Digitalisierung und Sexualität

Wie das Smartphone die Liebe rettet

Seit wir Smartphones und Tablets nutzen, hat sich ein unsichtbarer Dritter in unser Liebesleben geschlichen. Das kann aber auch eine Chance sein.

Mann und Frau am Pool mit Smartphone und Tablet


Wie war das eigentlich früher bei Paaren, wenn sie nicht mehr so oft miteinander schliefen, einander schon alles gesagt hatten und nicht mehr daran glaubten, den anderen groß verändern zu können? Sie saßen abends auf dem Wohnzimmersofa und sahen fern. Oder gingen ins Restaurant, wo es keine Ablenkungen gab, aber auch keinen prickelnden Gesprächsstoff.

Wie es heute ist, wissen wir alle. Da liegen auf den Tischen und neben den Betten Handys oder Tablets. Jedes Mal wenn die Konversation eine Pause einlegt, schnappt er sich sein Gerät und checkt noch schnell irgendwas, das Wetter, den Transfermarkt, die Mails, es gibt ja so vieles, was gecheckt werden muss. Sie macht das Gleiche. Nur noch schnell auf eine SMS antworten, auf Facebook gucken, was die anderen so treiben. Vielleicht blinkt auch gerade ihr Handy wie eine Glühbirne mit Wackelkontakt, weil alle ihr neues Instagram-Foto mögen. Schon ist sie „on“, während er einhändig weiterisst, weil er mit der anderen Hand im Web surft. Das macht weniger Stress, als mit ihr zu streiten. Und auch am Ende dieses Abends werden sie wieder nicht miteinander schlafen.

Wir leben ein permanentes Nicht-da-sein

Irgendwann fangen in der Liebe Durststrecken an. Jeder, der sich mit dem Thema befasst, weiß das. Wenn die Durststrecken zu lang dauern oder unerträglich werden, redet man darüber mit Freundinnen, miteinander und schließlich mit einem Paartherapeuten, man geht fremd, trennt sich oder findet sich damit ab. So ist das eben. Eine Konstante, die so sicher ins Leben und die eigenen Illusionen grätscht wie Falten und andere Verschleißerscheinungen. Das war schon immer so.
2016 gibt es allerdings einen Schuldigen für die Misere. Es ist die ständige Anwesenheit von Handys, Tablets und Laptops in Beziehungen. Das permanente Nicht-ganz-da-Sein, weil jeder immer auch woanders ist oder mindestens sein könnte. Es genügt, dass so ein Gerät in Blickweite des Menschen liegt, mit dem man eigentlich allein sein wollte, um daran erinnert zu werden, dass die Intimität jederzeit unterbrochen werden könnte. So belegen es mittlerweile viele Studien, die alle zu dem gleichen Befund kommen: Handys gefährden die Liebe.

Frauen verbringen mehr Zeit mit ihren Smartphones als mit ihren Partnern, hat eine dieser Studien ergeben. 25 Prozent der Menschen in Partnerschaften geben an, dass sich ihr Partner während der gemeinsam verbrachten Zeit vom Handy ablenken lässt, heißt es in einer anderen. 46 Prozent sagen, sie hätten sich schon einmal vernachlässigt gefühlt, weil der andere lieber auf einen Bildschirm guckte als ihnen in die Augen. Und in Tiefeninterviews mit 15 englischen Paaren über den Einfluss von Smartphones auf ihr Liebesleben gaben 40 Prozent von ihnen zu, dass sie schon mal den Sex hinausgezögert hatten, weil etwas auf ihren Geräten noch wichtiger war.

Ist der Liebste nicht interessant, tauchen wir ab

Natürlich sind solche statistisch erhobenen Auskünfte nur eine Bestätigung dessen, was man längst weiß – weil man es selbst oft genug erlebt hat. Und weil man selbst oft genug schuld ist, wie man ehrlicherweise zugeben muss.

Es ist ja tatsächlich oft kränkend, wie wir mit jenen umgehen, die wir lieben, mit denen wir essen, schlafen, Weihnachten und den Urlaub verbringen. Wir sind nicht ganz bei ihnen. Wir halten es keine paar Stunden aus, ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Wir nutzen jede Gelegenheit zur Mikroflucht – wenn sie gerade im Bad steht oder einen Anruf erhält oder er mal eben vor dem Restaurant eine raucht.

„Wir bekommen oft zu hören: ‚Ich fühle mich vernachlässigt, weil du ständig deine Mails oder die Nachrichten checkst, selbst beim Abendessen‘ “, gibt der renommierte amerikanische Beziehungsforscher John Gottman zu Protokoll. „Die wirkliche Gefahr besteht darin, dass Menschen so oft auf ihre Geräte schauen, dass es sie überhaupt nicht mehr bemerken, wenn ihre Partner Aufmerksamkeit von ihnen wollen.“ Eine erschreckende Auskunft darüber, wie hartherzig wir geworden sind: Selbst von den Menschen, die wir lieben, verlangen wir, dass sie pausenlos und ohne jede Aufwärmphase interessant sind, sonst tauchen wir ab.

