Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Von der Anziehung fremder Badezimmerschränke

Wohnungstausch im Urlaub ist ja gerade total hip. Aber unser Kolumnist York Pijahn als Swap-Partner? Bloß nicht!

York Pijhan beim Wühlen in Schubladen

Skrupel wegen der Privatsphäre? Reine Zeitverschwendung.


Ich schließe die Haustür auf und stehe im 250-Quadratmeter-Reihenhaus meines Abi-Freundes Christian. Am Ende eines Flurs voller Bücher und DVDs kann man die Schiebetüren der Terrasse sehen. Dahinter den perfekt getrimmten Rasen. Vom Flur abgehend: sechs Zimmer. Ich merke, wie zwei Wörter in meinem Kopf aufblinken wie Neonreklame: Alles meins!

Einen Monat ist es her, dass Christian und ich uns überlegt haben, wie chic es wäre, eine Woche unsere Wohnungen zu tauschen. Er darf samt Familie in meine Berliner Bleibe – meine Freundin, unser Sohn und ich machen im Gegenzug Ferien in Christians Haus auf dem Land.

Tauschen statt mieten. Das ist so ein Satz, an dessen lässigem Image man sich berauschen kann. Weil man bei den Guten gelandet ist, den ressourcenschonenden, couchsurfenden Ökobrause-Menschen mit internationalem Gute-Laune-Freundeskreis. Bevor wir in Berlin unsere Koffer packten, hatte ich ungefähr jedem von unserem Urlaub erzählt und mich im Licht meines zeitgeisthaften Lebensstils gesonnt.

Christians Haus roch sensationell sauber, wir zogen unsere Schuhe aus, ich setzte Nudelwasser auf, unser Sohn erntete die Blätter zweier extrem teuer aussehender Topfpflanzen, meine Freundin packte die Taschen aus. Seien wir ehrlich, auch wenn das jetzt kurz wehtut: Das Tolle am Wohnungstausch ist nicht das kostenlose Wohnen, sondern unbeobachtet Klamotten aus den Schränken zu zupfen, die den besten Freunden gehören. Wenn Sie wie ich zu den Leuten gehören, die seit Jahren auf Partys hinter der verschlossenen Badezimmertür die Kosmetikprodukte der Gastgeber ausgiebig testen, um dann mit frischem Karottencreme-Teint ins Partygeschehen zurückzukehren, dann ist Wohnungstausch nicht nur eine tolle Art, Urlaub zu machen. Dann ist es der Himmel.

Hier eine Liste der klassischen Anfängerfehler beim Wohnungstausch nach sieben Tagen Erfahrung: 1. Schleppen Sie keine Restskrupel bezüglich der Privatsphäre mit sich herum, reine Zeitverschwendung. Wenn Sie nach einer Woche dann doch in Fotoalben blättern, können Sie das auch an Tag eins machen. 2. Fremde T-Shirts tragen ist okay, Unterwäsche nicht. 3. Selbst aufgenommene DVDs angucken, die keinen Titel haben und hinter den Karl-May-Bänden versteckt sind – nicht okay. 4. Wirklich nicht. 5. Okay, aber lassen Sie sie auf keinen Fall im DVD-Player liegen.

Klingt alles super und ist es auch. Bis an Tag sechs meine Freundin (Christians Bademantel tragend), am Frühstückstisch sitzend (den wir wegen des schönen Herbstwetters in den Garten getragen hatten), die Frage stellte: „Was die wohl gerade in unserer Wohnung machen?“ Auf meine scheinheilige SMS, wie es so laufe, erhielt ich die Antwort: „Alles super, tolle Badewanne“ – begleitet von einer Reihe aufdringlich zwinkernder Emoticons, was in mir Bilder von fremden Nackten hervorrief, die sich angeschickert darüber unterhalten, wer auf dem Stöpsel sitzen muss, während mein „Acqua di Parma“-Duschgel in Schaumwolken durch die Wohnung weht.

Seit 24 Stunden sind wir jetzt wieder zurück. Alles tipptopp. Auf dem Küchentisch lag ein etwas schleimiger Dankesbrief, der sich genauso liest wie der, den wir in Christians Haus hinterlassen haben. Unsere DVDs sind alle da, mein Duschgel wurde entweder nachgefüllt oder nicht benutzt. Vielleicht machen wir jetzt erst mal eine Pause vom Wohnungstausch. Meine Freundin hat gesagt, dass sie heute den Schlüssel unserer Nachbarn bekommen hat; wir sollen die Blumen gießen. Fremder Badezimmerschrank – ich komme.


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