Brustvergrößerung

„Jeder hat das Recht, seinem Leidensdruck nachzugeben“

Sie war eine der ersten Frauen, die sich schon Anfang der 1980er-Jahre Silikonimplantate in die Brust einsetzen ließ. Ein Gespräch über Mut, Schönheit – und Sondermüll.

Veröffentlicht am 21.02.2017
Eine der ersten Frauen, dich sich Silikonimplantate einsetzen ließ.

Die heute 62-Jährige lebt am Ammensee und möchte anonym bleiben.


Schönheits-OPs waren 1980 noch nicht so verbreitet. Was hat Sie damals zu diesem Schritt bewogen?
Meine Brüste sahen immer aus wie zwei leere Tütchen: länglich und schmal. Um das zu kaschieren, habe ich oft Halterneck getragen und mich so gut wie nie nackt gezeigt.

Nicht mal beim Sex?
Da habe ich einfach oft mein Unterhemd angelassen. Meine Freunde hatten allerdings nie ein Problem mit meinem Busen.

Und trotzdem wollten Sie ihn verändern?
Weil ich wusste, dass das keine dauerhaften Beziehungen waren, keine, die bleiben. Für den Mann, der mich einmal heiraten würde, wollte ich schön aussehen – schließlich würde der mich jahrzehntelang ansehen. Und ich wollte auch nicht mit einem Makel leben, der sich beheben lässt. Also habe ich mit 26 Jahren gedacht: Jetzt muss etwas passieren!

An wen haben Sie sich damals gewendet?
Ich bin zu einem Vertrauensarzt gegangen, der auch Gutachten für Krankenkassen erstellt hat. Meine Mutter hat mich begleitet. Bei der Untersuchung saß ich dann zwei Männern und einer Frau gegenüber und sollte die Arme heben und zur Seite strecken. Meine Brüste hingen herunter wie Fuchsschnauzen. Daraufhin haben mir die Ärzte eine Klinik empfohlen. Die Kosten, 5000 Mark, übernahm die Krankenkasse.

Wie haben Sie die Operation erlebt?
Zuerst kam der Operateur immer mal wieder vorbei, schaute sich meinen Busen an und markierte mit einem Stift die Schnittführung. Da wurde mir erst bewusst, dass der Eingriff noch nicht zur Alltagsroutine gehörte. Das hat mich nervös gemacht. Ich wollte, dass es endlich vorbei ist. Dann lag ich stundenlang vor dem OP-Saal, in dem noch operiert wurde, und dachte, ich flüchte gleich im Hemd auf die Straße, solche Angst hatte ich. Ich hatte noch kein Beruhigungsmittel bekommen und mir fehlte jemand, der meine Hand hielt. Erst kurz vor der Operation wurde ich sediert. Den Schnitt haben die Ärzte in der Brustfalte unter dem Busen gemacht. Ein weiterer Schnitt ging von unten hoch bis zum Vorhof und um den Vorhof herum. Auf der einen Seite kamen 150 Gramm rein und auf der anderen 100. Das habe ich allerdings alles erst später erfahren. Aufgewacht bin ich in einem Achtbett­zimmer. Ich hatte unglaublichen Durst, durfte aber erst mal nichts trinken. Au­ßerdem war eine meiner Hände fixiert, damit ich mir die Kanüle nicht heraus­ ziehe.

Wie lange lagen Sie insgesamt im Krankenhaus?
Zwei Wochen, mindestens eine davon, wie es damals hieß, zur postoperativen Beobachtung. Es mussten ja auch Fäden gezogen werden. Nach zehn Tagen haben die Ärzte erstmals die Bandagen abge­nommen – nach heutigem Standard pas­siert das schon am nächsten oder über­nächsten Tag. Wir haben damals zu acht auf meinen Busen geguckt und festge­stellt: Aha, so sieht der jetzt also aus. Ein fester, schöner Busen. Ich mochte ihn sofort.

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?
Mein damaliger Freund war entsetzt. Er guckte mich an, als sei ich ein völlig an­derer Mensch geworden. Obwohl ich toll aussah, war ich ihm fremd. Wir haben uns bald darauf getrennt.

Und, waren Sie ein anderer Mensch?
Vielleicht. Ich habe mich richtig gut ge­fühlt, war stolz und selbstbewusster. Plötzlich konnte ich Tops ohne BH an­ ziehen, was früher unmöglich gewesen wäre. Meine Brüste hätten sich darin irgendwo verlaufen (lacht).

