Weltnudeltag

Pasta gut, alles gut!

Heute ist Weltnudeltag. Statt sich Streber-Menüs reinzuziehen, lieber mal wieder Spaghetti Bolognese kochen, findet auch myself-Kolumnist York Pijahn. Sein Plädoyer für den Kinderstar der Küche.

Veröffentlicht am 25.10.2017

Auch Monica Bellucci hatte schon immer ein Faible für Spaghetti.


Es gibt einen heiligen Hunger. Und dieser ist nur durch Spaghetti Bolognese zu stillen. Der Bauch ist an solchen Tagen nicht leer, er ist wund. Man hat keinen Appetit, sondern der Magen ist verzweifelt. Der Blick ist trüb, die Knochen tun weh, im Gehirn regnet es. So müssen sich Hundewelpen fühlen, die man auf Autobahnraststätten an einen Gullideckel angebunden hat. 

Doch dann passiert es. Man steht in der Küche einer Freundin oder eines Freundes und hört diesen Satz: „Ich mache gerade Bolognese, möchtest du auch?“ Wummp! Die Gesichtszüge schmelzen, man will sich aus Dankbarkeit im warmen Olivenöl der Bratpfanne wälzen, während die beste Nudelsauce der Welt Gestalt annimmt, der Superstar, der Seelentröster Number one, bitte Standing Ovations für: die Bolognese, den fleischgewordenen Beweis, dass Essen glücklich macht, Vegetarier die falsche Abzweigung genommen haben und nicht weniger verdienen als unser Mitgefühl.

Die Bolognese ist mehr als eine Sauce: Sie ist der Albtraum aller Angeber-Fernsehköche. Der Horror all jener, die glauben, Gutes müsse kompliziert und ein Leben ohne Manufactum-Hackbrett aus neunfach gelaugtem Akazienholz ein nutzloses sein. Bolognese! Der Schrecken aller Johann Lafers und Sarah Wieners, die lieber vier Stunden Kniescheibengeschnetzeltes vom Koalabären-Männchen in selbst gemolkener Mandelmilch dünsten, als einfach mal Spaghetti aufzusetzen.

Bolognese! Du bist der Feind all jener, die jeden Freitag mit Oberkochmütze Kerner eine stressige Leistungsschau machen, in der es 17 verschiedene Sorten schottischen Hochland-Roquefort und luftgetrocknete Anchovis-Herzen gibt, aber nie Kartoffelbrei oder Erbsensuppe. Nie „Gemüse mit“ sondern immer „Gemüse an“. In der Wein atmet, statt getrunken zu werden. In der Gemütlichkeit zu Tode flambiert wird, bevor es Dinge wie Rosmarin-Süßkartoffel-Eis gibt. Was nicht nur bekloppt klingt, sondern auch genauso klosteinig schmeckt. 

Leinwand-Diva Sophia Lauren glücklich mit Pasta.


Höre ich mich aufgedreht, genervt und hysterisch an? Ich bin es. Die Bolognese hingegen hat mit all dem nichts zu tun. Neben dem überkandidelten Fernsehgekoche steht sie wie Bud Spencer neben einem Supermodel, das zwar toll aus der Wäsche guckt, mit dem man aber nicht drei Sätze reden kann. Könnte die Bolognese sprechen, würde sie einem ins Ohr raunen: „Lass uns nicht über Kalorien reden, ich mach dich glücklich, Kleiner!“ Und auch wenn die Bolognese aus den räudigsten Dosentomaten gekocht ist, die laut Aufdruck auf der eingedellten Büchse bis 2028 halten sollen – schon der erste Bissen feuert einen zurück in die eigene Vergangenheit.

An einen Kindergeburtstagstisch, der einem bis zum Kinn reicht, an dem gegessen wird bis zum Umfallen, und zwar nur mit der Gabel. Nicht weil man das in einem total authentischen Studiosus-Reiseseminar in Umbrien gelernt hat. Sondern weil es unglaublich Spaß macht, wenn einem Nudeln durchs Gesicht fliegen. „Wer will noch was? Ich! Ich! Ich!“ Das ist der Soundtrack zu einer guten Bolognese. Mampfen, bis man auf dem Rücksitz eines VW Passat von einem Erwachsenen nach Hause gefahren wird, die Zahnspangendose vor der Brust. Rülpsend. Glücklich. Noch mal rülpsend. Immer noch glücklich. Und bereit für die Verdauungsstarre.

Man kann das natürlich bescheuert und retro finden, ein schwiemeliges Lob der Einfachheit. Klar. Doch dann erwischt man sich dabei, wie man nachts auf dem Weg ins Bad Richtung Küche abbiegt, denn da steht der Topf mit den Nudeln und der Sauce. Und man will essen. Bis man den Löffel abgibt.