Wahre Liebe

Warum man immer den Falschen heiratet

Sagen wir's mal so: Irgendwann ist jede Frau von ihrem Mann enttäuscht. Die gute Nachricht: Man kann trotzdem gemeinsam glücklich werden.

Veröffentlicht am 17.03.2017
Ein Ehepaar liegt im Bett und die Frau hat keinen Platz.

Warum man immer den falschen Mann heiratet und trotzdem glücklich werden kann.


Die Geschichte ist schnell erzählt: Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich, schließlich heiraten sie. Dann folgt ein Prozess der Ernüchterung, der sich über Jahre hinzieht, bis man sich eines Tages eingesteht: Verdammt, ich habe den Falschen geheiratet! Romanzen entstehen ja nicht aus Vernunft, sondern aus Vernarrtheit, dagegen ist auch erst mal nichts einzuwenden. Man schaut in die Augen seines Auserwählten wie in einen goldenen Topf, alles glänzt, hach, perfekt. So scheint es. Bis man nachts aufwacht und er mit offenem Mund neben einem liegt – und schnarcht.

Die Ausschau nach dem einen

Es mag wie ein Klischee klingen, aber in so einem banalen Augenblick tritt das ein, was zu einem weiteren Dilemma führt: der Schock. Darüber, dass es sich bei dem Mann tatsächlich um ein menschliches Wesen handelt. Wie konnte das passieren? Es passiert, weil wir alle von einer starken Sehnsucht getrieben sind. Sie lässt uns beim romantischen Kerzenschein der Eheanbahnung über ein paar entscheidende Details hinwegsehen. Diese brennende Sehnsucht, dieses Suchen nach dem fehlenden Puzzleteil fühlt sich an wie eine innere Leere, ein Vakuum. Und leider führt dieser unstillbare Hunger dazu, dass auch reflektierte, emanzipierte und unabhängige Frauen immer wieder nach dem einen Ausschau halten – und wenn sie ihn finden, den Sack schnell zumachen wollen. Der Sack heißt Standesamt.

Man nennt das, was in der Liebe immer wieder und wieder passiert, „Idealisierung“ oder auch maya im Sanskrit. Maya bedeutet Illusion oder Zauberei und beschreibt einen Zustand geistiger Verblendung. Doch die Masken werden fallen, die Desillusionierung ist unvermeidbar. Immer häufiger entdeckt man schreckliche Dinge am Gegenüber, die sich partout nicht mit den Projektionen, Wünschen und dem Mythos des einen Richtigen decken. Oder hatte er schon immer so viele Haare in der Nase, saß so lange auf dem Klo, hörte nicht zu, vergaß, was man erzählt hat, und schmatzte beim Essen? Ein paar allgemeine Erfahrungen, aber sie decken sich bei fast allen Frauen. Man hat also ein Ideal geheiratet anstatt eines realen Menschen mit Macken. Und auch er wollte aus denselben, ganz menschlichen Motiven heraus doch nur eins: So gesehen werden, wie er wirklich ist. Und dafür geliebt werden. An guten wie an schlechten Tagen.

Der Anspruch auf Perfektion 

Die fürchterliche und fantastische Nachricht ist: Wir sind genauso unperfekt. Auch wenn wir das nicht wissen. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen. Die ganze Welt ist unperfekt. Und das ist unsere Rettung – und die jeder Ehe. Das sage ich heute, lebensklug und ein bisschen weiser, nachdem ich meine eigene mit viel Schwung ruiniert habe. Der Anspruch auf Perfektion killt alles: die Kreativität, die Kunst und leider auch immer die Liebe. Wenn man es jedoch schafft, sich von einer Kritikerin zu einer liebenden Person zu entwickeln, die mit Sanftmut und Güte auf die Welt und ihren Partner schaut, muss man sich weder trennen noch scheiden lassen. Denn beim nächsten Mann, das garantiere ich, wird man wieder die eine oder andere Schwachstelle aufdecken.

Der Philosoph Alain de Botton hat das mal ganz schön erklärt: „Wir müssen akzeptieren, dass jeder Mensch uns frustrieren und enttäuschen wird – und dass wir ihm dasselbe antun werden. Wenn wir wählen, mit wem wir uns zusammentun, legen wir uns bloß fest, für welche spezielle Ausprägung von Leiden wir uns zu opfern bereit sind.“ Das mit dem Aufopfern ist ein wichtiger Punkt! Dem Phänomen geht auch der amerikanische Autor Dan Savage nach. Er nennt es „The Price of Admission“, was man übersetzen könnte mit dem Eintrittspreis, den du zahlen musst, wenn du eine wohltuende Beziehung aufrechterhalten willst – anstatt immer wieder entnervt das Handtuch zu werfen. Ein Beispiel von Dan Savage: Es habe ihn jahrelang schier wahnsinnig gemacht, wenn sein Lebenspartner den Kühlschrank offen ließ oder die Küche nach dem Zubereiten eines Sandwiches in einem Chaos hinterließ. Man kennt das ja, man sagt es einmal, zweimal, könntest du vielleicht, wäre es möglich, die Stimme wird eine Spur schriller, und eines schönen Tages schlägt man die Kühlschranktür mit einer solchen Wucht zu, dass die Milch überschwappt. Der Mann schaut erschüttert zu, was aus der Frau, die mal so bezaubernd, großzügig und humorvoll war, geworden ist. Er verlässt das Haus kopfschüttelnd und fragt sich, ob ihre Mundwinkel eigentlich schon immer so steil bergab zeigten.

Wenn der Zauber verflogen ist

Dan Savage, der auch für seine kluge Sexkolumne bekannt ist, schlägt etwas anderes vor: die Tür einfach selbst zumachen. Häh, dachte ich, als ich es zum ersten Mal hörte, spinnt der? Man muss doch erziehen. Muss man? Nein, es gibt Dinge, die werden sich nie ändern, also empfiehlt er darüber hinwegzusehen, als sei nichts gewesen. Nicht nur über herumliegende Brotkrümel, sondern über all die kleinen und großen Unvollkommenheiten des anderen, über körperliche Defekte und vielleicht nicht ganz so schillernde Charakterzüge. In der Hoffnung, der Partner möge das Gleiche tun.

Auch der wunderbare amerikanische Autor Joseph Campbell beschäftigte sich in seinem Buch „Pathways to Bliss: Mythology and Personal Transformation“ mit dem Fallen der Masken. Er behauptete, in der Transformation liege eine riesige Chance. Denn wenn der Zauber erst mal verflogen sei, beginne wahre Liebe. Dann lieben wir nicht mehr eine Illusion, sondern einen echten Mann mit Fehlern, Unsicherheiten und, ja, meinetwegen auch Haaren in der Nase. Die habe ich auch, stellte ich kürzlich erschrocken fest. Auch das war ein Schock für mich: mir einzugestehen, wie wenig fehlerlos ich bin – und wie sehr ich das von meinem Geliebten einfordere. Um Gottes willen, er soll mich bloß nicht enttäuschen! Doch, sage ich heute mutig, das soll er. Gern ganz schnell, dann haben wir es hinter uns und können mit dem anfangen, was wirklich Liebe ist: tiefes Mitgefühl, Verständnis und Achtsamkeit. Erst dann müssen wir uns nicht mehr von unseren Männern verabschieden, sondern nur von der romantischen Annahme, dass es da draußen doch bitte schön irgendjemanden geben muss, der uns vollkommen (glücklich) macht.