Liebeserklärung an die Sommersprosse

Und Punkt!

Sommersprossen auf Nase und Körper sind der schönste Nebeneffekt des Sommers. Niedlich? Vielleicht. Vor allem sind die kleinen Punkte aber ein Zeichen von Charakterstärke – und die Stars der Saison.

Veröffentlicht am 27.08.2016


Jetzt, da es der sexistischen Werbung an den Kragen geht und Rasenmäher oder Joghurts nicht mehr mit den Fotos halb nackter, langbeiniger und sich die Lippen leckender Frauen verkauft werden sollen, jetzt ist die Sommersprosse dran. Endlich. Nach all den Jahrzehnten, in denen Sommersprossenfrauen höchstens als niedlich galten, werden sie es nun sein, die in Cabrios sitzen, Männeruhren tragen, die viel zu groß sind für ihre Handgelenke, oder in Baumarkt-Spots die Kreissägen aufheulen lassen. Und jedes Mal wird sich die Kamera auf ihrem Gesicht festsaugen. Man wird die Pünktchen auf ihren Wangen und die Sprenkel rund um ihre Nase sehen, und genau in diesen Augenblicken werden alle den Joghurt, die Männeruhren und die
Cabrios vergessen, weil sie ja doch nur auf die Sommersprossen schauen. Was für eine schöne Frau, werden sie den-
ken, und manche werden sich von der Natur ungerecht behandelt fühlen, weil sie sich mit einem Teint durch die Tage schleppen müssen, auf den sich keine einzige Sprosse je verirrt, nicht einmal im Hochsommer. 

Die Sommersprossenfrau hat es verdient. Viel zu lange musste sie sich in einer Umgebung bewähren, in der für sie nicht wirklich ein Platz vorgesehen war. Das Ideal lautete immer: Homogenität, Porzellan, unbeschriebene Haut. So versuchte sie, sich ihre Sprossen unsichtbar zu schminken oder beim Dermatologen ein für allemal entfernen zu lassen. Sie hatte ja nichts davon, falls sie sich zeigte, wie sie war. Die Jungs im Freibad, die wissen wollten, ob das überall so weiterginge und ob sie nachzählen dürften, waren entsetzlich lästig, und Männern, die sich für sie interessierten, fiel irgendwann ja doch nur dieser langweilige Verschossen-Sommersprossen-Reim ein, den sie schon in der Schule nicht mehr hören konnte. 

Sommersprossen-Heldinnen

Immerhin stählte das ihren Charakter. Frauen mit Sommersprossen müssen einen haben. Wie bei jeder, die ein wenig ungewöhnlich aussieht, neigen die Menschen dazu, nur ihr Aussehen wahrzunehmen – und nicht die Person. Also mussten sie lernen, sich zu behaupten und zu sich zu stehen, für das Selbstwertgefühl. Es gab glücklicherweise auch Heldinnen, die ihr bewiesen, dass man mit Sommersprossen durchkommt. Isabelle Huppert zum Beispiel, ein Gesicht, wie man es nie zuvor im Kino gesehen hatte. Julianne Moore, die sich irgendwann für die Demütigungen ihrer Schulzeit mit einem hinreißenden Kinderbuch revanchierte, das „Freckleface Strawberry“ heißt. Geri Halliwell, nachdem sie aufgehört hatte, ein Spice Girl zu sein und die Streusel in ihrem Gesicht abzudecken. Und Pippi Langstrumpf natürlich, das unbezähmbarste aller Sommersprossenmädchen, das ganz anders aussah als all die anderen Heldinnen, die man sich für Mädchen ausgedacht hat. 

Sommersprossen sind wild und launisch. Sie bringen einem bei, wie dumm die Regel ist, dass man besser nicht auffallen soll. Sie sind eine Geste des Überschwangs. Und sie spotten über die Idee, dass alles immer Sinn und Bedeutung haben soll. Obwohl man natürlich versuchen kann, sie zu lesen, als wären sie Sternbilder, die vom Himmel auf einen Menschen gefallen sind, oder eine Geheimschrift, die noch auf Entschlüsselung wartet, und natürlich kann man auch versuchen, jede einzelne von ihnen zu küssen. Aber man wird dadurch nie das Geheimnis der Sommersprossen kennenlernen. Weil man sich auf dem Weg zu ihnen verirrt: zu einer Frau, die sie mit Stolz trägt. Jetzt kommt ihre Zeit. Endlich.