Siddhartha Mukherjee und Sarah Sze

IQ and the City

Er revolutioniert die Krebsforschung, sie den Kunstmarkt: Warum Siddharta Mukherjee und seine Frau Sarah Sze gerade von New Yorks intellektueller Elite gefeiert werden.

Veröffentlicht am 04.09.2017
Sarah Sze und Siddhartha Mukherjee

Bevor er sich in seine Frau verliebte, verknallte er sich in ihre Kunst: Pulitzerpreisträger Siddhartha Mukherjee und Küstlerin Sarah Sze, denen gerade ganz New York zu Füßen liegt. 


Im Flatiron District, mitten in Manhattan, gibt es ein Paar, das ein bisschen anders ist als andere Pa­are. Okay, Siddhartha Mukherjee lebt mit seiner Frau Sarah Sze, den beiden  Töchtern Leela, 11, und Aria, 7, sowie Hündchen Ginger in einem Apartment wie zigtausend andere New Yorker auch. Aber es gibt einen Grund, warum die beiden gerade als „schillerndstes Paar der Stadt“ gefeiert werden (obwohl sie sich nicht mal an das genaue Datum ihrer Hochzeit erinnern können). Sie betreiben, wie es scheint, ein Experiment der ganz besonderen Art, nämlich: Wie kann man die 24 Stunden, die so ein gewöhnlicher Tag nun mal leider nur hat, mit den besten und intensivsten Erfahrungen füllen?

Siddhartha Mukherjee, 46, aufgewachsen in Neu-Delhi, ist Mediziner und Bestsellerautor. Für sein Buch über Krebs, „Der König aller Krankheiten“, erhielt er 2011 den Pulitzerpreis. Gattin Sarah Sze (gesprochen: Siii), 48, ist Künstlerin. Vor vier Jahren vertrat sie die USA bei der Biennale in Venedig; inzwischen werden ihre Werke auf dem Kunstmarkt für sechsstellige Beträge gehandelt. Kennengelernt haben sich der Harvard-Stipendiat und die Tochter eines Architekten aus Shanghai und einer amerikanischen Lehrerin in Boston; Sarah war gerade mit dem „Genie-Preis“ der MacArthur-Stiftung ausgezeichnet worden. Ihre Ehe? Ein Geniestreich beiderseits, denn einen passenderen Partner hätte keiner von ihnen finden können.

Berühmt sind die zwei weit über die Intellektuellenszene hinaus. Gerade ist sein zweites Buch erschienen: der 768-Seiten-Wälzer „Das Gen“, in dem er Familien- und Kulturgeschichte, Wissenschaft und Soziologie verknüpft, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen: Ist unser Leben vorbestimmt? Dass er sich mit Genetik beschäftigt, hat auch einen persönlichen Hintergrund: In ­seiner Familie gibt es Fälle von Schizophrenie und Depressionen. Er wollte herausfinden, ob und unter welchen Umständen die Veranlagung an die nächste Generation weitergegeben werden könne. Anfangs, sagt er, sei es ihm schwergefallen, mit seiner zukünftigen Frau über das Thema zu sprechen. Aber die Angst, eines seiner Kinder könnte etwa an Schizophrenie erkranken, gab dann den Impuls, sich intensiv mit dem Einfluss der Chromosomen auseinanderzusetzen. Ein persönlicher Befreiungsschlag für den indisch-amerikanischen Forscher, denn heute weiß er: „Das Leben ist keine medizinische Feldstudie.“

Dr. Cool: Siddhartha Mukherjee gilt als Hoffnung in der Krebsforschung. 


Keine Zeit zum Faulenzen

Sarah Sze hat sich währenddessen mit ihren Installationen wie zuletzt im U-Bahn-Schacht der Sec­ond Avenue und im High Line-Park ­einen Namen gemacht: Nicht nur ­Kunstexperten, auch Passanten lieben die filigranen Konstruktionen aus Metall, Papierschnipseln, Allerweltskrimskrams. Das Power-Pärchen ist so begehrt, dass sich die Einladungen für Kunst-, Glamour- und Wissenschafts-Events stapeln. Allerdings stehen die Chancen für eine Zusage eher schlecht. Er hat seine E-Mail-Antwort inzwischen auf entsprechende Anfragen automatisiert: „Sorry, keine Zeit.“ Kaum vorstellbar, dass die beiden jemals mit Kartoffelchips und Rotwein auf dem Sofa abhängen: Ihre Tage sind so durchgetaktet mit Terminen, Verpflichtungen und selbst auferlegten Missionen, dass man das Gefühl hat, fast treibe sie die Angst vor Vergeudung ihrer so famos schnurrenden Hirnzellen um. Immerzu müssen sie nachdenken, planen, entwerfen.

Vor einem Jahr startete Siddhartha Mukherjee seine eigene Biotech-Company zur Entwicklung künstlicher Immunzellen; die neue große Hoffnung in der Krebstherapie. Denn obwohl hochdekorierter Autor, ist der Mann mit dem telegenen Lächeln auch Professor für Onkologie an der Columbia-Universität in New York und arbeitet als Internist an der Uniklinik. „So brillant“, wehrt er ab, „ist unser Alltag gar nicht. Wir versuchen auch nur, irgendwie alles zu regeln.“ ­Tiefer stapeln geht kaum.

