Therapie-Trend „Storytelling“

Das Leben neu schreiben

Das Leben schreibt einzigartige Geschichten. Wie wir unsere eigene erzählen, bestimmt nicht nur, wie wir wahrgenommen werden, sondern auch: wer wir sind. Psychologen haben entdeckt, welchen positiven therapeutischen Effekt dabei das Schreiben hat. Also, Stifte raus!

Veröffentlicht am 22.03.2017
Offener Kugelschreiber.

Schreiben schafft Klarheit darüber, wer man ist.


Diese Geschichte beginnt mit meiner Geschichte. Eine Version davon lautet so: Ich bin Einzelkind. Meine Eltern überhäuften mich mit Liebe, fast zu viel Liebe. Meine Mutter, die selbst mit den Folgen von negativen frühkindlichen Erfahrungen zu kämpfen hatte, gab mir das Gefühl, der einzige passende Schlüssel zu ihrem Glück zu sein. Seither begleitet mich das Bedürfnis zu gefallen, anderen keine Scherereien zu machen. Als meine Mutter an Depressionen erkrankte, geriet meine Welt ins Wanken. Bis heute bin ich ein nervöser Mensch, der sich unter Druck setzt. Ich fürchte das Lampenfieber, deshalb habe ich schon viele Chancen ziehen lassen. Das frustriert mich und ich spüre Neid auf jene, die gelassener durchs Leben gehen. Ich denke, ich bin okay, aber es wäre nett gewesen, wenn das Schicksal mich mit mehr Stärke gesegnet hätte.

Eine kurze Story über mein Leben, die den Wesenskern der sogenannten narrativen Psychologie verdeutlicht: Die Geschichten, die wir uns selbst – und anderen – erzählen, bestimmen nicht nur, wie wir wahrgenommen werden, sondern auch, wer wir sind. Wir denken permanent in Storys, fügen Erlebtes zusammen und füllen es mit Sinn. Diese Geschichten beruhen weniger auf Fakten als auf Interpretationsmöglichkeiten. Der amerikanische Psychologe Dan McAdams hat diese Denkschule mitgeprägt. Er sagt: „Im Teenager- und Erwachsenenalter beginnen Menschen damit, ihr Leben als sich entwickelnde Geschichten wahrzunehmen. Sie basteln sich eine narrative Identität, die Auskunft gibt über: Wer bin ich? Wie bin ich so gewoden? Und wo gehe ich hin?“ Diese Lebensgeschichten seien sinnstiftend, aber oft auch zerstörerisch. Denn wir halten uns dabei nur an wenige prägende (und meist negative) Erfahrungen.

Schreiben macht stark

Doch wir können unsere Perspektive nachjustieren – etwa durch gezielte Schreibübungen. Der Begriff Refraiming ist dabei entscheidend. Das Erlebte umzudeuten wird in den USA bereits als wirkungsvolle therapeutische Technik angewendet, denn immer mehr Studien belegen die Wirksamkeit. Ein Experiment zeigte 2013, wie stark unsere Vorstellungen unser Handeln beeinflussen können. 69 Versuchsteilnehmer sollten einen Vortrag halten über ihre Stärken und Schwächen. Die Hälfte wurde aufgefordert, Stresssymptome wie Herzrasen und Händezittern als positiv und leistungssteigernd zu bewerten. Die Folge: Sie waren beim Vortrag gelassener als die Vergleichsgruppe, Puls und Blutdruck niedriger.

Viele Experten sind inzwischen überzeugt von der Methode, Erlebtes in einem anderen Licht zu sehen. Die Darmstädter Poesietherapeutin Silke Heimes spricht zwar lieber von einem „fairen Blick auf die Dinge“ als vom rigorosen Redigieren, gibt den Reframing-Anhängern aber grundsätzlich recht: „Etwas, das uns passiert ist, lässt sich durch einen Perspektivenwechsel nicht ungeschehen, aber erträglicher machen.“ Wer etwa eine schwierige Beziehung hinter sich hat, kann eine Sichtweise darauf entwickeln, mit der sich leichter Frieden schließen lässt – am besten mit Stift und Papier. Silke Heimes ist überzeugt: Allein durch Denken ließen sich verinnerlichte Glaubenssätze nicht umformulieren. „Viele Menschen hängen in Grübelschleifen fest. Sind die Gedanken aber erst mal aus dem Kopf und auf dem Papier, fällt es leichter, sie einzuzirkeln und sich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen.“ In der Arbeit mit Menschen, die Lebenskrisen überwinden wollen, setzt die Therapeutin oft auf assoziative Schreibübungen. Die Idee: Wer so schnell wie möglich notiert, was ihm durch den Kopf geht, dringt am ehesten zum wahren Kern vor. Beginnt man also mit einem Halbsatz wie „Ich habe Angst, dass...“ und fügt alles hinzu, was einem spontan einfällt, zeichnen sich, regelmäßig wiederholt, Denkmuster ab. Und diese muss man überprüfen. Silke Heimes sagt: „Wir haben alle innere Zensoren, die uns dauernd abwerten oder für etwas tadeln, das wir getan oder nicht getan haben. Dabei kommen sie uns immer mit denselben Argumenten.“

