Wechseljahre

„Und ich dachte, ich hätte Krebs"

Die Wechseljahre sind für manche Frauen eine schwere Belastung, für andere wiederum sind sie kaum wahrnehmbar. Zehn Frauen erzählen, wie sie ihre Wechseljahre erlebt (und überlebt) haben.

Veröffentlicht am 10.11.2017


Er kann ziemlich furchteinflößend sein, der Katalog der typischen Wechseljahrzumutungen. Immerhin bringt er es auf bis zu 30 verschiedene Symptome, von Haarausfall über Bartwuchs bis Hitzewallungen. Die gute Nachricht: Über die Hälfte aller Frauen hat entweder keine oder nur leichte Beschwerden. Und, das sollte man nicht vergessen, man ist nicht allein.

In Deutschland sind mehr als acht Millionen Frauen im klassischen Wechseljahralter – also zwischen 45 und 55 Jahren. Weltweit sind es 500 Millionen Frauen, und bis 2025 werden es mehr als eine Milliarde sein. Höchste Zeit, Klartext zu reden und mal nachzufragen, was wirklich passiert. Das reicht von „nichts“ bis „ganz schön heftig“, zeigt aber vor allem, dass man diesen großen Umbruch nicht wie eine Krankheit sehen sollte. Sondern als eine Phase, die vorbeigeht und, das ist die beste Nachricht, die man überlebt.

Einfach schlimm

Als das erste Mal Scheidentrockenheit auf Erektionsstörung traf, habe ich mich für ein Hormongel entschieden. Mein Mann offenbar dafür, nie wieder mit mir ins Bett zu gehen. Anfang 50 hatte ich eine beunruhigende Zeit. Panikattacken im Flieger, Heulkrämpfe im Büro und ständig die Angst, an Krebs zu erkranken. Ich bin dann zum besten Akupunkteur der Stadt und hatte nach einem Jahr das Gefühl: Das Schlimmste ist überstanden.

Christine, 54, Anwältin, ein Kind.


Heiß hier …

Meine Ärztin erklärte mir, dass meine Östradiol- und Progesteronwerte wirklich sehr niedrig seien. Was sie noch sagte: Man solle die Wechseljahre als Aufforderung begreifen, zum Wechsel, zur Veränderung. Ich wollte mich aber nicht abfinden mit Gelenkschmerzen, Schweißausbrüchen und Haarausfall, ich hatte das schon bei meiner Mutter mitbekommen. Eine Freundin riet mir, es mit Phytoöstrogenen zu versuchen, pflanzlichen Östrogenen, die zum Beispiel in Rotklee enthalten sind. Es half nichts, dafür wurde meine Haut fahler und meine Haare dünner. Ich entschied mich für eine Hormonersatztherapie. Ich weiß, sie ist mit Risiken verbunden, aber für mich war es trotzdem das Beste. Haut, Haare, Stimmung – alles wurde besser. Nach vier Jahren bin ich immer noch davon überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben.

Petra, 47, Softwareentwicklerin, verheiratet.


Porsche statt Panik

„Wechseljahre“ hört sich total unsexy an. Da beneide ich Männer. Die haben eine „Midlife-Crisis“. Das klingt gleich viel glamouröser, nach Ritt auf einer Harley-Davidson mit einer jungen Blondine dem Sonnenuntergang entgegen. Nicht nach grauen Schamhaaren, Osteoporose und Krähenfüßen. Aber was die können, kann ich auch: Ich habe mir eine Botox-Behandlung gegönnt und den ersten Porsche meines Lebens.

Melanie, 58, Zahnärztin, Single.

Endlich ich selbst

Meine Familie sagt: „So kennen wir dich gar nicht!“ Das liegt vermutlich daran, dass das sanft stimmende Östrogen aus dem Spiel ist. Jedenfalls stehe ich nicht mehr ständig zur Verfügung. Nicht für: Sind meine Jeans gewaschen? Kannst du mich schnell vom Bahnhof abholen? Seitdem gibt es dauernd Krach. Aber ehrlich: Seit ein, zwei Jahren habe ich das Gefühl, dass ich endlich die bin, die ich schon immer sein sollte.

Bianca, 48, Grafikerin, verheiratet, zwei Kinder.