Wie dieser Alltag konkret aussieht? Morgens setzt Siddhartha die eine Tochter in den Schulbus, die andere wird nach Downtown gefahren. Dann kurvt er zurück zur Wohnung, packt die Gattin ein und setzt sie entweder in ihrem Studio im Stadtteil Hell’s Kitchen ab oder nimmt sie mit zum Columbia-Campus, wo sie zweimal die Woche als Kunstprofessorin unterrichtet. In ihrer Werkstatt warten immer vier, fünf Projekte auf Vollendung: großflächige, schwerelos scheinende Objekte, zusammengefriemelt aus Hunderten Einzelteilen, von Eierkartons über Aspirintabletten bis hin zu Bordkarten, mit denen ihr Mann kurz zuvor noch geflogen ist. 

Die Kunstobjekte von Sarah Sze werden mit sechsstelligen Beträgen gehandelt.


Wissenschaft als Religion 

Kürzlich gaben die beiden ein seltenes gemeinsames TV-Interview über ihre Arbeit und parierten die Frage der Moderatorin, ob sie eigentlich überhaupt noch Zeit für ihre Kinder hätten, mit einem erstaunlichen „Na klar“. Er gehe mit den Mädchen gern ins Museum, ­erzählt er, besonders sonntags, „das ist unsere Art des Kirchgangs“. Anschließend fällt die Familie beim Japaner ein und stromert dann durch New Yorks Buchhandlungen. Alle sind sie Leseratten. „Sie sollten mal unsere Wohnung sehen, überall Bücherstapel“, erzählt Sarah vergnügt. Und erst wenn die Töchter alt genug seien, George Orwells „1984“ zu lesen – das gemeinsame Lieblingsbuch der Eltern –, bekämen sie ein Smart­phone und dürften auf Facebook. 

Als hätten sie nicht genug Talente, kochen „Sid“ und Sarah auch noch gern und gut. Einen Teil der Zutaten zieht Siddhartha auf der eigenen Dachterrasse, Basilikum und Koriander wachsen dort zwischen Hyazinthen und Tulpen; das Gärtchen mit Hochbögen und verschlungenen Pfaden hat er, logisch, selbst entworfen. Alle vier Wochen lädt das Paar Gäste ein, oft über 70 Leute. Dann wird der Hausherr ehrgeizig und schmeißt Fünf-Gänge-Menüs, und beim Abräumen der leeren Teller mischt er sich ein in die Debatten über neue Künstler im Whitney Museum oder einen Durchbruch in der Autoimmuntherapie. Zu diesen Dinnerpartys kommen Schriftsteller wie Zadie Smith, Künstler, Sammler, Naturwissenschaftler – ein ethnisches und kulturelles Potpourri, wie man es vermutlich nur in New York erleben kann. 

Zusammengebracht hat die beiden eine gemeinsame Bekannte, die Mukherjee von der Uni kannte und die als Sarahs Assistentin arbeitete. Sarah kann sich nicht mehr an die Details erinnern, sie weiß nur, dass eines Abends dieser Mann bei ihr im Auto Platz nahm und sich das ganz normal anfühlte. Siddhartha sagt, er habe sich vor Sarah schon in ihre Kunst verknallt: Als Doktorand in Harvard habe er eine ihrer Ausstellungen besucht und konnte die Augen nicht davon abwenden, sagt er: „Ihre Sachen sind wie der Taj Mahal, jedes Mal wenn man ihnen gegenübersteht, sieht man sie wieder neu. Sie lösen so viele Emotionen aus.“

Ein etwas anderer Sex-Appeal 

Perfekt sei ihr Leben aber keinesfalls, meint Siddhartha. Zuweilen stapelten sich unbezahlte Strafzettel auf seinem Schreibtisch. Man müsse halt Prioritäten setzen. Sarah lächelt still, wenn er so redet. Sie sind beide ernsthafte Menschen, frei von Taktlosigkeit und Zynismus. Sarah, die in Yale und an der New Yorker School of Visual Arts studiert hat, sagt, ihr Vater habe ihr eingeschärft: Du kannst machen, was du willst, aber mach es hervorragend. Mittelmaß turnt sie ab, Oberflächlichkeit lässt sie kalt, und nichts findet sie so scharf wie den Verstand ihres Mannes.

„Er ist so unglaublich beweglich im Kopf“, schwärmt sie. „Wenn ich in seinen Manuskripten etwas kritisiere, schreibt er blitzschnell alles um.“

„Sie überrascht mich immer wieder“, sagt er. „Sie macht das Alltägliche be­sonders.“

Mit ihren fast immer zum lockeren Dutt gesteckten dunklen Haaren und den hohen Wangenknochen sieht Sarah Sze aus wie eine ihrer Studentinnen. Sonntagabends, wenn ihr Mann noch eine Runde joggen geht, macht sie Yoga. 2008 ließ sie sich für eine Gap-Kampagne zugunsten des Whitney Museums in einem selbst entworfenen T-Shirt fotografieren – sie sah aus wie ein Model. Keine Frage, von diesen beiden geht ein exotischer Sex-Appeal aus. Aber während es am Anfang ihrer Beziehung ganz schön heiß hergegangen sein muss, spürt man heute andere Vibes, eine tiefe intellektuelle Liebe – und die nützt sich bekanntlich nicht so schnell ab.

Da haben die beiden Töchter Fortune gehabt. Denn Gene, sagt ihr Daddy, sind nicht alles. Glück muss man haben – und zwar immer um sich rum.

Siddhartha Mukherjees neuestes Buch: "Das Gen - eine sehr persönliche Geschichte". 


Hinweis: Am 14. September eröffnet Sarah Sze ihre Installation "Centrifuge" im Münchner Haus der Kunst. Die Ausstellung läuft bis zum 12. August 2018 und ist die fünfte Ausgabe der Serie DER ÖFFENTLICHKEIT – VON DEN FREUNDEN HAUS DER KUNST.