Siargao auf den Philippinen

Reif für die Insel

Unsere Autorin Ina Küper-Reinermann hat vor fünf Jahren Siargao auf den Philippinen für sich entdeckt – und prompt ein Grundstück gekauft. Auswandern? Nicht ausgeschlossen.

Veröffentlicht am 08.01.2017
Ausschnitt der Siargao Strände.

Dass die Philippinen als Karibik Asiens gelten, hat Gründe. Auch an Siargaos Stränden entstehen 1a-Angeberfotos.


Es gibt da diesen Moment, in dem sich Siargao-Touristen in Siargao-Enthusiasten verwandeln. In dem sie alle bisherigen Lebenspläne überdenken und in Betracht ziehen, länger zu bleiben. Lange. Vielleicht für immer. Wenn die Sonne in der Philippinensee versinkt und die winzigen vorgelagerten Eilande in ein warmes Licht taucht, die letzten Surfer ihre Bretter aus dem warmen Wasser ziehen, Bierflaschen ploppen und gegrillter Fisch auf Bananenblättern dampft, kommt jede Hilfe zu spät. Dann wird die Insel im Südosten der Philippinen endgültig zum Sehnsuchtsort. Das Inselfieber grassiert. Meines setzte vor fünf Jahren ein, als uns Freunde von einem unentdeckten Surf-Spot erzählten, über den online kaum etwas zu finden war.

Der Beginn der Insel-Liebe

Mein Mann, Sohn einer philippinischen Mutter, und ich hatten schon viele gemeinsame Ferien in seinem Heimatland verbracht. Den Traum, irgendwo ein Stück Land, einen Anteil am Paradies zu kaufen, hatten wir schon länger. Aber kein Ort, kein noch so bildschöner Strand oder Palmenhain hatte sich fest genug in unser Herz gebrannt. Als wir uns 2012 im Anflug auf Siargao (gesprochen Schargao) befanden, dämmerte uns, dass wir fündig geworden waren: Das grünste Grün überzieht Siargaos Hügel und Täler, wuchert vom Zentrum der Insel bis zu den Küsten und sogar darüber hinaus. Dahinter nichts, außer dem Meer, das zwischen Marineblau und leuchtendem Türkis changiert. In dem winzigen Flughafenterminal ist am Gepäck ersichtlich (das landet hier auf keinem Band, sondern wird von Hand in die winzige Ankunftshalle geschleppt), wer hierherkommt: abgewetzte Rucksäcke und Surfboard-Taschen, hin und wieder ein Luxuskoffer. Siargao lockt vor allem Backpacker und Wassersportler, aber auch Jetsetter, die von dieser Insel gehört haben, die an Bali oder Hawaii erinnert – bevor die Menschenmengen kamen.

Ina Küper-Reinermann mit ihrer Tochter auf dem Fahrrad.

Auf Hochtouren: unsere Autorin mit Tochter Marla.


Ein Dutzend Vans und ein paar Motorrad-Taxis, sogenannte habal-habals, bringen Reisende in den Südosten der Insel, wo sich Cloud 9, die berühmteste Welle Siargaos, bricht. Rund um das Fischerdorf General Luna, kurz GL, spielt sich ab, was touristisch relevant ist: Surfcamps, Ferienhäuser, Restaurants und Bars. Die Fahrt dorthin könnte für mich ewig dauern: Ein zweispuriger Highway schlängelt sich durch den Urwald und streift dabei Landschaften, die so unwirklich schön sind, dass man sie mit einer Empire-of-the-Sun-Compilation unterlegen möchte – und doch vor Demut verstummt: einsame Reisfelder, über denen weiße Kraniche kreisen, Dschungeldickicht und schattige Alleen aus Mangobäumen wechseln sich mit lebhaften, bunten Dörfern ab. Hunde, Schweine, Wasserbüffel dösen am Straßenrand. Im Off: hupende Mopeds, lärmende Karaoke-Maschinen und lachende Kinder. Siargao ist nicht überall leise, aber flächendeckend freundlich. So freundlich, dass einem regelmäßig warm ums Herz wird. „Hello, my friend!“ gehört hier zum guten Ton und ist, entgegen aller Befürchtungen, nett gemeint. Abzocke? Nepp? Aufdringliche Händler? Haben hier (noch) Seltenheitswert. Wie neu der Tourismus für die Insulaner ist, merkt man wohl auch daran.

