Warum Humor wichtig ist

Lach dich stark

Das beste Mittel gegen den Irrsinn des Alltags? Humor! Für den braucht man vor allem Gelassenheit und Mut. Warum, erklärt unsere Autorin Meike Winnemuth.

Veröffentlicht am 05.11.2017
Eine Frau fasst sich an den Kopf und lacht lauthals.

Trotzdem lachen, trotzdem weitermachen – darauf kommt es an. 


Vor Kurzem war Anke Engelke zu Gast bei Bettina Rust in der famosen Radiotalkshow „Hörbar Rust“. Humor war eines der Themen, klar. Gelungener oder schiefgegangener, selbstverständlicher oder angestrengter Humor. In die letzte Kategorie fällt folgender Witz, den die beiden mit verteilten Rollen spielten: „Mit der neuen Brille siehst du echt scheiße aus.“ – „Ich habe doch gar keine neue Brille.“ – „Aber ich.“ Hehe, müdes Lachen, wir kommen gleich dazu, wa­rum.

Aber zuvor kurz noch Bettina Rust, die im Lauf der Sendung diese Anekdote erzählte: „Also, ich gehe auf eine Weihnachtsfeier. Hab mich echt schön gemacht. Und muss über eine enge Wendeltreppe hoch, um in den Tanzraum zu gelangen. Da kommt mir ein Typ entgegen, bleibt stehen, mustert mich von oben bis unten, wartet, guckt noch mal ganz genau hin und sagt: ,Jochen?‘“ Engelke und Rust schütten sich aus vor Lachen, die beiden kriegen sich überhaupt nicht mehr ein. „Das ist gut, das ist wirklich gut“, japst Engelke – und ich, vor dem Radio, lache lauthals mit. 

Witz vs. Humor 

Was daran so komisch ist, darüber sind vermutlich Proseminare abgehalten und Regale voller Fachliteratur geschrieben worden: über Fallhöhe, Erwartungs­enttäuschung, Überraschungsmoment. Man kann es sich aber auch einfach machen mit der Erklärung, warum die Brillen-Nummer nur mäßig lustig war, die Jochen-Geschichte dafür umso mehr. Das erste war ein Witz (zudem noch ein leicht bösartiger Witz auf jemandes Kosten), das zweite Humor.

Humor ist eine Haltung. Humor ist ein Talent, die Gabe, etwas gar nicht so Lustiges, möglicherweise Peinliches, vielleicht sogar Verletzendes saukomisch zu finden und dadurch unschädlich zu machen. Humor ist aber auch der entspannte Mut, so eine Jochen-Story überhaupt zum Besten zu geben. Hätte sie ja nicht machen müssen, die Bettina Rust, hätte sie schön für sich behalten können. Hat sie aber nicht. Sie hat sich preisgegeben, sie hat sich zum Belachtwerden zur Verfügung gestellt – und das ist natürlich das Allerstärkste, was man in schwachen Momenten tun kann. Man macht sich klein und wird dadurch groß. Man schildert sein Scheitern und wird dadurch zum Gewinner. 

Eine der verstaubtesten Definitionen von Humor ist ja: „Wenn man trotzdem lacht.“ Aber tatsächlich ist dieser Satz aus der Mottenkiste von tiefer, schöner Wahrheit. Trotzdem lachen, trotzdem weitermachen, sich nicht geschlagen geben, sich nicht drum scheren, wenn man mal kurz auf der Nase liegt, und sich nicht von jedem Mist ins Bockshorn jagen lassen, das ist entscheidend für ein gelungenes Leben.

Humor zu haben bedeutet, jederzeit einen unsichtbaren Werkzeugkasten mit Instrumenten für oder gegen alles Mögliche bei sich zu tragen: darunter ein Schraubenzieher, um für Lockerheit zu sorgen, ein Hammer, mit dem man auch mal zuhauen kann, ein Maßstab, um die Dinge in Relation zu setzen, Schmirgelpapier gegen die verletzenden Scharfkantigkeiten des Lebens und eine feine Nadel, mit der man jeder Form von Aufgeblasenheit ganz sachte die Luft ablassen kann, pff­fffffff.

Humor ist Notwehr. Er macht die Welt erträglich, und er verwandelt Elefanten in Mücken. Aber es geht gar nicht nur um Gegenwehr, es geht vor allem um die Stärkung des psychischen Immunsystems. Nichts schützt besser, nichts federt besser ab als ein Lachen, ob über sich selbst oder über andere. Und es steckt an. Stellt Gemeinsamkeit her. Es ist die schnellste Verbindung zwischen zwei Menschen, die sich bis eben noch nicht kannten. Ein nerviger Wichtigquatscher im Flughafenbus, die Frau neben ihm verdreht die Augen, ich grinse, sie grinst zurück – zack, ein winziger Moment der heiteren Einigkeit im Angesicht der unvermeidlichen Zumutungen, aus denen der Alltag nun mal besteht. 

Lachende Frau.

Lachen verbindet und wirkt ansteckend. 


Humor lässt sich lernen

Seltsamerweise ist Humor für viele nur noch mit Sicherheitsnetz denkbar. Die Empfindlichkeiten scheinen zuzunehmen, die Humor-Unverträglichkeiten: Darüber lacht man doch nicht, das ist überhaupt nicht witzig. Jeder hohle vorfabrizierte WhatsApp-Witz, jede flapsige Bemerkung muss vor dem Versenden mit mindestens drei Smileys garniert werden, damit man bloß nicht falsch verstanden wird. Die Antwort darauf sind dann vier bis fünf Tränenlach-Emojis (das vorletztes Jahr von den Oxford Dictionaries sogar als „Wort des Jahres“, weil das meistgenutzte Emoji der Welt, ermittelt wurde). Das Signal: Jawoll, ich habe den Witz verstanden, und ich schmeiß mich weg. Guck doch, wie humorvoll ich bin!

Schade. Denn eine sichere Nummer war Humor noch nie, im Gegenteil. Durch seine Eigenschaft, an den Verhältnissen zu rütteln und die Grenzen zu verschieben, ist er geradezu die Garantie für Missverständnisse. Produktive Missverständnisse, wärmende Reibungen – oder zumindest Klärung. Denn natürlich kann allein die Frage, worüber man lacht – Mario Barth? T-Shirts mit dem Aufdruck „Wish you were beer“? Kinder, die in den Matsch fallen? –, ungemein aufschlussreich sein. 

Aber nicht selten hat Humor gar nicht mit brüllendem Gelächter zu tun, sondern eher mit einer Geisteshaltung, mit Gelassenheit, einer entspannten Distanz, die einen die Dinge nicht allzu ernst und schon gar nicht persönlich nehmen lässt. Nicht glauben, im Mittelpunkt des Universums zu stehen, nicht denken, dass immer alles funktionieren muss. Das lässt sich lernen, dazu muss man kein großer Witze­erzähler sein.

Und wenn einem, was ja absolut vorkommen darf, mal das Lachen komplett vergangen ist: Es hilft tatsächlich der alte Trick, das eigene Gehirn auszutricksen, indem man 60 Sekunden lang eisern lächelt, auch wenn einem überhaupt nicht danach ist. Durchhalten! Die Laune steigt, Probleme schrumpfen, der Kopf schaltet wieder in den Humormodus. Und das Leben geht weiter.