Selbstbestimmte Sexualität

„Ohne Orgasmus gehe ich nicht nach Hause“

Die eine hatte über 80 Liebhaber, die andere keinen Sex in knapp 20 Jahren Ehe. Zwei Frauen haben uns erzählt, wie sich ihr Verhältnis zur eigenen Sexualität entwickelt hat und wie das ihr Verständnis von Beziehungen, Nähe und Liebe heute beeinflusst

Veröffentlicht am 24.08.2016


„Ich hatte 80 Liebhaber“

Lin* (alle Namen geändert), 40, ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und nimmt sich einen Mann, wenn ihr danach ist
Es gibt Tage, an denen ich mehr als einmal Sex habe und mit mehr als einem Mann – morgens vor der Arbeit, in der Mittagspause, nach Feierabend. Nie würde ich so ein Sex-Date online vereinbaren. Das wäre mir zu unberechenbar. Ich möchte den Männern, mit denen ich schlafe, schon vorher nah sein und spüren, ob ich ihnen vertrauen kann – was im Alltag gut funktioniert: beim Einkaufen, im Imbiss oder, wie gestern, an einer roten Ampel. Stau, es gab kein Vor und Zurück. Also ließ ich die Fensterscheiben runter, drehte das Radio auf und zog meinen Lippenstift im Rückspiegel nach. Ich habe Lust aufs Flirten, die Männer spüren das. „Haben wir hier nicht schon gestern zusammen gestanden?“, rief ein Typ aus dem Wagen neben mir. Wir unterhielten uns eine Weile von Auto zu Auto, schließlich kritzelte er seine Nummer auf einen Zettel und reichte ihn mir durchs Fenster. Ich weiß noch nicht, ob ich anrufen werde. Falls ja, dann um mich zum Sex zu verabreden, ohne Respektlosigkeiten, aber auch ohne Gefühle: Anonymität ist mir wichtig, und mein Familienleben bleibt außen vor.

Seit mein Mann mich betrogen hat, bin ich alleinerziehend. Die Kinder sind jetzt 5, 15 und 16 Jahre alt. Der Sex ist für mich eine Auszeit vom Alltag: Ich kann mich fallen lassen und habe das Gefühl, zur Abwechslung mal nicht funktionieren zu müssen und die Zügel aus der Hand geben zu können. Die Kinder wissen nichts von meinen Liebhabern. Es sei denn, es entwickelt sich doch eine Beziehung. Dann bin ich treu. Wenn ich jemanden liebe, geht es erst mal nur um uns, nicht ums Bett. Aber als Single stürze ich mich gern in Abenteuer. Früher hatte ich oft Typen, die doppelt so alt waren wie ich. Jetzt ist es genau andersrum: Ich werde plötzlich von Studenten umworben. Es schmeichelt mir, dass mich jüngere Männer sexy finden, obwohl ich sicher keine Idealmaße habe. Nach drei Schwangerschaften hat sich mein Körper verändert. Trotzdem trage ich Kleider, trotzdem tanze ich.

Tango und Sex sind die einzigen Dinge, bei denen ich mich gern führen lasse. Wenn ich einen Mann zum ersten Mal treffe, gebe ich zwar das Tempo vor, aber es gefällt mir, wenn er die Regie übernimmt. Sex darf intensiv, ja sogar rabiat sein. Aber wenn ich das Gefühl habe, zu kurz zu kommen, beende ich das Ganze. Ich bin keine Nebendarstellerin, ich möchte stattfinden, mit meinem ganzen Körper. Ohne Orgasmus bin ich noch nie nach Haus gegangen. Ist ein Mann auf dem falschen Weg, verändere ich die Gangart oder schiebe seine Hand an die richtige Stelle. Mit manchen Männern treffe ich mich mehrmals, anderen signalisiere ich nach dem ersten Date, dass es mit uns nicht passt – aber nie per SMS, sondern immer persönlich.

Dass ich meine Sexualität so selbstbestimmt lebe und offen darüber spreche, gefällt nicht jedem. Ich habe deshalb schon Freunde verloren, darunter viele Frauen. Dabei gibt es nichts, was mir peinlich sein müsste. Kein Herz wird gebrochen.

„Mein Mann wollte fast 20 Jahre lang nicht mit mir schlafen“

Susan (Name geändert), 47, war bei der Hochzeit Jungfrau und hoffte, irgendwann bekäme ihr Mann Lust auf Sex. Ein Irrtum. Also suchte sie sich fürs erste Mal einen anderen.

Als ich meine große Liebe heiratete, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir niemals Sex haben würden. Ich war damals Anfang zwanzig und hielt es für eine romantische Idee, mich aufzusparen. Mein Mann war liebevoll und gut aussehend, jemand, dem ich die Welt zu Füßen gelegt hätte und dem ich gern ganz nahe gekommen wäre. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten, konnten bis zuletzt nächtelang reden. Aber für Sex hatte er einfach nichts übrig. Nicht dass wir es in 19 Jahren Ehe nicht versucht hätten. Aber sobald es ernst wurde, machte er einen Rückzieher. Anfangs glaubte ich, er sei schwul. Später dachte ich, es läge an mir. Ich nahm ab, um begehrenswerter zu sein, aber dünn interessierte ich ihn genauso wenig wie vorher. Romantische Abendessen, sexy Dessous: Je mehr Einsatz ich zeigte, desto stärker zog sich mein Mann zurück. „Nicht heute, nicht jetzt, ich muss Hemden bügeln.“

Die Ausreden wurden immer absurder und die Zurückweisungen verletzender. Die Frage, ob etwas nicht stimme, ob er vielleicht asexuell sei, ließ er gar nicht erst zu. Wir sprachen über alles, nur nicht über Sex. Ich redete mir ein, das nicht zu brauchen. Bis ich in eine schwere Depression versank. Niemand ahnte etwas von meiner Tragödie, nicht mal enge Freunde. Erst ein Arzt, der mich wegen Stresssymp­tomen behandelte, stellte die richtigen Fragen und es brach aus mir heraus. Er riet mir, mich um mich selbst zu kümmern. Abends fragte ich meinen Mann, was ihm lieber wäre – dass wir einen Therapeuten für ihn suchen, dass ich ihn verlasse oder dass ich mich nach einem Liebhaber umsehe. Er wollte, dass ich bleibe – und mir alles Sexuelle außerhalb der Ehe hole.

Ich blieb tatsächlich, weil ich mir so sehr wünschte, dass diese Ehe funktioniert. Also machte ich mich mit Anfang vierzig auf die Suche nach einem Mann fürs erste Mal. Auf einem Dating-Portal wurde ich fündig. Und mein Mann? Wirkte, als hätte man ihm eine zentnerschwere Last von den Schultern genommen. Erleichterung, Interesse, Neugier – da war viel zu spüren, nur keine Eifersucht. Danach traf ich weitere Männer. Im Schnellverfahren holte ich nach, was man mir so lange vorenthalten hatte. Zwei Leben, eine ausquartierte Leidenschaft – wie unhaltbar das war, dämmerte mir, als ich mich vor fünf Jahren verliebte. Mein Mann reagierte auf seine Art – er ließ mich gehen. Heute lebe ich in einer erfüllten Beziehung und trauere den verlorenen Jahren nicht nach. Lieber feiere ich die Zeit, die mir noch bleibt.