Self-Publishing

Anne Freytag und die ersten Hunderttausend

Auf der Frankfurter Buchmesse steht ein Thema im Fokus: Self-Publishing. Autorin Anne Freytag hat sich damit eine Fangemeinde erschrieben – bis die großen Verlage auf sie aufmerksam wurden.

Veröffentlicht am 21.10.2016
Autorin Anne Freytag mit ihrem Buch „Mein bester letzter Sommer“.

Durch Self-Publishing wurden die Verlage auf Anne Freytag aufmerksam. Ihr Buch „Mein bester letzter Sommer“ erschien bei Heyne.


Ich war keines dieser Mädchen, die mit zwölf von der Oma eine Schreibmaschine geschenkt bekommen, weil sie schon immer davon geträumt haben, Schriftstellerin zu werden. Nein, ich habe Tourismus- und Eventmanagement studiert, ganz pragmatisch, weil ich dachte, da wird sich schon ein Job finden. Das Studium hat mich so gelangweilt, dass ich nebenbei zu schreiben anfing. Auf einmal hatte ich diese Stimmen im Kopf, die mir eine Geschichte erzählten, ich musste sie nur noch zu Papier bringen. Irgendwann waren 600 Seiten voll – mein erstes Buch. Ich habe Leseproben an Verlage geschickt, aber bekam meistens nicht mal eine Antwort.

Als ich 2008 mit der Uni fertig war, begann die Wirtschaftskrise. Ich schrieb Hunderte von Bewerbungen, bekam Hunderte von Absagen, jobbte in einer Boutique und schrieb wie im Rausch mein zweites Buch mit dem Titel „Renate Hoffmann“ – die Geschichte einer Frau, die sich vom Balkon stürzen will. Meine Freunde fanden das Manuskript toll, die Lektoren, denen ich es schickte, leider nicht. Also ging ich zum Arbeitsamt, machte eine Umschulung zur Grafikerin und arbeitete in verschiedenen Agenturen. Immer befristet und mies bezahlt.

2011 gab mir mein Bruder den Tipp, meine Bücher auf Amazon selbst zu publizieren. Bisher hatte ich praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschrieben. Durch Amazon hatte ich wenigstens ein Schaufenster, denn auch der beste Roman wird nicht gelesen, wenn niemand weiß, dass es ihn gibt. Ich schrieb also mein drittes Buch, entwarf ein Cover – als Grafikerin konnte ich das jetzt – und stellte es am 14. Februar 2013 für 90 Tage online. Die ersten fünf Tage konnte man sich den Roman gratis runterladen. Beim Arbeitsamt stellte ich einen Antrag auf Existenzförderung. „Ich möchte Schriftstellerin werden“, sagte ich, ließ mich von dem Beamten ein bisschen belächeln und fuhr mit meinem Freund zur Hochzeit einer Freundin. Im Auto checkte ich ständig die Downloads und konnte es nicht fassen: Erst waren es 100, dann 1000, dann 5000. Mein Roman stieg auf Platz eins der Gratis-Charts. Nach ein paar Tagen bekam ich die ersten Rezensionen und Mails von Leuten, die wirklich Geld dafür gezahlt hatten, um mein Buch zu lesen. Nach drei Monaten ging ich wieder zum Arbeitsamt: „Vielen Dank“, sagte ich, „ich brauche Ihre Hilfe nicht mehr.“ Ich verdiente Geld, nicht viel, aber es reichte zum Leben. Ein tolles Gefühl. Bis heute haben sich meine ersten drei Romane über 100 000-mal bei Amazon verkauft.

In den Wochen danach schrieb ich Blogger und Journalisten an, um möglichst viele Menschen auf meine Bücher aufmerksam zu machen. Klar lehnten die meisten ab, die werden ja von Briefen und Mails zugeballert. Aber manche wollten eben doch ein Rezensionsexemplar und so hangelte ich mich von Kontakt zu Kontakt. Zusammen mit der Autorin Adriana Popescu fing ich an, sogenannte New-Adult-Romane unter Pseudonym zu schreiben. Ich als Ally Taylor, sie als Carrie Price. Wenn wir geahnt hätten, dass irgendwann Droemer Knaur unsere Bücher kauft und sie wie geschnitten Brot laufen, hätten wir vermutlich Namen gewählt, die weniger nach Porno klingen.

Mein jüngstes Buch ist der Jugendroman „Mein bester letzter Sommer“ und handelt von einer jungen Frau mit einem Herzfehler. Ich stand an der Supermarktkasse, als ich diesen Satz im Kopf hatte: „Ich suche einen Freund zum Sterben.“ Daraus wurde ein Buch, das ich über eine Agentin zehn verschiedenen Verlagen anbot. Acht wollten ihn haben. Er ist im März bei Heyne erschienen und hat sich bisher wirklich gut verkauft.

Self-Publishing ist eine tolle Sache, trotzdem bin ich froh, dass ich inzwischen Verlage gefunden habe, mit denen ich als Team zusammenarbeiten kann: Ich schreibe, die anderen machen sich Gedanken über Cover, Pressearbeit und so weiter. Wenn man seine Bücher selbst publiziert, kommt es eher auf die Masse an. Ich müsste mindestens drei Bücher im Jahr schreiben, damit sich die Sache lohnt. Das kann und will ich nicht. Dazu kommt, dass viele ihre Texte für 99 Cent anbieten. Ich halte das für fatal. Ein Roman darf doch nicht weniger kosten als ein Päckchen Kaugummi.

Ich schreibe gerade an meinem nächsten Buch. Der Vorschuss ist überwiesen, der Vertrag unterschrieben. Ich stecke irgendwo in der Mitte und muss mich ranhalten. Es sieht tatsächlich so aus, als wäre ich jetzt Schriftstellerin.