Die perfekte Welle

In und um General Luna hat man sich an Gäste gewöhnt. Vor rund dreißig Jahren stießen die ersten Surfer auf das verschlafene Küstenörtchen und seine Wellen. Man sagt, dass sie das Wasser nur verließen, um sich mit „Cloud 9“-Schokoriegeln bei Kräften zu halten – und den Ort auf eben diesen Namen tauften. Surfen ist seitdem Inselsport. Und Philosophie. Die vier Kilometer lange Tourism Road, die GL mit Cloud 9 verbindet, wird von langhaarigen, braun gebrannten und Bretter schleppenden Menschen aus aller Welt bevölkert – Frauen in Flip-Flops, Männern in Badeshorts. Wenn es auf Siargao einen Dresscode gibt, dann diesen: Entspann dich! Missoni-Kaftane? Keilabsätze? Donut-Schwimminseln? Fehlanzeige. Was nicht heißen soll, dass Design hier keinen Platz hat. Neben den altbekannten Backpacker-Unterkünften eröffnen immer mehr Boutique-Resorts und stylishe Cafés und Bars. Vor „Laida’s“, einer rustikalen Barbecue-Bude, sitzt man auf ausgeblichenen Plastikstühlen, nebenan, im „Kalinaw Resort“, auf Dedon-Möbeln. Die Insel hat auch eitle Seiten, aber offensichtliches Hipstertum ist verpönt. Also, was tun, wenn sehen und gesehen werden nicht auf der Tagesordnung steht?

Mein perfekter Siargao-Tag geht so: früh aufstehen (lohnt sich!), unter Palmen frühstücken, ein paar Bahnen im Pool ziehen, treiben lassen. Wer Siargao erleben und leben will, macht am besten wenig Pläne – und verlässt sich auf die Gezeiten. Bei Ebbe hält die Insel Ruhe, sobald die Flut einsetzt, werden Motorräder angeschmissen und rostige Fahrräder auf die Straßen geschoben. High tide is surf time. Man trifft sich am Boardwalk, einem langen Holzsteg, der ins Meer ragt und Flaniermeile für Wellenreiter und Beobachter ist. Am Ende des Stegs sitzt oder steht man, lässt sich vom Wind die Tropenhitze austreiben, schaut stundenlang aufs Meer oder rollt die Yogamatte aus. Wenn der Wasserstand wieder abnimmt, knurrt schon der Magen. Unsere Mittage enden oft im „Café Loka“, das die besten Säfte und Ananas-Muffins serviert und von zwei Inselberühmtheiten gemanagt wird: von Hippie, einer Exil-Britin, und Susan, Mitbesitzerin des „Sagana Resort“, einer der ältesten Unterkünfte am Platz.

Cola-Flaschen gefüllt mit Benzin.

Zeit an Land zu gehen: In den Tropen versinkt die Sonne schon früh abends im Meer.


