Späte Mutterschaft

Ein Baby mit 50?

Die Medizin vermittelt den Eindruck, man könne sich aussuchen, wann man schwanger wird. Doch so einfach ist es nicht. Ethikprofessor Giovanni Maio erklärt, was er Frauen bei der Kinderfrage empfiehlt.

Veröffentlicht am 16.06.2017
Frau mit Kind auf dem Arm.


Herr Professor Maio, Frauen können es doch nur falsch machen: Werden sie jung Mutter, setzen sie berufliche Chancen aufs Spiel. Sind sie älter, handeln sie verantwortungslos …
Und so wird den Frauen die Schuld zugeschoben, obwohl dieses Dilemma durch soziale und wirtschaftliche Verhältnisse begründet ist. Das fängt damit an, dass oft einfach der richtige Partner für dieses Lebensprojekt fehlt, und reicht bis zur Benachteiligung in der Arbeitswelt, wenn man Familie und einen Beruf haben will.

Heute kann man auch mit 50 ein Baby bekommen. Wie sehen Sie die Rolle der Reproduktionsmedizin?
Sie verstärkt genau die Probleme, für die sie angeblich eine Lösung bietet. Und verbaut den Blick darauf, was sich eigentlich ändern sollte, damit Frauen früher Kinder bekommen. Der Preis ist der Eingriff in den Körper, die hohen Kosten und die Enttäuschung, wenn es eben nicht klappt. Das Versprechen, sich aussuchen zu können, wann man schwanger wird, führt letztlich dazu, dass man sich manchmal viel zu viel Zeit lässt.

Erhöhen die vermeintlichen Möglichkeiten den Druck auf Frauen mit Kinderwunsch?
Der Glaube, dass jeder Frau eine Mutterschaft offensteht, ist ein großes Problem. Weil auch die Ärzte die Bewältigung von Kinderlosigkeit gar nicht erst thematisieren. Das ist dann natürlich doppelt hart, wenn es nach sechs, sieben, acht Versuchen mit künstlicher Befruchtung nicht klappt. Die Frauen denken, sie wären selbst daran schuld.

Warum ist Plan B – ein erfülltes Leben ohne Kinder – keine Option?
Die technischen Möglichkeiten haben einen Aufforderungscharakter, aus ihnen entsteht ein Sog der Machbarkeit und viele Frauen schlittern in eine Art Obsession. Man denkt, dass es irgendwie gehen müsste. Beziehungen scheitern, weil es Paare jahrelang versuchen. Am Ende haben sie darunter mehr gelitten, als sie es unter der ungewollten Kinderlosigkeit getan hätten.

Das klingt so, als sei man nur mit Kind eine vollständige Frau …
Die Art, wie die Reproduktionsmedizin dafür Werbung macht, zementiert ein klassisches Familienbild. Ich wundere mich, wie klaglos die Frauen das über sich ergehen lassen. Dass sie denken, ihr Körper sei ihr Bio-Kapital und sie müssten ihm nun ein Kind abtrotzen.

Nun ja, Kinder sind doch etwas ganz Wunderbares.
Deshalb muss man Frauen, die sich Kinder wünschen, das Rückgrat stärken und sagen: Du musst dich widersetzen, auch dem Druck des Funktionierens, und dir deshalb mit 30 klar werden, was dir wichtig ist. Dazu gehört auch, den Mann zu verlassen, wenn er keine Kinder will oder weil man ihn nicht genug liebt, um sich welche von ihm zu wünschen.

Mittels Eizellspende und mit viel Glück kann man inzwischen auch als 60-Jährige noch schwanger werden. Was halten Sie von dieser Option?
Das ist ein Alter, in dem es weder für Männer noch für Frauen zu verantworten ist, Eltern zu werden. Damit überspringt man eine ganze Generation. Das Kind wird einen kaum mehr kennenlernen. Es hat dann eigentlich Großeltern, der Abstand zu seiner Lebenswelt ist einfach zu groß.     

Der Experte 

Prof. Dr. Giovanni Maio, 52. Der Freiburger Medizinethiker plädiert dafür, die Möglichkeiten der Medizin mit Maß und Besonnenheit einzusetzen.     

Porträt Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio.

Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio.