Der Ankerherz Verlag

Seemannsgarn

Vor neun Jahren gründeten Julia und Stefan Krücken den Ankerherz Verlag. Seitdem durchschiffen sie im turbulenten Verlagswegen auch schwierige Gewässer. Vom Kurs abbringen, lassen sie sich aber nicht.

Veröffentlicht am 20.10.2016
Julia und Stefan Krücken vom Ankerherz Verlag.

Julia und Stefan Krücken vom Ankerherz Verlag.


Es begann in der Hambur- ger „Haifischbar“ zwischen Reeperbahn und Fischmarkt, wo die ganz großen Kähne von der Weite der Welt zeugen, die Jukebox Freddy Quinn spielt und von der Decke staubige Takelage baumelt. Die Gazetten waren wieder voll von belanglosen Berichten, während Julia und Stefan Krücken in ihr Bier starrten und sich nach guten Geschichten sehnten. Nach solchen, wie sie alte Seefahrer erzählen. So ging es los mit dem Ankerherz Verlag.

Julia und Stefan Krücken lernten sich beim Hamburger Magazin Max kennen. Er war Reporter, sie Fotoredakteurin, beide verliebten sich. 2007, kurz nach dem Abend in der „Haifischbar“, begannen sie mit der Recherche für „Orkanfahrt“. In dem Buch geben 25 Kapitäne ihre Erlebnisse zu Protokoll, wie zum Beispiel Emil Feith, dessen Ruderanlage während des größten Sturms seit Beginn der Wetteraufzeichnung inmitten 20 Meter hoher Wellen einfach ausfiel. Stefan Krücken schrieb sie nieder.

Es sind typische Ankerherz-Geschichten: Sie reißen den Leser mit, wecken Emotionen, Ängste, Hoffnungen, schmeißen ihn hinein in den Alltag von Men- schen, die tatsächlich etwas zu berichten haben. Erst suchten die Krückens nach einem Verlag für ihr Buch. Aber die Verkaufsexperten schlugen vor, bestimmte Themen „nach vorn zu drehen“, sie analysierten und verzerrten, während Stefan Krücken „einfach nur die Geschichten erzählen wollte. So wie sie sind.“ Irgendwann verloren die Krückens die Geduld und entschieden: Wir machen es selbst.

„Alle sagten, dass wir verrückt sind“, sagt Julia Krücken. Es war ihnen egal. Und ist es bis heute. Als Verleger deuteln sie nicht herum, sondern handeln entgegen dem Zeitgeist ohne Angst. Das macht sie erfolgreich. Es ist der Glaube an die Qualität der Texte, der den Ankerherz Verlag durch die Untiefen des Marktes trägt. Wenn es um Fragen des Verlagswesens geht, grummelt Stefan Krücken schon mal trotzig: „Wir sind kein Verlag. Wir sind eine Marke. Und wir sind nicht mehr klein.“ Es nervt ihn, wenn sie zum David gegen die Goliaths des Buchhandels hochstilisiert werden. Er will nichts vorgaukeln. Es geht um – die Krückens umschiffen das Modewort umsichtig – Authentizität. Um Vertrauen in das eigene Gefühl.

Urgefühle im Angesicht der Naturgewalten sind auch in diesem Herbst Thema des Verlagsprogramms: In „Eine Büroklammer in Alaska“ beschreibt Guy Grieve, wie er eines Tages seinen Bürojob aufgab, um in der Wildnis eine Block- hütte zu zimmern. In „Goðafoss“ erzählen die Überlebenden eines kleinen isländischen Frachters von einem deutschen U-Boot-Angriff im November 1944, Nonnen sprechen über die Liebe, Inselbewohner über das Leben auf einem Eiland und Barbara McQueen erinnert sich an die Nacht, in der ihr Mann Steve McQueen seinem Nachbarn Keith Moon, dem Schlagzeuger von The Who, genervt das Licht im Badezimmer ausschoss.

In den ersten Jahren nach der Verlagsgründung blieb Julia Krücken zu Hause bei den Kindern, während ihr Mann die Hälfte seiner Zeit weiter als freier Reporter arbeitete. Der lag eines Nachts in Uganda wach, hörte das Trommelfeuer des nahen Bürgerkriegs und fragte sich, was er hier eigentlich tat, fern von seiner Familie. Von da an wurde Ankerherz zum Vollzeitprojekt. Heute leben die Krückens mit ihren vier Kindern im niedersächsischen Dorf Hollenstedt und basteln in einem umgebauten alten Tanzsaal an der Weiterentwicklung ihres Projekts. In knapp zehn Jahren haben sie vier Bestseller produziert, in diesem Jahr haben sie sieben Bücher rausgebracht, im Jahr davor vier, die sie auf nachhaltigem Papier drucken lassen. Sie legen viel Wert auf die Qualität der Fotografien und Illustrationen. Schauspieler wie Axel Prahl, Joachim Król und Katharina Thalbach lesen für den Verlag.

Mit der Zeit nehmen auch die Non-Book-Produkte zu, mit denen sie und ihre 14 Mitarbeiter gut ein Drittel ihres Umsatzes machen: Pullover, Decken, Whisky – die Krückens schaffen zu jedem Buch eine eigene Welt. Unter anderem veranstaltet der Verlag Themenkreuzfahrten, die Sammlung von Inselgeschichten etwa wird zur Sightseeing-Tour auf hoher See. Und aus der Geschichte von Käpt’n Schwandt machten sie kurzerhand eine politische Kampagne: Jürgen Schwandt, auch eine Entdeckung Stefan Krückens, ist mit seinen weit über 100 Kolumnen in der Hamburger Morgenpost zum Botschafter der Willkommenskultur in Deutschland geworden. Mit „Sturmwarnung“, der im April erschienenen und von Stefan Krücken verfassten Biografie über den pensionierten Kapitän, ist der Ankerherz Verlag zum vierten Mal in den Bestsellerlisten vertreten. Bei Facebook folgen inzwischen Hunderttausende Schwandts Posts.

Und wenn die Abgesänge auf das Verlagssterben eines Tages doch einmal Realität werden? Julia Krücken wiegelt ab: „Es hilft, alles in Relation zu setzen. Solange wir gesund sind, kann doch nichts passieren. Es wäre zwar schade, aber dann ziehen wir eben in eine Zwei-Zimmer-Wohnung.“ Und sie fügt hinzu: „Der Verlag ändert sich pausenlos, wir machen ständig neue Dinge. Wenn du da zauderst, geht es nicht.“ Statt zu zweifeln, träumen sie lieber von neuen Projekten. „Irgendwann eine Strandbar an der Nordsee“, sinniert Stefan Krücken und Julia nickt. Denn eines ist für beide selbstverständlich: „Wir entscheiden immer alles zusammen.“

Und das ist kein Slogan, der sich gut verkauft. Sondern echt.