Tabuthema Fehlgeburt

Totgeschwiegen

Wenn aus Vorfreude unfassbare Trauer wird: Fehlgeburten passieren häufig, trotzdem redet kaum jemand darüber. Warum ist das immer noch ein Tabuthema?

Veröffentlicht am 18.07.2017
Leeres Kinderbett.


Wer je einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen gehalten hat, weiß, wie sich bedingungslose Mutterliebe anfühlt. Ein Kind muss nicht sichtbar sein, um Herzen zu erobern. Auch Nora W. setzte alle Hoffnungen auf ihr Ungeborenes. Die 31-Jährige und ihr Mann hatten sich dieses Baby sehnlich gewünscht. Der Zeitpunkt? Perfekt. Doch um ein klopfendes Herz auszumachen, sagte man ihr, sei es in der vierten Woche zu früh, die nächste Untersuchung würde aber Klarheit bringen. Die Lektorin hatte sich auf diesen neuen Menschen eingestellt, sie googelte nach Babykleidung und fragte sich, ob das Kleine ihr ähneln würde.

Schockerlebnis Fehlgeburt

„Es tut mir leid, aber da schlägt kein Herz.“ Der Ultraschall sollte eigentlich nur bestätigen, was für sie schon Realität geworden war. Die Schwangerschaft, hieß es, sei „fehlangelegt“, in der Gebärmutter habe sich eine leere Fruchthöhle gebildet, aber kein Lebewesen. Ein sogenanntes Windei, fünf Prozent der Einnistungen verlaufen auf diese Weise – eine seltenere Form der Fehlgeburt. „Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hatte das Behandlungszimmer himmelhoch jauchzend betreten und verließ es am Erdboden zerstört.“

Was blieb, waren Ohnmacht und das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben. Der nächste Schock: Der natürliche Abgang, zu dem ihr die Gynäkologin geraten hatte, scheiterte. „Mein Körper schaffte es nicht, die Fehlgeburt selbst loszuwerden. Ich fühlte mich so nichtsnutzig.“ Nach extrem schmerzhaften Blutungen schabten Ärzte schließlich die Überbleibsel ihrer Schwangerschaft aus. Ein Lebenstraum, im Krankenhausmüll entsorgt.

Wie Nora W. ergeht es nach Schätzungen 15 bis 30 Prozent aller werdenden Mütter. Etwa 80 Prozent aller Aborte passieren vor der 13. Schwangerschaftswoche. Fehlgeburten kommen häufig vor, sind aber noch immer ein Tabuthema. Das bestätigt Dr. Nina Rogenhofer, leitende Oberärztin am Hormon- und Kinderwunschzentrum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Beinahe täglich kämen selbstbewusste Frauen in ihre Praxis, die sich Vorwürfe machten. Sie empfänden nicht nur Trauer, sondern auch Scham.

Ernüchternde Fakten

Dr. Nina Rogenhofer sagt: „In einer Gesellschaft wie unserer, die funktionstüchtiger denn je ist, haben es Frauen nach einem Abort schwer.“ Dabei sei eben diese Gesellschaft, in der beruflicher Erfolg so wichtig ist, auch dafür verantwortlich, dass Paare immer später in die Familienplanung einsteigen – und ein entsprechend höheres Fehlgeburtsrisiko in Kauf nehmen. „Dass sich Frauen vor dem ersten Kind auf ihre Ausbildung oder akademische Laufbahn konzentrieren wollen, ist nachvollziehbar. Aber das rüttelt nicht an den Fakten.“

Die Fakten? Ernüchternd. Ab dem 30. Lebensjahr beträgt das Risiko, einen Spontanabort zu erleben, 17 bis 23 Prozent. Bei 40-Jährigen liegt es bereits bei 35 Prozent, und danach steigt es Jahr für Jahr an. Social Freezing, also das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen, sei laut Nina Rogenhofer ein guter Weg, um dieser biologischen Ungerechtigkeit zu begegnen.

Hoher Zeit- und Erwartungsdruck

Warum ein Embryo nicht lebensfähig ist, lässt sich nicht immer aufklären. Vor allem zu Beginn einer Schwangerschaft kann viel schiefgehen. Genetische Defekte, Fehlbildungen der Gebärmutter, Probleme mit der Plazenta oder hormonelle Störungen sind nur einige von vielen möglichen Ursachen. Nicht selten, so Dr. Nina Rogenhofer, kämen Paare mit Ordnern voller Unterlagen. Ärzte, die nicht weiterhelfen können, würden im Eilverfahren ausgetauscht. Und aus dem romantischen Wunsch, ein Baby zu bekommen, wird ein Wettlauf gegen die Zeit.

