Shereen El Feki über Sex in der arabischen Welt

Wo die Ungleichheit beginnt

Die ägyptisch-britische Wissenschaftlerin Shereen El Feki erforscht das Liebesleben in der arabischen Welt. Ihre These: Ein Blick ins Schlafzimmer verrät viel über den Zustand und die Entwicklung einer Gesellschaft.

Veröffentlicht am 13.10.2016
Die ägyptisch-britische Immunologin Shereen El Feki.

Die ägyptisch-britische Immunologin Shereen El Feki.


Wird in der arabischen Welt offen über Sexualität gesprochen?
Ja, ständig. Das Problem ist nur: Frauen und Männer reden untereinander, aber nicht miteinander über Sex. Öffentlich sowieso nicht. Kino, TV, Bücher – das wird zensiert. In der arabischen Welt regeln Gesetze das Liebesleben.

Vor tausend Jahren ging es da sehr viel liberaler zu.
Das stimmt. Es gibt die „Enzyklopädie der Lust“, 43 Kapitel über alle nur er- denklichen Praktiken. Das ist nur eines von vielen solchen Büchern. Sie wurden ausschließlich von Männern geschrieben und sollten Paaren zu einem erfüllteren Liebesleben verhelfen. Es geht um Analsex, Vorspiel, Eifersucht, Bisexualität, Homosexualität. Und dazwischen werden die Vorteile von sexuell erfahrenen Frauen gegenüber Jungfrauen erörtert. Interessant, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert Jungfräulichkeit heute hat. Ja, junge Mädchen dürfen oft nicht mal Fahrrad fahren oder Tampons benutzen, aus Angst, das Jungfernhäutchen könnte reißen. Dabei ist im Koran Jungfräulichkeit geschlechtsneutral. Auch Männer sollten unberührt in die Ehe gehen. Deshalb ist outercourse, also alles außer Vaginalverkehr, sehr verbreitet.

Aber ist nicht jede Form von Sex außerhalb der Ehe verboten?
Natürlich. Man weiß genau, dass Jungfräulichkeit mehr bedeutet als ein medizinisch intaktes Hymen. Anal- oder Oralverkehr sind auch Sexpraktiken. Das verunsichert, denn die meisten wollen konform mit ihren religiösen Überzeugungen leben. Ist eine Frau bei der Hochzeit keine Jungfrau mehr, ist das eine Katastrophe. Nicht im Kontext von Ehrenmorden, das sind Extremfälle. Das Perfide für Frauen liegt eher darin, dass ihnen der Mann oft nach Jahren, wenn es kriselt, vorwirft: „Wie kann ich dir vertrauen? Du hast ja auch schon vor der Ehe mit mir geschlafen.“

Das arabische Wort nikah bedeutet Ehe und Geschlechtsverkehr zugleich. Das ist, nun ja, ziemlich vielsagend.
Im Islam wird Sexualität in geordnete Strukturen kanalisiert, die Ehe ist das Fundament der arabischen Gesellschaft. Sex ist erst nach der Hochzeit erlaubt. Viele junge Paare können es sich aber selbst nach dem Studium nicht leisten zu heiraten. Das hat tiefgreifende Konsequenzen, vor allem Männer setzt es enorm unter Druck: Wie beweist man, nach konventionellen Vorstellungen ein richtiger Mann zu sein, wenn man wie ein Jugendlicher bei den Eltern wohnt? Aber auch die Ehe ist – gerade für Frauen – kein Garant für sexuelles Glück. Nein, viele Frauen fühlen sich einsam und unverstanden. Es gibt kein Vorspiel und wenig Romantik. Und wenn Frauen Wünsche äußern, kann das falsch interpretiert werden. Der Mann könnte sich fragen: Wie kommt sie jetzt auf solche Ideen? Um ihre Lust subtiler zu zeigen, tragen viele deshalb raffinierte Dessous.

Wenn Muslime in Länder wie Deutschland ziehen, verändert das ihre Einstellung?
Studien zeigen, dass schon innerhalb einer Generation eine Annäherung stattfindet, wenn es um persönliche Freiheit, Bildung und Politik geht. In Bereichen wie Sex, Ehe und Familie dauert es länger, bis sich etwas ändert. Besonders Männer verharren in alten Strukturen.

