundertsommer. Als die Rote Armee das Dorf besetzte, wurde die Zeit umgestellt, sodass es zwei Stunden länger hell war. Keiner wusste, wie es weitergeht, aber für uns Kinder war es irgendwie auch idyllisch. Wir waren draußen, sind geritten. Nur die Art der Spiele verrät, wie die Zeiten waren.

Was für Spiele waren das?
Zum Beispiel „Was mache ich mit Hitler, wenn ich ihn fange?“. Für uns war er eine Art böser König, für den wir uns Strafen überlegten. Ein anderes Spiel nannte sich „Frau, komm!“. Als die Russen in unser Dorf kamen, versteckten sich die jungen Frauen. „Frau, komm!“, riefen die Russen ihnen hinterher. Den Spruch schnappten wir auf und machten ein Fangspiel daraus. 

Wussten Sie damals eigentlich, dass Ihre Eltern zu Hause in Berlin zwölf Jahre lang Juden versteckt hatten?
Ja, ich wurde irgendwann eingeweiht, und das war gut so. Trotzdem hatte ich furchtbare Angst, weil ich wusste, dass sie in Todesgefahr schwebten. Meine Mutter hat dazu mal gesagt: „Lieber tote als feige Eltern.“

Kann man ein gelungenes Leben führen, ohne sich für eine Sache zu engagieren?
Ich glaube nicht. Um zufrieden zu sein, muss man etwas haben, das einen packt und in das man seine Leidenschaft stecken kann. Das können Obdachlose sein, der Umweltschutz oder die eigenen Kinder.

Sie selbst haben sich für die Politik entschieden und sind 1968 in die FDP eingetreten, auf dem Höhepunkt der linken Studentenunruhen. Warum ausgerechnet die FDP?
Ich glaube, ich bin nicht extrem links geworden, weil ich – anders als viele meiner Generation – keine Schuld zu verdrängen oder zu kompensieren hatte. Meine Eltern hatten sich nie vom NS-Regime verführen oder manipulieren lassen. Ich weiß um den Wert der Freiheit, ich habe ihn selbst immer wieder erlebt. Mir ging es um Selbstverwirklichung und um den Wert jedes Einzelnen. Dazu kam, dass mich Persönlichkeiten wie Hildegard Hamm-Brücher oder mein Chef Otto Graf Lambsdorff beeindruckten. 

Später wurden Sie Generalsekretärin und stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, außerdem Ausländerbeauftragte der Bundesregierung – eine außergewöhnliche Karriere.
Ich habe keine Methode oder Strategie. Ich weiß nur, dass es nichts bringt, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, und dass man Mitstreiter braucht, um etwas zu erreichen. Das habe ich schon als Kind verstanden. Monate bevor die Russen kamen, hat mein Onkel gesagt, wir sollten Russisch lernen, wenigstens die wichtigsten Vokabeln. Die Sprache des Feindes zu lernen war im Nachhinein genau die richtige Taktik: Wer die gleiche Sprache spricht, hat schon mal eine Gemeinsamkeit.

Gibt es einen Leitsatz, der Sie durchs Leben trägt?
Ja, den Psalm 23, meinen Konfirmationsspruch: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Gleichzeitig war mir immer klar, dass Gott nur mein Hirte sein kann, wenn ich nicht davonlaufe, sondern mithelfe.

Engagieren Sie sich deshalb ehrenamtlich, seit Sie sich mit 64 aus der Politik zurückgezogen haben?
Mir war immer klar, dass ich mir nach der Politik eine neue Aufgabe suchen möchte, aber eben nicht irgendeine. Ehrenämter müssen Spaß machen. Ich bin heute noch Ehrenvorsitzende des Vereins Humanity in Action, einer Art Netzwerk talentierter junger Leute mit dem Schwerpunkt Minderheiten- und Menschenrechte. Ich liebe es, diese jungen Menschen zu treffen und mich mit ihnen zu unterhalten.

Diese jungen Menschen sind heute in einem Alter, in dem Sie schon Journalistin und Mutter waren. Ihr erstes Kind haben Sie mit 24 bekommen. In einem Interview haben Sie mal verraten, dass Sie, obwohl Sie gespürt haben, dass die Ehe nicht halten würde, bewusst ein zweites Mal schwanger wurden.
Mein Mann war ein Hippie. Er wollte Übersetzer werden, studierte aber seinem Vater zuliebe Volkswirtschaft. Irgendwann brach er das Studium ab. Als ich merkte, dass die Ehe nicht halten würde, hatten wir einen Sohn. Klingt absurd, aber die Vorstellung, alleinerziehend mit einem Kind rumzusitzen, mochte ich nicht. Wenn schon allein, dann mit zwei Kindern. 

Und gleich nach der Geburt haben Sie sich getrennt?
Ein paar Monate später. Ich war mit den Kindern ein paar Tage auf Sylt, wo meine Mutter ein Häuschen hatte, als ein Brief von ihm kam: Er sei per Anhalter in Italien unterwegs, wolle das Mittelmeer umrunden und sende liebe Grüße. Was soll man mit so einem Mann anfangen? Als er Wochen später zurückkehrte, habe ich Schluss gemacht.

Auch Ihren zweiten Mann haben Sie später gebeten, das gemeinsame Haus zu verlassen.
Ich befand mich im Wahlkampf um das Oberbürgermeisteramt in München, und er hatte nichts Besseres zu tun, als sich eine Freundin zu suchen. Danach hatte ich genug vom Heiraten.

Vermissen Sie nicht die Zweisamkeit?
Natürlich vermisse ich die Zweisamkeit, ich bin auch manchmal melancholisch. Trotzdem versuche ich jeden Tag, das Beste draus zu machen. Es gibt schlechtere Leben als meines. Ich habe Kinder, ich habe Enkel, und ich habe viele spannende Jahre erlebt.

Interview: Tobias Haberl