Tanja Graf im Porträt

Lese lieber ungewöhnlich

Kaum einer kennt die Literaturszene besser als Tanja Graf. Letztes Jahr übernahm sie die Leitung des Münchner Literaturhauses. Ihr Plan: Bücher zeitgemäß vermitteln. Wie das geht? Ein Treffen.

Tanja Graf

Tanja Graf liebt Bücher. Zuletzt Houellebecqs "Unterwerfung" und Sue Bubbelss "Leben auf dem Land".


Zugegeben: Die Idee, eine Ausstellung über Helmut Dietl ins Münchner Literaturhaus zu holen, ist nicht im eigentlichen Sinne revolutionär. Gehört der ewige Stenz doch quasi zum ständigen Inventar der Stadt, so wie Karl Valentin oder Gustl Bayrhammer. Nichtsdestotrotz traf Tanja Graf mit der Hommage an den verstorbenen Großstadtpoeten ins Schwarze. Bevor sie die Schau im Oktober eröffnete, stellte sie gemeinsam mit seiner Witwe Tamara und dem langjährigen Freund und Kollegen Michael „Bully“ Herbig Dietls unvollendete Memoiren „A bissel was geht immer“ (KiWi) vor, zu denen Tanja Grafs Lebensgefährte Patrick Süskind übrigens ein brillantes Nachwort schrieb. Die Dietl-Enthusiasten beklatschten den Abend frenetisch, das Feuilleton lächelte leise – so, wie es auch der Stenz getan hätte.

Tanja Graf punktet mit Instinkt

Vergangenen Juli hat Tanja Graf, 54, die Leitung des Münchner Literaturhauses übernommen. Das helle Büro am Salvatorplatz steht ihr gut, ebenso das bunte Kleid, dass sie beim Treffen trägt. „Hat meine Schwester genäht“, sagt sie. Als Seitenwechsel will die ehemalige Lektorin und Verlegerin ihren beruflichen Aufstieg nicht verstehen. Es gehe immer noch darum, mit Leidenschaft Literatur zu vermitteln: „Ich will Bücher, die mich begeistern, in die Welt bringen. Sie sollen bereichern, einen authentischen Sound haben, die Sprache muss funkeln“, sagt sie und greift nach einem schmalen Band auf ihrem Tisch. In „Die Vegetarierin“ (Aufbau) beschreibt die Südkoreanerin Han Kang die Verwandlung einer rebellierenden Frau. Der Roman sei keine leichte Kost, habe sie aber bis zum Schluss extrem fasziniert. Auch weil sich Tanja Graf eine literarische Debatte zum neuen Feminismus wünscht. Sie lädt die Autorin ein, gewinnt Asien-Kennerin Doris Dörrie als Moderatorin – die Lesung ist ausverkauft. Es ist eben dieser scharfe Instinkt, der Tanja Graf auszeichnet.

Die Tochter eines Lektors wächst mit Büchern auf wie andere Leute mit Zimmerpflanzen. „Mein Vater hatte diese unbändige, selbstverständliche und völlig unangestrengte Entdeckerlust“, sagt sie. Das prägt. Nach dem Romanistik-Studium arbeitet sie für den Münchner Piper Verlag und steigt von der Programmleiterin für Belletristik zur Cheflektorin auf. Hier entdeckt sie 1998 unter anderem das Liebesdrama „Die Glut“ des Ungarn Sándor Márai, das erstmals 1942 erschienen war. Sie liest das Buch auf Italienisch und ist bereits nach fünf Seiten sicher: Das ist was. Und zwar ein Bestseller – und eine der spektakulärsten Wiederentdeckungen der letzten Jahrzehnte. Später entschließt sie sich, mit dem Münchner Kunstverleger Lothar Schirmer im Schirmer Graf Verlag handwerklich hochwertige Bücher zu publizieren. Von 2010 bis 2015 führt sie ihren eigenen Verlag.

Literatur zeitgemäß vermitteln

Was Tanja Graf will, ist im Grunde simpel: Buch, Autor und Leser sollen zusammenfinden. Aber um Literatur zeitgemäß zu vermitteln, muss man kreativ sein. Warum also nicht mal eine Lesung anbieten, die um 22 Uhr beginnt und in eine Clubnacht übergeht? Warum nicht über zusätzliche Musikveranstaltungen und neue Leseformate nachdenken? Trends erkennen, Debatten anstoßen, Themen besetzen, gute Leute einladen – das ist ihr Plan für das Literaturhaus. Leicht wird es nicht für sie und ihr zehnköpfiges Team. Sie konkurriert mit Festivals und Lesungen, die mittlerweile auch auf anderen Bühnen stattfinden. Joachim Meyerhoff etwa hätte sie gern mit seinem von der Kritik bejubelten „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (KiWi) in ihr Haus geholt. Doch der fühlt sich den Münchner Kammerspielen verbunden, wo seine Schauspielkarriere vor vielen Jahren begann (worum es auch im Buch geht), und liest eben lieber dort.

Um ein möglichst großes Publikum zu erreichen, stellt sie ihr neues Programm breit auf: Politik, Wirtschaft, Natur- und Geisteswissenschaften. Junge, unbekanntere Autoren sollen mit älteren, renommierten auftreten. „Manchmal muss man einfach etwas wagen“, sagt die Mutter eines 19-jährigen Sohnes und denkt schon im nächsten Moment über Angebote für Kinder nach.

Dass Kinder und Karriere vereinbar sind, daran glaubt sie übrigens fest. Auch wenn sie sich bewusst ist, dass ihre Situation mit einem Mann, der zu Hause die Stellung hält, eher privilegiert ist. Patrick Süskind habe sie immer unterstützt, trotzdem wisse sie, was chronischer Schlafentzug bedeute. Mehr sagt sie nicht über die Beziehung zu ihrem berühmten, extrem medienscheuen Partner. Nur so viel verrät sie zum Schluss: Über Literatur wird im Hause Graf-Süskind intensiv diskutiert. Aber wen wundert das schon?

(Text: Angela von Gatterburg)


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