Soziale Verantwortung

Engagiert euch!

In einer Leistungsgesellschaft scheint soziales Engagement unpopulär. Trotzdem gibt es Menschen wie Anja Winkler, die sich ehrenamtlich um den 96-jährigen Wilhelm kümmert – und davon profitieren beide.

Veröffentlicht am 25.09.2017

Um anderen zu helfen, ist kein Kopfstand nötig - Zuhören reich oft schon.


Manchmal gibt er ihr einen Handkuss und sagt, sie habe schöne Augen. Wilhelm ist Jahrgang 1921 und ein Kavalier alter Schule. Ob aus Dankbarkeit oder weil die guten Manieren so tief in ihm verankert sind, das lässt sich nicht sagen.

Denn Wilhelm ist dement. Er weiß nicht mehr, dass Anja Winkler, die ihn gerade in einem Rollstuhl raus ins sommersonnige Grüne bringt, auch vergangenen Samstag bei ihm war. Wie all die Samstage in den letzten fünf Jahren, jedes Mal für zwei Stunden. „Erst habe ich ihn in seiner Wohnung besucht, seit zwei Jahren komme ich in das Altenheim, in dem er lebt“, sagt die 30-Jährige. Sie liest ihm aus der Zeitung vor, schaut mit ihm Wilhelm-Busch-Bücher an und immer wieder die Fotoalben, die seine verstorbene Frau angelegt hat. Anja Winkler spürt, wie sehr er sie vermisst und dass die Trauer um den Verlust geblieben ist. Ebenso die vagen und düsteren Erinnerungen an schreckliche Kriegsereignisse.

Ansonsten weiß der Medizinprofessor nicht mehr viel von seinem früheren Leben, vom beruflichen Erfolg, von den Reisen in die ganze Welt. Aber er weiß, wie gut es sich anfühlt, wenn Anja Winkler seine Hand hält, wenn sie ihm Bitterschokolade bringt und sich Zeit nimmt, obwohl sie unter der Woche in einer Anwaltskanzlei arbeitet. Seit zehn Jahren kümmert sie sich ehrenamtlich um Senioren. Sie findet, dass sie viel zu geben hätten. Von und mit Wilhelm habe sie gelernt, wie nahe man sich sein kann, wenn man einfach nur still zusammensitzt. Man bekommt viel, wenn man sich für andere engagiert. Familien werden immer kleiner, die Menschen leben immer öfter allein. Inzwischen engagieren sich über 14 Millionen ehrenamtlich in Deutschland, die Zahl wächst.

Durch ihre Besuche bei Wilhelm gewinnt Anja Winkler Zuversicht und das Gefühl, dass wir füreinander verantwortlich sind. Auf ihr eigenes Alter blickt sie seither ganz entspannt.

Sie wollen Ihr soziales Bewusstsein stärken? Hier ist Ihre Aufgabe:
Eine Woche lang täglich eine gute Tat: Man merkt schnell, wie leicht man helfen kann – und wie zufrieden das macht!