Das Lebensgefühl

Überhaupt, Siargaos Menschen. Ohne sie wäre dieser Ort wohl nur halb so magisch. Die Mischung aus locals und Zugezogenen aus allen Himmelsrichtungen ist einzigartig. Und wer, wie die allermeisten, öfter als einmal kommt, träumt früher oder später davon, in die ultimative Urlaubsverlängerung zu gehen. Auch wir tun das. Und haben uns ein Grundstück zugelegt. Alles darauf wuchert: große Pflanzen, große Pläne. Eines Tages soll auf unserem dunkelgrünen Hügel mit Mangroven-Blick ein Häuschen stehen. Bis es so weit ist, hoffen wir, dass sich die Insel treu bleibt. Die Chancen stehen nicht schlecht, Siargao dürfte nicht jedem gefallen. Wer Badestrände sucht, muss eine fünfzehnminütige Bootsfahrt zu einer der vorgelagerten Inseln in Kauf nehmen. Siargaos Küste ist steinig und an vielen Stellen so flach, dass Schwimmen nur bedingt möglich ist. Infrastruktur? Fehlanzeige. Auch wer schlecht auf Komfort verzichten kann, wird hier nicht glücklich. Im Stillen hofft hier jeder, dass nicht allzu viele Menschen diesen Ort entdecken – und posaunt trotzdem in die Welt hinaus, wie großartig er ist. Mit Siargao verhält es sich so ähnlich wie mit einer heimlichen Affäre: Niemand soll wissen, wie verliebt man ist. Aber Dichthalten fällt verdammt schwer!

Mein Siargao-Herz schlägt nachmittags am lautesten. Zwischen 16 und 17 Uhr, wenn sich Sonne und Mond auf halber Strecke treffen, versinkt die Insel in einem Licht aus Rot und Orange. Pünktlich zur „Mango Hour“ schwinge ich mich barfuß aufs Fahrrad und radle durch den Dschungel. Hier und da brechen letzte Sonnenstrahlen durchs Palmendach und sehen aus wie Scheinwerfer. Recht haben sie. Denn dieser Ort verdient eine Bühne.

Palmenlandschaft Siargaos.

Den Dschungel vor lauter Palmen nicht sehen: Siargaos Landschaften sind vielerorts spektakulär unberührt.


Siargao für Einsteiger

Ankommen

Airlines wie Cathay Pacific oder Emirates fliegen von Deutschland nach Cebu, Flugzeit 18 Stunden. Mit Cebu Pacific in 50 Minuten nach Siargao.

Trocken bleiben

Zwischen Dezember und Februar verwandeln sich Siargaos Straßen in Wasserwege. Trockene Füße behält man von April bis Oktober.

Ausruhen

Einfach und entspannt:
Die Beach-Bungalows der deutsch geführten „Siargao Inn“ – eine Institution. Ab
40 Euro pro Nacht (siargao-inn.com).

Komfort:
„Kalinaw Resort“, eine Design-Oase der Exil-Pariser Fred und Pierre. Ab 185 Euro (kalinawresort.com).

Luxus:
„Dedon Island“, das weltweit einzige Resort des noblen Outdoor-Möbel-Giganten Dedon. Preis auf Anfrage (dedonisland.com).

Essen

Das „Harana Surf Resort“ serviert die besten philippinischen Gerichte (haranasurf.com). Das „Kermit Surf Resort“ ist berühmt für Pizza und Pasta (kermitsiargao.com), Davide, Besitzer des „Kawayan Resort“, garantiert französisches Fine Dining (kawayansiargao resort.com) und Alon, Inhaber der „Villa Maya“, tischt Gerichte aus seiner Heimat Israel auf (siargaovilla.com).

Ausgehen

Nightlife bedeutet auf Siargao: Livemusik. Mehrmals die Woche veranstaltet irgendwer irgendwo ein Open Mic. Bei kaltem Bier und mit Blick in den Sternenhimmel klingt jedes Ben-Howard-Cover besser als das Original.

Erleben

Siargaos Wellen sind für Profi-Surfer und Anfänger geeignet. Einfacher bewegt man sich per Stand-up-Board fort. Dako, Guyam und Naked Island, drei vorgelagerte Inseln, erfüllen den Traum vom einsamen Postkartenstrand. Ein Muss: Paddeltour durch die Mangroven und per Motorrad oder Fahrrad um die Insel.