Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Was Männer wirklich wollen

Wir ahnten es schon immer: Frauenzeitschriften werden mit Vorliebe von Männern gelesen. Unser Kolumnist York Pijahn erklärt, warum.

Veröffentlicht am 14.10.2016
York liest Frauenmagazine

Zum Niederknien! York, der Frauenmagazin-Versteher


Ich liebe den Moment, kurz bevor ich ins Flugzeug steige und in der Ziehharmonika-Röhre stehe: dem faltigen Schlauch, der die Maschine mit dem Flughafen-Terminal verbindet. Am Freitagabend stehen in diesem Tunnel fast ausschließlich Männer auf dem Weg nach Hause – in diesem abgewohnten Feierabendzustand kurz vorm Zusammenklappen. Wenn man in seinem Anzug aussieht wie ein Rodeo-Clown, der unter die Hufe geraten ist. Letzte Maschine, noch eine Minute, dann muss man sein Handy ausmachen. Ich warte oft in diesem Schlauch, nach einem Termin in Frankfurt oder München. Und dann? Steht man am weiß lackierten Zeitschriftenregal an der Einstiegsluke.

Es gibt im Kopf jedes Mannes ein Gara­gentor. Dahinter sind die Dinge verpackt und verstaut, die man immer schon gut fand – sich aber nie getraut hat zu machen: sich selber teure Blumen kaufen oder pastellfarbene Drinks bestellen, die am Rand Ananasscheiben und Spiralstrohhalme haben. Oder bei der Filmszene von „Billy Elliot“, als der Junge den Platz an der Royal Ballet School bekommt und sein widerborstiger Bergarbeitervater zu weinen beginnt, die innere Handbremse lösen. Und sich in eine Pfütze aus Tränen verwandeln.

Ich will das jetzt gar nicht aufbauschen, aber alle Männer haben dieses Garagentor; und in ein Männermagazin zu gucken öffnet dieses Tor kein bisschen. Denn wenn man ein Männermagazin aufschlägt, fährt einem dort meist ein fusselhaariger Richard Branson kreischend auf einem Jetski entgegen. Ein Mossad-Ausbilder zeigt einem 99 schmerzhafte Tricks für einen Betonbauch, und man sieht jedes Mal Bilder von unheimlich dicken Uhren. Uhren, die so aussehen wie etwas, das sich ein hormonell verwirrter Zwölfjähriger aus Paderborn zur Konfirmation wünscht, weil er glaubt, er sei Jacques Cousteau und ein Leben ohne Taucheruhr mit Kompass nicht mehr länger lebenswert.

Männer mögen Frauenzeitschriften; ich mag Frauenzeitschriften. Weil aus ihnen eine Stimme spricht, die sagt: Es ist alles in Ordnung und wenn es nicht in Ordnung ist, dann bekommen wir das zusammen hin. Weil diese Stimme sagt, dass es kein Zeichen von Oberflächlichkeit ist, sich für die schönen Dinge zu begeistern, sondern Teil eines guten Lebens. Weil sie uns helfen – auch wenn Männer das niemals zugeben würden –, das Garagentor aufzumachen.

Als Mann eine Frauenzeitschrift zu lesen fühlt sich immer wie etwas Verbotenes an, wie Spionage. Man darf für die Länge einer Geschichte backstage sein, den Aufwand bestaunen, den Frauen betreiben, um schön und klug zu sein, die Lässigkeit, mit denen es ihnen gelingt. Es ist zum Niederknien. All das werden Männer nie zugeben, auch wenn man ihnen droht, sie mit einer Parmesanreibe zu skalpieren. Wir sind ziemlich ausgebufft, wenn es darum geht, so zu tun, als würde uns das alles nicht interessieren.

Und deshalb liebe ich den Moment im Flughafen-Ziehharmonika-Schlauch. Wenn die vom Pendeljob sandgestrahlten Männer den Purser und die Stewardess scheinheilig nach einer Zeitschrift fragen – „für meine Frau“ – und dann im Punktstrahler der Kabine, in einer kleinen Lichtinsel, anfangen zu lesen. Und das Garagentor aufgeht. Ich weiß, dass es sehr, sehr vielen Männern genauso geht. Guten Flug.