Kann man Sexualität verlernen?

Aus der Übung

Gelernt ist gelernt. Gilt für's Radfahren ebenso wie für Sex. Oder? Wie es ist, wenn man lange Zeit nicht mehr mit einem Partner intim war – eine Frau erzählt.

Veröffentlicht am 21.12.2016
Ein Pärchen neben einem Fahrrad.

Ist Sex wie Radfahren?


Mit 35 war mein bisheriges Leben schlagartig vorbei. Ich wurde Mutter einer Tochter, bei der Geburt war meine beste Freundin dabei – vom Vater des Kindes hatte ich mich zwei Monate zuvor getrennt. Ich wusste, dass ich lieber alleinerziehend bin, als in einer frustrierenden Dauerschleife aus Streitereien zu hängen. Was ich damals noch nicht ahnte: Es war der Beginn einer sehr langen, sexlosen Zeit, über vier Jahre schlief ich mit keinem Mann. Natürlich habe ich manchmal Paare beneidet, die gemeinsam mit dem Kinderwagen spazieren gehen. Sich beim Einkauf helfen. Händchen halten. Aber mir fehlte nichts, und schon gar nicht Sex. Nach der Geburt war ich mit meiner Tochter beschäftigt, habe sie gestillt und herumgetragen. Ich war zwar chronisch übermüdet, aber zufrieden. Und ich habe es nicht vermisst, auf die Bedürfnisse eines Partners eingehen zu müssen. Im Gegenteil, ich konnte mich ganz auf mein Kind konzentrieren.

Nach einem Jahr habe ich wieder angefangen zu arbeiten und mich morgens zurechtgemacht. Haare gewaschen, mich geschminkt. Aber es hat einige Zeit gedauert, bis alles einigermaßen rundlief. Meine Tochter war öfter krank, ich jonglierte zwischen Job und Kita und war froh, dass mich meine Mutter unterstützte. Abends war ich meistens nur müde, telefonierte mit Freundinnen, sah fern.

Mir fehlten die Berührungen

Manchmal kam mir in den Sinn, wie es wäre, jemanden zu küssen. Ich hatte natürlich Körperkontakt mit meinem Kind, aber mir fehlten die Berührungen. Ich dachte nicht an Sex, ich wollte in den Arm genommen werden. Also legte ich ein Profil auf Tinder an, saß abends zu Hause und wischte Bilder nach links oder rechts. Ich hatte ein paar Dates, aber es fühlte sich irgendwie falsch an. Zumal ich nicht der Typ für One-Night-Stands bin. Sondern eine alleinerziehende Mutter, die aus ihrer Wohnung „gefallen“ war. Dort saß jetzt ein Babysitter und ich sollte mal eben die lustvolle Verführerin geben. Funktionierte natürlich nicht.

Mittlerweile war ich seit vier Jahren mit niemandem im Bett gewesen. Manchmal träumte ich sehr intensiv, wachte nachts auf und war feucht zwischen den Beinen. Früher, als ich noch ein Liebesleben hatte, bekam ich vaginale Orgasmen. Ein Gefühl, an dass ich mich schemenhaft erinnerte. Ja, ich wollte wieder begehrt werden. Meine Stimmung war in dieser Zeit gedämpft. Ich war oft gereizt, dabei bin ich eigentlich ein ausgeglichener Mensch.

Die Angst, sich wieder zu zeigen

Und dann bin ich eines Morgens über Till gestolpert, wirklich, ich bin in den Typen regelrecht hineingerannt. Ich habe die Haustür geöffnet, war in Eile, und da stand er vor mir. Mindestens 1,90 groß, sportlich. Er ging an mir vorbei in das Grafikbüro im Erdgeschoss. Am nächsten Morgen habe ich mich auf die Bank vorm Haus gesetzt und so getan, als würde ich die Frühlingssonne genießen, und er kam tatsächlich wieder. Wer wen angesprochen hat? Weiß ich nicht mehr. Aber ab diesem Moment spürte ich, dass mein Körper unter Spannung stand. Ich war elektrisiert, energiegeladen. Ich fing an, wieder Sport zu treiben. Und ich hatte Lust, ihm meinen Körper zu zeigen, aber gleichzeitig Schiss, ich könnte ihm nicht gefallen.

Nach ein, zwei Wochen hatten wir uns fürs Wochenende verabredet, er wollte mich abholen. Als er in meiner Küche stand und mich an sich ranzog, erstarrte ich. Wir küssten uns, es war merkwürdig. Irgendwie mechanisch. Ich habe uns von außen gesehen, musste mich erst wieder an das Gefühl von fremden Lippen gewöhnen. Ich war angespannt und wollte nicht, dass er meinen Körper berührt. Meine breiten Hüften, dachte ich und habe seine Hände weggeschoben. Kam bestimmt zickig rüber.

Man sollte in Übung bleiben

Irgendwann hab ich mich mit einer älteren Freundin unterhalten, die früh Witwe geworden und mit dem Thema „Kein Sex, nirgends“ vertraut war. Sie hatte sich mit den Videos der Therapeutin Ann-Marlene Henning schlau gemacht, ein Tipp ihrer Frauenärztin übrigens. Mich beruhigte schon die Erkenntnis, dass es nicht nur mir so ging. Erst beim dritten Treffen haben Till und ich miteinander geschlafen. Ich war nicht mutiger als sonst, dachte nur, wenn nicht heute, wann dann? Ich habe eine Flasche Champagner geöffnet und ihm gestanden, wie lang ich nicht mit einem Mann im Bett war. Er lachte, er hielt das für Koketterie. So eine schöne Frau, meinte er. Als ob schöne Menschen garantiert Sex hätten! Mit ihm zu schlafen fühlte sich dann so fremd an wie unsere ersten Küsse, obwohl er liebevoll war. Ich hatte das Gefühl, entjungfert zu werden, mit fast 40! Ich hatte Herzrasen, so aufgeregt war ich. Danach lagen wir verschwitzt nebeneinander, und, ja, es war ein schöner Moment. Okay, dachte ich, es stimmt: Sex verlernt man nicht. Aber man sollte in Übung bleiben.

Unsere Affäre dauerte vier Monate. Es war überwältigend, ihn zu streicheln. Seine Wärme zu spüren. Ich habe ihn überall angefasst, immer wieder. Zarah Leander sang ja: „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe.“ Da ist was dran.

Sex hatte für mich lange seine Selbstverständlichkeit verloren. Seit einem Jahr bin ich wieder liiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich so viele Jahre auf Berührungen verzichtet habe – wenn wir miteinander schlafen, ist es jedes Mal besonders.

Das Protokoll von Martina B. hat Lisa Frieda Cossham aufgeschrieben.