Wenn man sie aufschreibt, werde oft deutlich, dass sie überholt sind und noch aus der Kindheit stammen. Bei der Poesietherapie soll man negative Gefühle nicht aus dem Drehbuch streichen, sondern die nötige Distanz zu ihnen gewinnen. Welche Erlebnisse sind hängen geblieben? Wie interpretiere ich sie? Welche anderen Möglichkeiten habe ich? Man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber die Art und Weise, wie sie uns beeinflusst. Für mich hieße das: Ich setze mich unter Druck – bin also auch ehrgeizig und zuverlässig. Ich will gefallen, also mache ich mir eher Freunde als Feinde. Ich bin ängstlich, also gehe ich behutsam mit mir und allen um, die mir wichtig sind. Wenn ich die Stärken in meinen vermeintlichen Schwächen sehe, fühle ich mich nicht mehr hilflos – sondern bin Herausforderungen eher gewachsen und kann, was vielleicht das Wichtigste ist, meinen Eltern für ihre Prägung dankbar sein.

Manchmal hilft die Superheld-Perspektive

Mit der Think Positive-Welle und dem jüngsten Trend, emsig Dankbarkeitslisten zu führen, hat das jedoch nichts zu tun. Reframing heißt nicht, alles schönzureden. „Das wäre ja auch anmaßend“, sagt Silke Heimes. Schließlich kann man jahrelanges Leiden und vor allem Kindheitstraumata nicht einfach wegwischen. „Gerade die ersten drei Lebensjahre sind so prägend, dass sie sich nicht einfach umschreiben lassen.“ Als Kind sei man familiären Situationen ausgeliefert. Sich rückblickend zum Star der Geschichte zu machen funktioniere oft nicht.

Dass es trotzdem sinnvoll sein kann, die Superhelden-Perspektive einzunehmen, glauben Storytelling-Experten. Davon ausgehend, dass gute Geschichtenerzähler beruflich und privat besser vorankommen, raten einige dazu, das Leben auch mal wie einen guten Thriller zu betrachten. Veit Etzold etwa, Bestsellerautor und Storytelling-Coach, sagt: „Je klarer ich den ,Schurken‘ in meiner Geschichte herausarbeite, desto eher kann ich ihn besiegen. Erkenne ich, wovor ich mich wirklich fürchte, erhöht das meine Chancen auf ein Happy End.“ Dass Veit Etzold damit recht haben könnte, zeigt ein Beispiel aus Silke Heimes’ Alltag. Vor einigen Jahren wandte sich ein Musiker wegen plötzlicher Bühnenangst an sie. In der Schreibtherapie kristallisierte sich heraus, dass er sich nicht vor dem Auftritt fürchtete, sondern vor ausbleibender Anerkennung – das hatte die Beziehung zu seinem Vater geprägt. Als der Musiker sein eigentliches Problem erkannt hatte, traute er sich wieder vor Publikum.

Eigene Erfolge anzuerkennen fällt vor allem Frauen schwer. Dabei lohnt sich ein Blick auf die Dinge, die gut gelaufen sind. Aber auch aus weniger glücklichen Lebensabschnitten haben wir meist etwas gelernt. Erlebnisse, die man lieber vergessen würde, haben andere, schönere erst möglich gemacht. Wenn wir begreifen, dass allein wir die Deutungshoheit über unser Leben haben, wird die Zukunft zu einem weißen Blatt Papier – und alles ist möglich.

Zwei Schreibübungen

Wie gewinnt man wirklich Abstand und entwickelt alternative Betrachtungsweisen? Zwei Übungen aus „Schreib es dir von der Seele“ (Vandenhoeck & Ruprecht) von Poesietherapeutin Silke Heimes:

  1. Verfassen Sie einen Text über ein Erlebnis erst in der Ich-Form und dann in der 3. Person Singular. Notieren Sie danach, was Sie beim Aufschreiben erlebt haben: Welchen Einfluss hatte der Perspektivenwechsel auf Ihre Gedanken und Gefühle? Wie nah oder fern ist Ihnen das Erlebte jeweils vorgekommen? Gibt es womöglich andere Sichtweisen?
     
  2. Schreiben Sie die Buchstaben Ihres Vor- und Nachnamens untereinander auf ein Blatt Papier. Dann notieren Sie spontan neben jedem Buchstaben einen Begriff, der damit beginnt. Entwickeln Sie in einem zweiten Schritt eine Geschichte, in der alle Wörter vorkommen – Reihenfolge und Häufigkeit der Nennung spielen keine Rolle.

Fünf Tipps für den Einstieg

  1. Kurz und gut: Schon zwei Minuten sind ein Anfang. Langsam steigern auf ein, zwei Stunden.
     
  2. Logisch: Mögliche Störquellen (Smartphone) komplett ausschalten.
     
  3. Am besten bestimmt die eigene Biografie die Handlung – und nicht etwa theoretische Gedanken.
     
  4. In Krisenzeiten alles nur einmal aufschreiben. Den Text im Rückblick analysieren.
     
  5. Wie findest du das? Feedback einholen von einer Person, die man als Mutmacher kennt.