Die Suche nach Gründen kann für Paare zur Belastungsprobe werden. „Vor allem Frauen, die mehr als eine Fehlgeburt durchleben mussten, möchten sich betreut fühlen“, weiß die Expertin. Sie empfiehlt, dass man sich nach der zweiten gescheiterten Schwangerschaft an spezialisierte Praxen oder Hormon- und Kinderwunschzentren wenden sollte. Der tröstlich gemeinte Hinweis „Alles im normalen Bereich“ sei zwar statistisch gesehen richtig, aber für viele Frauen unbefriedigend. 

Während es also immer üblicher wird, das Thema systematisch anzugehen, kommt Schicksalsergebenheit aus der Mode. Nie zuvor konnten Schwangerschaften so genau dokumentiert werden wie heute – das erhöht den Erwartungsdruck. Umso größer ist der Schock, wenn die Reise eines Kindes im Nichts endet. Auch Nora W., die heute kurz vor der Geburt ihrer ersten Tochter steht, fühlte sich zunächst vom Schicksal betrogen. „Natürlich hatte ich schon von Fehlgeburten gehört, aber ich hätte nie erwartet, dass ausgerechnet mir so etwas passiert.“ Ausgerechnet mir. Das Gefühl, ein seltenes Mängelexemplar zu sein, kennen viele Frauen. Meistens erfahren sie erst im Nachhinein, dass sie eine von Unzähligen sind.

Über Totgeburten spricht man nicht

Wie realistisch es ist, ein Baby zu verlieren, ist überall nachlesbar – aber der Tod eines ungeborenen Kindes ist nur selten Gesprächsstoff. „Viel zu selten“, glaubt Julia R., die ihren zweiten Sohn nur vier Wochen vor seinem errechneten Geburtstermin verlor – und damit zu den wenigen Frauen gehört, die eine späte Totgeburt durchleben mussten. Nach einer ersten, problemlosen Schwangerschaft und der Geburt eines gesunden Babys wollten die damals 34-Jährige und ihr Mann schnell ein zweites Kind. „Aber irgendwas fühlte sich von Anfang an anders an.“ Die Sachbearbeiterin plagen diffuse Beklemmungsgefühle. Bei Kontrolluntersuchungen lässt sie sich immer wieder bestätigen, dass es ihrem Sohn gut geht. Aber die Sorgen bleiben.

Mitten im Mutterschutz, einer Zeit, in der sich Schwangere gedanklich viel mit ihrem Kind beschäftigen, passiert es: Nach einem letzten kräftigen Tritt ihres Sohns schläft Julia ein und träumt, dass er sichvon ihr verabschiedet. „Ich weiß, wie das klingt, aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, wusste ich, dass er gegangen war.“ Trotz der Vorahnung, die ihr die Luft zum Atmen nimmt, wagt sie erst am nächsten Tag, ihren Mann einzuweihen. Ein Ultraschall bringt traurige Gewissheit: Ihr Kind, das gerade noch Zukunft war, ist Vergangenheit. Der Junge lebt  nicht mehr. „Da war nichts. Nur Leere. Ich stand am Abgrund und habe keinen Grund gesehen, nicht zu springen – außer meinem lebenden Sohn.“ 

Abschied nehmen

Obwohl ihr die Ärzte anbieten, das Kind noch eine Weile in sich zu tragen und sanft Abschied zu nehmen, entscheidet sie sich für eine sofortige Geburtseinleitung. Weil ein Kaiserschnitt aus psychologischer Sicht bedenklicher wäre, bringt Julia nur Stunden später ein totes Baby zur Welt. Was folgt, sind die dunkelsten Stunden ihres Lebens. Ihr Sohn ist zart, vielleicht sehr zart, aber rein äußerlich das makellose Wesen, dem sie und ihre Familie so entgegengefiebert hatten. „Es sah aus, als ob er schläft. Er lag auf meiner Brust, und ich habe ihn berührt, wie ich ihn auch lebend berührt hätte.“

Julia und ihr Mann haben 24 Stunden mit ihrem Sohn, dann trifft das Bestattungsunternehmen ein. „Wie wir uns im Moment des Abschieds gefühlt haben, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Es war schlimm.“ Was Julia R. durchlebt hat, ist schwer anzunehmen. Es steht für alles, was Eltern am meisten fürchten. Julia weiß das – und hat sich trotzdem für einen offenen Umgang damit entschieden. „Fehl- und Totgeburten sind grausam, aber sie passieren. Frauen, die ein Ungeborenes verloren haben, müssen wissen, dass sie nicht allein sind.“ Julia und ihr Mann sind heute Eltern von zwei gesunden Kindern. Warum ihr Sohn nicht leben konnte, haben sie nie erfahren. Sie wollten keine Obduktion. Weil sie ihnen nicht den Schmerz genommen hätte.