Stressiges Stadtleben

„Einsamkeit ist der größte Stressfaktor“

Hektik, Lärm, Menschenmengen – gefährdet das Stadtleben unsere Gesundheit? Stressexperte Mazda Adli über die Gefahren der Großstadt – und über ihre Vorteile.

Veröffentlicht am 19.06.2017
Frau in der Großstadt.


Herr Adli, Sie erforschen den Zusammenhang von Städten und psychischer Gesundheit. Lebt man dort so gefährlich?
Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, ist bei Stadtbewohnern um das 1,4-Fache erhöht. Auch Schizophrenie und Angststörungen kommen häufiger vor.

Woran liegt es? Lärm, Hektik?
Auch. Gesundheitsrelevant ist aber vor allem der soziale Stress, der durch das Zusammenleben entsteht – also die soziale Dichte einerseits und die soziale Isolation andererseits. Das gilt besonders, wenn man das Gefühl hat, sich diesem Zustand nicht entziehen zu können.

Also wenn ich morgens in der überfüllten U-Bahn stecke.
Die Situation ist unangenehm, aber wenn Sie aussteigen, ist der Spuk vorbei. Problematisch wird es zum Beispiel, wenn Sie in einem Wohnblock in einem Apartment leben, wo Sie durch die Wände Fernsehlärm, laute Musik und die Gespräche der Nachbarn hören, die Sie nicht kennen. Viele Menschen um sich zu haben und sich ausgeschlossen zu fühlen erzeugt ein Gefühl von Einsamkeit – der größte Stressfaktor in der Stadt.

Was hilft?
Ein funktionierendes soziales Netz. Man sollte die Telefonnummern von ein, zwei guten Freunden auswendig können und regelmäßigen Kontakt zu drei, vier weiteren Personen haben.

Sind Singles in Städten besonders stressgefährdet?
Nein, Alleinsein ist nicht dasselbe wie Einsamkeit. Es ist sogar sehr hilfreich, wenn man allein sein kann, ohne sich einsam zu fühlen. Allein sein zu können ist eine elementare Fähigkeit von Großstädtern.

Vielen fällt das schwer …
Dabei kann es Spaß machen. Nehmen Sie sich etwas zu schreiben und setzen Sie sich allein in ein Café. Betrachten Sie die Umgebung. Notieren Sie, was Sie sehen oder wie Sie sich fühlen. Wenn man allein ist, kann man die Umgebung und sich selbst besser beobachten. Dann ist Alleinsein nicht mehr langweilig oder belastend, sondern bewusst gewählt.

Einsam in der Menge – darauf reagiert das Gehirn von Städtern laut einer Studie empfindlicher als das von Landbewohnern. Woran liegt das?
Das hat vermutlich damit zu tun, dass man in der Stadt verstärkt sozialem Stress ausgesetzt ist. Diese Empfindlichkeit des Gehirns bedeutet nicht automatisch, dass etwas nicht in Ordnung ist. Möglicherweise sind die Stressantennen empfindlicher, um mit der höheren Reizdichte in der Stadt besser umgehen zu können, mit den vielen Menschen und dem Verkehr.

Macht einen der Stress in der Stadt auch empfindlicher?
Ja, die Gefühle werden in Stresssituationen wie unter einem Vergrößerungsglas wahrgenommen.

Und deshalb rasten die Leute im Straßenverkehr so schnell aus?
Verkehrsprobleme halten die meisten für die größte Belastung – im Stau stecken, kein Platz in der engen Bahn. Studien zeigen, dass Autofahrer im städtischen Feierabendverkehr einen ähnlichen Stresspegel haben wie Kampfpiloten im Einsatz. Am glücklichsten sind die, die mit dem Rad zur Arbeit fahren oder zu Fuß gehen.

In der Stadt bleiben oder aufs Land ziehen: Was raten Sie Eltern?
Bleibt in der Stadt! Das Aufwachsen dort hat mehr Vor- als Nachteile und bietet mehr Möglichkeiten für die Entwicklung von Kindern. Viele Schulen liegen mehr oder weniger um die Ecke. Bei Fechten, Cello, Akrobatik können die Kinder ihre Talente entfalten, und wie Erwachsene profitieren sie von kultureller Vielfalt und sozialer Diversität. Man nennt das Urban Advantage.

Das Landleben macht also nicht glücklicher?
Nein, für die meisten von uns ist das Stadtleben gut.