Haben Sie dann auch den Mann kennengelernt, der bleiben sollte?
Ja, drei Jahre später, auf einer Silvester­party. Ich saß neben ihm und wusste sofort, das ist er. Er schob mir seine Vi­sitenkarte zu, auf der stand: Ich glaube, ich liebe dich. Wir haben im darauffol­genden August geheiratet.

Haben Sie ihm von Ihrer OP erzählt?
Erst viel später, ihm waren die Implan­tate gar nicht aufgefallen. Überhaupt wundert es mich, dass mich niemand auf die Narben angesprochen hat, denn im Liegen hätte man die sehen können. Sie waren aber nie ein Thema.

Auch nicht unter Freundinnen?
Doch, schon. Ich hatte ihnen von der Operation erzählt, und sie wollten mei­nen neuen Busen natürlich sehen. Ich er­innere mich, dass sie damals sagten, dass sie sich das selber nie getraut hätten und dass sie mich schön und mutig fanden.

Sind Sie eine Schönheitspionierin?
Ach, ich würde längst nicht alles auspro­bieren. Aber ich bin ein kommunikativer Mensch, hatte beruflich immer mit vie­len Menschen zu tun, und da war es mir wichtig, dass man mich gern anschaut. Deshalb lasse ich mir meine Falten un­terspritzen, die Zähne aufhellen, ich pflege mich eben.

Vor zwei Monaten haben Sie die Implantate nach 36 Jahren entfernen lassen. Sie hatten eine Kapselfibrose.
Ja. Das erste Mal haben sich meine Brüs­te schon sechs Wochen nach der OP verhärtet. Daraufhin wurde die Verkap­selung von meinen Ärzten mehrmals im Jahr mit der Hand gesprengt. Sie haben sie zwischen ihre Handballen genommen und zugedrückt, das hat richtig ge­knackt. Danach war mein Busen immer wieder für eine Zeit lang weich. Das war zwar lästig, hat mich aber nicht wirklich gestört.

Warum dann die zweite Operation?
Meine Implantate sind schon vor einiger Zeit verrutscht. Sie waren seitdem ober­halb des Busens sichtbar und hart wie Tennisbälle. Dazu kam die Angst, dass sie nach so langer Zeit auslaufen oder es sich entzünden könnte. Kapselfibrose wird in vier Stufen eingeteilt, ich hatte Stufe 4.

Hat Ihr Mann die Verkapselung auch wahrgenommen?
Ich glaube schon, wir haben nicht da­rüber gesprochen. Als ich ihm mitteilte, dass ich die Implantate rausnehmen und den Busen straffen lassen möchte, war es ihm wichtig, dass ich das aus medizinischen Gründen mache und nicht aus ästhetischen. Er hat sich Sorgen gemacht. Ich habe den Eingriff so lange hinausgezögert, weil ich nicht wusste, was dann von meinem Busen übrig bleibt.

Die Angst war unbegründet.
Ja, und die zweite Operation war ein Klacks im Vergleich zur ersten. Ich be­kam ein Beruhigungsmittel und nach zweieinhalb Stunden war alles vorbei.

Finden Sie Ihren neuen Busen schön?
Mittlerweile ja, obwohl er mir ohne die Implantate zuerst fremd war. Es hat sechs Wochen gedauert, bis wir wieder vertraut miteinander waren und ich ihn als mei­nen akzeptiert habe.

Haben Sie sich von Ihren Implantaten verabschiedet?
Meine Ärztin hatte Fotos von ihnen ge­macht und sie mir gezeigt. Sie waren verschrumpelt und hatten nur noch we­nig mit dem prallen Ausgangsmaterial gemeinsam.

Aha.
Wussten Sie eigentlich, dass Implantate als Sondermüll gelten? Ich frage mich, ob man mit ihnen beerdigt werden darf.

Reden Sie mit Ihren Freundinnen über solche Themen?
Nicht wirklich. Schönheitsoperationen sind bis heute nichts, worüber man ein­fach so spricht. Aber ich stehe zu ihnen und finde, dass jeder das Recht hat, seinem persönlichen Leidensdruck nach­zugeben.

Die heute 62-Jährige wohnt am Ammersee und möchte anonym bleiben.