Weil die Symptomatik so offensichtlich ist, ist es auch der Maßnahmenkatalog: handyfreie Zeiten und Zonen, keine Ablenkungen beim Essen, keine Geräte im Schlafzimmer, zu zweit bloß zu zweit sein. Klingt nach klassischen Beziehungstipps – Wochenenden nur für Sex, getrennte Kurzurlaube für mehr Spannung, gemeinsame Abenteuer ... Als könnte man mit ein paar Hausmachertricks das grundlegende Problem beheben, dass sich Liebe auf Dauer nicht mehr so anfühlt wie im Rausch der ersten Wochen. Und dass man es bei ihr über kurz oder lang auch mit Langeweile und Zähigkeit zu tun bekommen wird. Selbst wenn alles bestens ist.

Eine SMS ins Büro wärmt bis zum Abend

Schon aus Gerechtigkeitsgründen sollte man es sich nicht so einfach machen mit den Schuldzuweisungen. Das Handy ist nicht nur eine Maschine, mit der man demonstrieren kann, wie unaufmerksam man gegenüber dem Menschen in seiner Nähe zuweilen ist. Es ist auch ein Werkzeug, mit dem sich mitteilen lässt, wie viel uns aneinander liegt. Hunderte SMS und WhatsApp-Nachrichten, die unabhängig von ihrem Inhalt sagen: Ich habe gerade an dich gedacht. All die Updates aus dem Büro, von unterwegs, aus Umkleidekabinen („Steht mir das?“), die in der Analogzeit nicht möglich waren. Heute kann sich kaum jemand daran erinnern, aber vor 30 Jahren waren Menschen, die einander liebten, sehr viel öfter allein und voneinander getrennt, als sie es heute sind. Wenn einem die Liebste durch die Gefühle puckerte, musste man es für sich behalten. Oder erst eine Telefonzelle finden und das Glück haben, dass der andere gerade in der Nähe des Apparats war, wenn man anrief. Und schon gar nicht konnte man nette Anzüglichkeiten verschicken, als Erinnerung daran, was man beim Wiedersehen miteinander machen könnte. Heute bekommt man eine SMS oder Fotos ins Büro, die bis zum Abend wärmen. Auch das verdanken wir dem Mobiltelefon. Wenn wir nicht immer so entsetzlich unfair würden, sobald wir merken, dass uns etwas aus den Händen zu gleiten droht, müssten wir uns eingestehen, dass es nicht Werkzeuge sind, die die Liebe ruinieren – sondern wir selbst.

Man kann es immer wieder schaffen, die Liebe zu retten

Vielleicht sollten wir versuchen, das Handy als Instrument zu begreifen, das uns dazu zwingt, ein wenig ehrlicher zu werden – mit uns selbst und miteinander. Wir würden einsehen, dass immer etwas Drittes im Spiel ist, egal, wie sehr wir uns einbilden, zu zweit zu sein. Da sind immer auch die anderen, die Freunde, die sozialen Netzwerke. Da sind auch Bedürfnisse, die in der Zweisamkeit nicht gestillt werden können, und die Gefahren der routinierten Langeweile.

Als es die Dinger noch nicht gab, konnte man sich noch vormachen, dass manierliche Menschen es einigermaßen schaffen, ausreichend füreinander da zu sein. Da sagte man halt einen Abend lang im Restaurant nur das Nötigste und hielt das für seelischen Gleichklang, der keine Worte mehr braucht. Seit es Handys gibt, müssen wir mit der Wahrheit klarkommen, dass in jedem von uns etwas existiert, das nicht ganz anwesend ist. Das ist schwer, aber es geht nicht anders, und warum sollte es die Liebe nicht schaffen, damit klarzukommen? Sie wird ja auch mit anderen Beschwernissen fertig, mit Fernbeziehungen, Sinnkrisen, originellen sexuellen Bedürfnissen, komischen Arbeitszeiten, Älterwerden oder der Doppelbelastung durch Beruf und Kinder. Man muss den Mikroinvasionen durch die Smartphones Mikrostrategien des Widerstands entgegensetzen, wie immer in Beziehungen. Das ist ja das Schöne an ihnen: Man kann es immer wieder schaffen, die Liebe zu retten, trotz all dessen, was an ihr nagt.

Im Übrigen spricht nichts dagegen, das Handy-Problem offensiv anzugehen und den Mann, mit dem man gerade den Abend verbringt oder im Bett liegt, anzufunken. Das ist ein bisschen albern, wenn man miteinander sprechen oder sich in die Augen sehen könnte. Aber es kann durchaus überraschend und sexy sein, den Kommunikationskanal zu wechseln. Und irgendwann bemerkt man ja doch, dass man von einem Touchscreen nicht berührt werden kann.


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