Unter Verdacht

Zum Glück merke ich überhaupt nichts. Das Einzige, was mich wirklich stört: dass ich wegen meines Alters sofort unter Wechseljahrverdacht stehe. Wenn ich sage: „Ganz schön heiß hier“, oder mal lauter werde, bemerke ich, dass sich Kollegen vielsagende Blicke zuwerfen. Ärgert mich. Im Job werde ich behandelt, als sei ich nicht ganz zurechnungsfähig.

Simone, 48, Abteilungsleiterin, verheiratet, ein Kind.

Der Sex ist anders (nämlich besser)

Als bei uns beiden zum ersten Mal Probleme im Bett auftauchten, war das ziemlich verstörend. Ich wusste ja nicht, dass das bei mir mit dem Hormonwechsel zu tun hat, und fürchtete, dass mein Mann keine Lust mehr hätte. Zum Glück können wir über alles reden. Wir haben mit einem befreundeten Arzt gesprochen und erfahren, dass auch Männer ein Klimakterium durchleben, die sogenannte Andropause. Ich habe erst eine Hormoncreme benutzt, später ein Hormongel. Es wird auf die Haut aufgetragen, hilft gegen Hitzewallungen und Schlafstörungen und ist wesentlich harmloser als Hormontabletten. Wir haben uns bewusst gegen ein Testosteronpräparat für meinen Mann entschieden. Laut einer Studie riskiert man Herzprobleme. Inzwischen hat sich viel getan. Es ist, als würden wir uns neu entdecken. Die Voraussetzung für guten Sex ist ja nicht allein eine Erektion.

Michaela, 52, Steuerberaterin, drei Kinder.

Tanzen hilft

Ich sehe bei mir und bei meinen Freundinnen, wie wichtig Bewegung ist. Es gibt kein besseres Mittel gegen Wechseljahrbeschwerden. Manche haben sogar ihre Hormonpräparate abgesetzt, sie schlafen gut, sind besser drauf. Wenn wir abends nach dem Yoga oder dem Tanzen noch etwas trinken, sehe ich in lauter glückliche Gesichter.

Andrea, 56, Yogalehrerin, Single.


Sich neu entdecken

Nach einer Krebserkrankung bin ich schlagartig in die Wechseljahre gekommen. Immerhin hatte das keine negativen Folgen, ich habe nicht mal zugenommen. Das einzige, was mich gestört hat: dass ich dauernd etwas verlegt oder vergessen habe und mich nur noch auf eine Sache richtig konzentrieren konnte. Zufällig habe ich dann gelesen, dass bestimmte Hirnareale, zuständig für das Erlernen und Anwenden neuer Informationen, auch östrogenabhängig sind. Vor einem Jahr habe ich angefangen, Akkordeonunterricht zu nehmen. Das wollte ich schon immer. Ich merke, wie das meinem Kopf und meiner Seele guttut.

Paula, 44, Ernährungsberaterin, Single.


Menopause mit 39

Als meine Periode mit 39 plötzlich aussetzte, dachte ich zunächst, ich sei schwanger. Meine Mutter hatte sofort den Verdacht, es könnten die Wechseljahre sein. Sie selbst war damals auch Ende 30. Die Frauenärztin bestätigte es mir. Menopause. Ein Schock. Ich hatte eine Freundin, die gerade ihr erstes Kind bekam. Mein eigenes war gerade in die Grundschule gekommen. Gefühlt war ich noch in einem ganz anderen Modus, mein Leben passte so gar nicht zu diesem Wort „Klimakterium“. Damals habe ich es nur meiner besten Freundin erzählt und irgendwann auch meinem Mann. Schließlich brauchten wir nicht mehr zu verhüten. Auf keinen Fall wollte ich eine große Sache daraus machen. Wenn Freundinnen jetzt darüber reden, winke ich ab und sage, dass das für mich kein Thema sei. Ist vielleicht nicht unbedingt souverän. Aber ich bin bis heute gut damit gefahren.

Irmgard, 45, Physiotherapeutin, ein Kind. 

Problem? Welches Problem?

Endlich keine Periode mehr. Kein Verhütungsstress und dafür ein Selbstbewusstsein, für das ich mit 18 getötet hätte. Für mich sind die Wechseljahre eine echte Bereicherung.

Gaby, 49, Coach, geschieden.