Die Übergriffe von Köln sind in Deutschland noch sehr präsent, Flüchtlings­ gegner machen sich das zunutze, um die Angst vor dem Fremden zu schüren. Keine Religion ist mit so vielen Vor­ urteilen behaftet wie der Islam.
Wir können unsere Einstellung nur ändern, wenn wir versuchen zu verstehen, wie sie zustande kommt. Wir müssen den Dialog suchen – auf beiden Seiten. Oft stellt man dann verwundert fest: In vielen Dingen denken wir ähnlich.

Was hat unser Sexleben mit diesem gegenseitigen Verständnis zu tun?
Sex ist wie ein Vergrößerungsglas, durch das ich Zustand und Entwicklung einer Gesellschaft betrachten kann. Was in den Schlafzimmern der Menschen vor sich geht, reflektiert gut, was außerhalb ihrer kleinen privaten Welt passiert.

Ist eine sexuell liberale Gesellschaft gleichzeitig auch demokratischer?
Indien ist die größte Demokratie der Welt und Frauen haben dort in puncto Sexualität die gleichen Probleme wie die, die ich auf meinen Reisen von Kairo über Marokko, Tunesien, den Libanon bis zu den Golfstaaten getroffen habe. Politische Freiheit ist unbedeutend, wenn man sie nicht im Alltag verankert.

Ist der Koran per se antifeministisch?
Nein. Weibliche Sexualität wird hier sehr offen thematisiert. Der Koran sieht Frauen nicht als passive Wesen. Mohammeds erste Frau Khadija war 14 Jahre älter und Geschäftsfrau. Sie war sein Fels, behielt die Nerven und unterstützte ihn, als er durch seine Visionen völlig verunsichert war. Der Prophet sprach über Empfängnisverhütung, außerdem finden sich Passagen über potenzsteigernde Mittel, um der Lust der Frau gerecht zu werden. In der Scharia ist Impotenz ein Scheidungsgrund – und Männer haben große Angst, ihre Frauen nicht befriedigen zu können.

Warum wird die weibliche Lust dann immer noch so brutal unterdrückt, etwa durch Beschneidung? Genitalverstümmelung zur Kontrolle der weiblichen Sexualität ist ein Brauch, der bis in die Pharaonenzeit zurückreicht. Die Entscheidung treffen Mütter und Großmütter bis heute zum vermeintlichen Wohl ihrer Töchter: Übermäßige Lust könnte die Ehe der Mädchen gefährden. Und geschiedene Frauen haben es wie unverheiratete nach wie vor sehr schwer in der Gesellschaft. Seit 2008 ist Beschneidung in Ägypten verboten und es gibt viele Organisationen, die zeigen, dass Aufklärung selbst tausendjährige Überzeugungen ändern kann.

67 Prozent der jungen Ägypterinnen sind immer noch beschnitten.
Vor 20 Jahren waren es 95 Prozent.

Trotzdem: Frauen scheinen noch einiges zu tolerieren.
Eine Umfrage der Uno ergab, dass 99 Prozent aller Ägypterinnen schon mal sexuell belästigt wurden. In vielen arabischen Ländern wird ein Mann, der eine Frau vergewaltigt, strafrechtlich nicht verfolgt, wenn er sein Opfer danach heiratet. Befragt man Frauen, hält der Großteil das für eine ziemlich gute Idee.

Gibt es keinen Weg, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen?
Gewalt gegen Frauen ist ein weitverbreitetes Phänomen in der arabischen Welt. Frauen werden dazu erzogen, sich damit abzufinden. Hotlines, Frauenhäuser, psychologische Beratungsdienste – es gibt immer mehr Versuche, um aus dem Teufelskreis auszubrechen. Aber auch die Frauen müssen umdenken. Wieso fühlen sich Männer überlegen? Es sind oft die Mütter, die ihre Söhne anders erziehen als ihre Töchter. Mädchen erleben viele Einschränkungen im Alltag. Hier beginnt die Ungleichheit.

Sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch, was die Emanzipation in der arabischen Welt angeht?
Es wird dauern. Man sollte nichts erzwingen, wenn man langfristigen Wandel anstrebt. Die sexuelle Revolution im Westen ist nach der Aufklärung in Europa auch nicht wie ein Hubschrauber senkrecht gestartet. Das war eher eine gigantische Transportmaschine, die eine lange Startbahn brauchte. Und bevor der Transporter abhob, hatten wir wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wandel. Vielleicht steuern wir dasselbe Ziel an. Wie wir dahin kommen? Vielleicht auf einer völlig anderen Route.