Naturkosmetik

Verrückt nach Grün

Wir interessieren uns nicht nur für „Das geheime Leben der Bäume“. Wir kaufen auch immer häufiger Biokosmetik. Eine Branche mit enormem Potenzial und jeder Menge spannender Innovationen.

Veröffentlicht am 03.09.2016


Pflanzen gibt es seit dem Paläo­zoikum, seit 400 Millionen Jahren – hätten Sie diesen Satz vor einiger Zeit bei einem Abendessen platziert, wäre das Gespräch wohl rasant verstummt. Heute entspinnt sich daraus ein begeisterter Small Talk, zu dem jeder etwas beitragen kann. Ein Buch über die heimischen Wälder („Das geheime Leben der Bäume“) eroberte letztes Jahr die Bestsellerlisten, Instagram-Accounts wie „The Planthunter“ oder „The GreenGallery“ werden täglich von tausenden angeklickt und im Wohnzimmer wachsen Monstera-Blätter und Farne in Dschungeloptik in die Höhe. Die Natur, das war schon immer so, erobert sich ihren Platz zurück. Grün boomt, auch in puncto Kosmetik. Eine Milliarde Euro wird pro Jahr in Deutschland mit Naturkosmetik umgesetzt, die Wachstumsraten liegen bei 20 Prozent. „Je mehr Technik und digitale Möglichkeiten im Alltag dominieren, desto stärker haben Menschen das Bedürfnis, sich der Natur zuzuwenden“, erklärt Dr. Christina Kraus, Pharmazeutin und Gründerin des Naturkosmetik-Shops Greenglam in Augsburg das Phänomen. Auch Hersteller von herkömmlicher Kosmetik setzen verstärkt auf Pflanzen: Koriander und Orangen (Kiehl’s), Aprikosenöl (Elizabeth Arden), Longoza aus Madagaskar (Dior) oder Shiitake-Pilze (Sisley). Vorreiter sind die Labore der Naturkosmetikhersteller, die seit Jahrzehnten ausschließlich nach botanischen Wirkstoffen suchen. 

Alte Bekannte, neues Beauty-Potenzial

Ob Unternehmen auf heimische Wurzeln, Früchte und Blüten setzen oder in den Wüsten Afrikas nach neuen Ingredienzen für die Hautpflege suchen, hängt von ihrer Philosophie ab. In den Gärten von Dr. Hauschka gedeihen am Rande der Schwäbischen Alb über 150 verschiedene Heilpflanzen für Cremes oder Arzneimittel – von Ackerschachtelhalm bis Zaubernuss. Manches sieht absolut unspektakulär aus, bewirkt aber Erstaunliches. Die Potentilla officinalis (Blutwurz) etwa: ein unscheinbares Blümchen, deren Wurzel voller antibakterieller Gerbstoffe steckt, die sogar von Neurodermitis geplagte Haut ins Gleichgewicht bringen. „Selbst ganz Alltägliches wie Karotten oder Äpfel ­­hat großes Beauty-Potenzial“, sagt Dr. Constanze Stiefel von Dr. Hauschka, „Carotinoide machen die Haut geschmeidig, Polyphenole aus der Apfelfrucht wirken antioxidativ.“ Bei Weleda, ebenfalls mit eigenen Gärten in Europa, Brasilien, Argentinien und Neuseeland, erforscht man Pflanzen wie die Nachtkerze bis zu vier Jahre, beobachtet die Entwicklung vom ersten Trieb an und verwendet sie, analog zur anthroposophischen Unternehmensphilosophie, ihrem Charakter entsprechend in Kosmetikprodukten. Die Nachtkerze blüht in der Dämmerung und hat sich neben den regenerierenden und feuchtigkeitsspendenden Eigenschaften auch deshalb für die Pflege reifer Haut empfohlen. 

Die Exoten kommen

Ein exotischer – und recht teurer – Newcomer ist Kaktusfeigenkernöl. In den Samen der ursprünglich aus Mexiko stammenden Kaktee sind in Hülle und Fülle enthalten: Aminosäuren, die die Produktion von Kollagen stimulieren, Vitamin K gegen Augenschatten und essenzielle Fettsäuren für die Zellerneuerung der Haut. Deshalb erfährt Opuntia ficus-indica, so der lateinische Name, der auf den Packungen z. B. von Kahina Beauty oder dem Label Le Pure steht, derzeit einen so großen Hype wie zuletzt Arganöl. 
Noch ein Aspirant am Wirkstoff­himmel: die Dattel. „Reich an Polyphenolen, Antioxidantien, Vitaminen und Spurenelementen, regeneriert sie die kollagenen Fasern – ideal, um die Gesichtskonturen zu festigen“, erklärt Christina Kraus, die als Erste eine Dattelmaske von Odaïtès auf dem deutschen Markt verkauft. „Man ist immer auf der Suche nach spannenden Neuerungen, die Naturkosmetik bereichern“, bestätigt auch Dr. Henrike Neuhoff, Leiterin Forschung & Entwicklung beim deutschen Naturkosmetikunternehmen Laverana. Sie analysiert neben Honig vom Imker aus der Region auch Cupuaçu-Butter (Großblütiger Kakao) vom Amazonas und die Früchte der Patauápalme aus dem Regenwald. Dabei gehe es nicht nur um die Entdeckung bahnbrechender Wirkstoffe, sondern auch um die Verbesserung von Texturen für Lotionen oder Shampoos, erklärt die Lebensmittelchemikerin. 
Acmella oleracea (Parákresse) zählt zweifelsohne zur ersten Fraktion. Das in Blüten und Blättern enthaltene Spilanthol wirkt antioxidativ und muskel­entspannend und wird als Anti-Falten-Wirkstoff z. B. von The Organic Phar­macy eingesetzt. In der traditionellen Medizin Asiens und Südamerikas verwendet man einen Sud der gelb-roten Blüten gegen Zahn- oder Kopfschmerzen; vor ein paar Jahren entdeckte man dann auch ihren Nutzen für die Kosmetik. „Oft ist das Wissen um die Wirkung von Pflanzen jahr­tausendealt“, bestätigt der Chemiker Dr. Mark Smith, aber heute könnten Labore Pflanzenstoffe besser extrahieren und so neue Mole­-küle gewinnen. Der Brite arbeitet für 
NaTrue, den führenden Verband für zertifizierte ­Naturkosmetik in Europa mit Sitz in Brüssel, zuständig für die Bio-Zulassung neuer Produkte. 4600 haben das Siegel bereits bekommen.

Auch Bio glättet Falten

Was die Kosmetik-Industrie meist synthetisch herstellt, lässt sich aus rein natürlichen Rohstoffen auch für Naturkosmetik generieren. „Peptide können durch enzymatische Prozesse aus Weizen oder Erbsen gewonnen werden. Hyaluron-säure als Feuchtigkeitsspender wird in Bio-Kosmetik aus Mikroorganismen erzeugt“, erklärt Henrike Neuhoff. Inzwischen kann man sogar auf nieder-molekulares Hyaluron in Bio-Qualität zurückgreifen, das tief in die Hautschichten eindringt. Die Strukturen von na-türlich oder synthetisch hergestelltem Hyaluron sind unter dem Mikroskop identisch. „Die INCI-Bezeichnung ist dieselbe, deshalb erkennt der Verbraucher beim Blick auf die Packungsbeilage auch keinen Unterschied“, so NaTrue-Experte Smith. Auch das Co-Enzym Q10, ein Radikalfänger, lässt sich mithilfe von Hefestämmen aus zahlreichen grünen Pflanzen fermentieren: Seine faltenglättende Wirkung in organischer Kosmetik kann es mit der seiner Konkurrenten locker aufnehmen. Der gängige Rat, mit zunehmendem Alter müsse man von Bio auf stärkere Aktivstoffe traditioneller Beautyprodukte umsatteln – überholt! 

Letzte Hürden

Das Thema Long Lasting von Lippenstiften oder Mascara sei allerdings noch eine Herausforderung, so Henrike Neuhoff, da man (noch) keinen Ersatz für synthetische Filmbildner wie Silikone gefunden hat. Hochpigmentierte Lidschatten oder Lippenstifte in Knalltönen sind auf natürlichem Wege ebenso wenig zu realisieren wie Haarcolorationen, vor allem Blondierungen. In Sachen Sonnenschutz machen mineralische UV-Filter den Unternehmen noch zu schaffen. Der weiße Film, der auf der Haut zurückbleibt und die Strahlen reflektiert, ist typisch für organische Sonnencreme und wird häufig als störend empfunden. Der Blick für die Entwicklung neuer Pro­dukte geht, wie in der herkömmlichen Kosmetik üblich, oft nach Asien. Glutenfreie Kosmetik, Detox-Pflege, um der durch Luftverschmutzung verursachten Haut­alterung vorzubeugen, oder Extrakte aus Vogelnestern, all das sind Tendenzen, die auch die Wissenschaftler hierzulande beschäftigen. Bei aller Wald- und Wiesenromantik ist Naturkosmetik ein höchst komplexes Feld. Wenn auch eines mit viel Grün.